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19.08.2009

Kalkputzarten und Kalkputzverarbeitung

Eigenschaften von Kalkputz und Tipps zur Verarbeitung – von Dipl.-Ing. Constance Brade*

Die Eigenschaft eines Kalkputzes hängt fast ausschließlich vom Anteil der so genannten Hydraulefaktoren ab, die der Putz neben dem reinen Kalkhydrat enthält. Unter Hydraulefaktoren versteht man Stoffe wie Kieselsäure, Tonerde oder Eisenoxid, die dem reinen Luftkalk einen hydraulischen Charakter (wasserbindend, unter Wasser erhärtend) verleihen.
baustoffwissen.de: Spritzkalk
Vernachlässigbar ist dabei häufig der eigentliche Ursprung des Hydraulefaktors, da letztendlich die gleichen wasserunlöslichen Erhärtungsprodukte (z.B. Calciumsilikathydrate oder Calciumaluminathydrate) entstehen.

Hydraulefaktoren und Kalk-Arten


Je nach dem, wie hoch der Anteil an Hydraulefaktoren neben dem reinen Kalkhydrat ist, unterscheidet man folgende Kalkarten:
  • Luftkalk – ohne hydraulische Bestandteile,
  • Hydraulischer Kalk – mit geringen bis mittleren Anteilen an hydraulischen Bestandteilen,
  • Hochhydraulischer Kalk – mit hohen Anteilen an hydraulischen Bestandteilen.
Sehen wir uns an dieser Stelle die Eigenschaften einmal näher an. Luftkalke sind sehr feinteilig und ergeben einen sehr geschmeidigen und ergiebigen Putzmörtel mit einem hohen Porenvolumen. Luftkalk erhärtet nicht unter Wasser und nur sehr langsam unter ständigem Luftzutritt. Erst vollständig carbonatisierter Kalk – also Kalk, der vollständig mit dem Kohlendioxid der Luft reagiert hat – ist wasserunlöslich. Luftkalkputze und -mörtel erreichen nur geringe Festigkeiten (ca. 1 N/mm²). Hydraulische Kalke erhärten nach fünf bis sieben Tagen Luftzutritt auch unter Wasser. Die Erhärtung unter Wasser wird durch den Anteil an Hydraulefaktoren bestimmt und reguliert, deren Reaktion aber an die fortschreitende Carbonatisierung des reinen Kalkes gebunden ist. Hydraulische Kalke sind nach dem Einsetzen der hydraulischen Reaktion wasserunlöslich. Sie können im Vergleich zum Luftkalk die Festigkeit und Frostbeständigkeit verdoppeln. Porenvolumen, Geschmeidigkeit und Ergiebigkeit nehmen im gleichen Maße ab. Luftkalkputze und Hydraulische Kalkputze sind aufgrund der oben beschriebenen Eigenschaften nur an nicht dauerfeuchten Fassaden erfolgreich einzusetzen. Diese Putze sind an entsprechend belasteten Fassaden durch Bindemittelauswaschungen sowie durch zu geringe Festigkeiten bzw. nicht ausreichenden Frostwiderstand gefährdet. Kalke mit puzzolanischen oder latenthydraulischen Zusätzen erhärten vergleichsweise langsam. Die hydraulische Erhärtungsreaktion dieser Stoffe kann nur ablaufen, wenn ein entsprechender "Anreger" (hier der Luftkalk) vorliegt. Des Weiteren darf diese Reaktion weder durch zu niedrige Temperaturen noch durch "Wassermangel" unterbrochen werden. Hochhydraulische Kalke erhärten auch unter Wasser und bereits nach ein bis drei Tagen Luftzutritt. Sie sind wasserunlöslich, erreichen Festigkeiten von bis zu 5 N/mm², und haben unter den Kalken die höchste Frostbeständigkeit. Insgesamt sind hochhydraulische Kalke in ihren Eigenschaften dem Zement am nächsten.
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baustoffwissen.de: Elbresidenz Bad Schandau
Bei der Fassadensanierung der Elbresidenz Bad Schandau kamen hochhydraulische Kalkputze zum Einsatz.

Tipps für die Verarbeitung


Im Vergleich zu zementreichen Putzmörteln ist die Verarbeitung von Kalkputzen zeitlich viel aufwändiger. So ist infolge der jeweiligen Erhärtungsreaktion die Mindeststandzeit länger und sollte individuell beurteilt werden. Die Stand- und Erhärtungszeit ist nicht nur abhängig von der Zusammensetzung, sondern ebenfalls von der gewählten Putzdicke, der Strukturgebung und nicht zuletzt von der Witterung und den Umgebungsbedingungen. Man darf daher nicht vergessen, dass die Standzeiten im Extremfall auch mehrere Wochen andauern können. Kalkputze dürfen daher im Winter nicht aufgebracht werden und im Herbst und Frühjahr nur dann, wenn die Temperaturen nicht unter 5°C absinken. So liegt der optimale Verarbeitungszeitpunkt zwischen April und September. Temperaturen von über 30°C führen zu einem schnellen Wasserentzug, sodass eine extrem hohe Gefahr des Verbrennens des Putzmörtels mit der Folge eines Festigkeitsverlustes besteht. Eine gewissenhafte Nachbehandlung durch ein sorgfältiges Befeuchten der Putzflächen sichert eine optimale Putzqualität. Das Abhängen mit Juttebahnen, die feucht gehalten werden, bzw. der Einsatz von Sprühnebel zählen zu den bewährten Methoden. Die Nachbehandlung kann unter Umständen 14 Tage lang erforderlich sein. Diese Maßnahmen können die Rissbildung im Putz deutlich reduzieren.
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baustoffwissen.de: Risse im Luftkalkputz
Schrumpf- bzw. Abtrocknungsrisse in einem Luftkalkputz. Fotos: Baumit

Wohngesundheit mit Kalkputzen


Kalkputze sind frei von gefährlichen Stoffen wie Formaldehyd oder Bioziden. Durch ihre sehr offenporige Struktur haben sie hervorragende Diffusionseigenschaften, d.h. Wasserdampf kann sehr gut im Baustoff transportiert werden. Gleichzeitig kann sich in der porigen Struktur des Kalkputzes und dessen Zuschlagstoffen auch noch ein gewisser Anteil flüssiges Wasser anlagern, was später wieder gleichmäßig an die Raumluft abgegeben wird. Dieser Effekt wird mit dem Begriff "Sorptionsverhalten" beschrieben. Diese Eigenschaften sorgen für ein angenehmes und gesundes Raumklima, da die Luftfeuchtigkeit im Raum reguliert werden kann. Tonige Bestandteile und spezielle porige Zuschläge können zudem auch Schadstoffe aus der Raumluft binden. Es darf aber nicht vergessen werden, dass die Wirksamkeit der hier beschriebenen Prozesse nur vorliegt, wenn eine ausreichende Putzstärke vorhanden ist und die Oberfläche die gleichen Eigenschaften wie der verwendete Putz aufweist. Also sollte auf Anstriche mit Dispersionsfarben sowie auf Tapeten verzichtet und eine mineralische Alternative gewählt werden. Die lang anhaltende natürliche Alkalität (hoher pH-Wert) von Kalkputzen wirkt desinfizierend und schützt daher auch vor Schimmelbefall. Jedoch nur so lange, bis die Carbonatisierung des verwendeten Kalkmaterials abgeschlossen ist, denn bei der Reaktion mit dem Kohlendioxid der Luft sinkt der pH-Wert der Kalks. Das Lüften der Räume ist ohnehin immer notwendig, nur Kalkputz allein kann eine dauerhaft feuchte Luft nicht entfeuchten. Ebenso wenig gibt es den einen Kalkputz, der alle positiven Eigenschaften in sich vereint. Die herstellende Industrie vertreibt stattdessen viele unterschiedliche Kalkputze, deren Rezepturen speziell auf die jeweils gewünschten Putzeigenschaften abgestimmt sind. Man muss sich also von der Vorstellung trennen, dass Kalkputze eine "Klimaanlage ohne Steckdose" darstellen und gleich alle guten Eigenschaften auf einmal entwickeln.



*Die Autorin ist Anwendungstechnikerin beim Hersteller Baumit

Quelle: baustofftechnik 06/2009
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