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19.11.2009

Jenseits der Regel

Ziegel für flache Dachneigungen (Teil 2)

In Teil 1 wurde bereits dargelegt, dass es für verschiedene Dachneigungen auch unterschiedliche Bedachungsmaterialien geben muss. Diese verfügen alle über unterschiedliche Regeldachneigungen. In den "allgemein anerkannten Regeln der Technik" wird die Regeldachneigung für Tondachziegel derzeit mit 22° festgelegt. Moderne Flachdachziegel einzelner Hersteller ermöglichen heute aber regensichere Dacheindeckungen auch bei Unterschreitung der Regeldachneigung.
baustoffwissen.de: Golfclub Fischen im Allgäu
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Golfclub Fischen im schnee- und regenreichen Allgäu: Die flach geneigten Dächer wurden von Creaton eingedeckt. Fotos: Creaton/HS
Bei Dächern unter 20° kann man ruhigen Gewissens von flachen Dächern sprechen. Die Regeldachneigung – also die unterste Dachneigungsgrenze, bei der sich eine Dachdeckung in der Praxis als regensicher erwiesen hat – ist allerdings auch bei Flachdachziegeln größer als 20°. Um in solchen Fällen die Regeneintragsicherheit gewährleisten zu können, ist eine Zusatzmaßnahme im Bereich des Unterdachs unumgänglich. Auch der Auswahl des Produktes muss dann mehr Beachtung geschenkt werden.

Flachgeneigte Dächer sind heute keine Seltenheit mehr. Planer und Berater, aber auch die ausführenden Handwerker müssen deshalb mit den Anforderungen in der Ausführung ebenso wie mit Haftungsfragen vertraut sein. Denn der Endverbraucher hat vor dem Gesetz Anspruch auf eine Leistung, die frei von Mängeln ist, dem vorbestimmten Nutzen dient und den allgemein anerkannten Regeln der Technik entspricht.

"Regelwerk" und "Stand der Technik"


Was jedoch sind die allgemein anerkannten Regeln der Technik? Im Bereich der Dacheindeckung mit Tondachziegeln wurden bereits im ersten Teil die Möglichkeiten der Eindeckung bei verschiedenen Dachneigungen erläutert. Dabei wurde immer wieder das Regelwerk des Deutschen Dachdeckerhandwerks (im weiteren Textverlauf nur "Regelwerk") erwähnt. Dieses regelt die Anforderungen an die Ausführung von Dacheindeckungen, geht aber auch auf die Produkteigenschaften ein. Zudem gibt es deutsche, europäische und internationale Normen, die sich ausschließlich mit den Anforderungen an die Produkte beschäftigen und diese definieren.
Für Planer und Handwerker ist der für die Ausführung der Leistung praxisnähere Teil das Regelwerk. Dieses stellt eine allgemeingültige Vorgabe dar, die produktneutrale Richtlinien geben soll, mit denen der Handwerker unabhängig von der Wahl des Produkts eine fachgerechte Ausführung gewährleisten kann.

Die Produktneutralität hat natürlich einen Haken. Sie verhindert die zeitnahe Anpassung des Regelwerks an die Entwicklung der Technik. Solange das Regelwerk produktneutral agieren muss, kann es keine Innovationen oder Produktentwicklungen aufnehmen, da es sonst nicht jedem Produkt auf dem Markt gerecht werden könnte. Wächter über diese Neutralität sind die Arbeitskreise des ZVDH (Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks), die notwendige Änderungen im Regelwerk beschließen. Das Regelwerk hinkt somit aus der guten Absicht heraus, keinen Hersteller zu benachteiligen, seiner Zeit notwendigerweise immer etwas hinterher. Im Gegensatz zum Regelwerk agiert die Industrie offensiver. Haben sich die Innovationen der Tondachziegel-Hersteller im Test als geeignet erwiesen, will man diese Produkte natürlich möglichst schnell vertreiben, den Kunden also das Bestmögliche anbieten. Herstellerangaben gehen somit nicht immer mit dem Regelwerk konform, wenn sie die aktuellsten Produktinnovationen aufgreifen. Spricht man beim Regelwerk von den anerkannten Regeln der Technik, so spricht man bei den Herstellerangaben – sofern sie sich bewährt haben – vom "Stand der Technik".
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baustoffwissen.de: Dachbau Zusatzmaßnahme Unterspannbahn
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Bei sehr flachen Dächern muss der Dachdecker oft Zusatzmaßnahmen vornehmen – z.B. eine Unterspannbahn verlegen –, damit die Regeneintragssicherheit des Dachaufbaus gewährleistet ist.

Zwei Drittel der Kosten einsparen


Ein Rechenbeispiel für den Fall von Dacheindeckungen mit Tondachziegeln soll hier die Vorteile von Herstellerangaben gegenüber dem Regelwerk verdeutlichen. Geplant ist ein großer Supermarkt mit einer Gesamtdachfläche von 1000 m2. Ausgeschrieben ist die Verwendung eines Flachdachziegels, da die Dachneigung nur 14° beträgt. Auch ist das Gebäude in einer sehr exponierten Lage erbaut und verfügt zudem über sehr lange Sparren. Gemäß dem Regelwerk würden wir hier die Regeldachneigung des Flachdachziegels (für Tonziegel 22°) um 8° unterschreiten und hätten zudem drei weitere erhöhte Anforderungen. Es müsste also ein wasserdichtes Unterdach ausgeführt werden. Als geschätztes bundesdeutsches Mittel dürfte der Quadratmeterpreis bei einem wasserdichten Unterdach um die 12 EUR liegen. Bei 1000 m2 ergäbe das in der Summe Gesamtkosten von 12000 EUR.

Würde der Verarbeiter Flachdachziegel nach dem Stand der Technik verschiedener Hersteller verwenden, würde für dieses Bauvorhaben eine Unterspannung völlig ausreichen. Der Preis dafür liegt bei etwa 4 EUR je Quadratmeter und für die Gesamtfläche bei nur 4000 EUR. Für den Bauherrn also ein Ersparnis von 8000 EUR. Die Entscheidung, ob nach Herstellerangaben gearbeitet werden kann oder nicht, ist immer gemeinsam mit dem Bauherrn abzustimmen. Herstellerangaben (also Stand der Technik) können auch den Status allgemein anerkannter Regeln der Technik erlangen. Das ist im Regelwerk klar festgeschrieben. So steht in der Grundregel des Regelwerks im Teil "Allgemeines" u.a. : "Herstellervorschriften (Verlegeanleitungen, Planungs- und Verarbeitungshinweise o.Ä.) stellen werkstoffspezifische Regelungen dar. Sie können ebenso wie z.B. Normen, Regelwerke und fortdauernde praktische Erfahrung den Status der allgemein anerkannten Regeln der Technik erlangen. Alle am Bau beteiligten Fachleute haben die Pflicht, sich ständig über die fortlaufenden Entwicklungen zum allgemein anerkannten Stand der Technik zu informieren."

Fazit


Bei der Ausführung von flachen Dachneigungen mit Tondachziegeln sind bereits in der Planungsphase viele Dinge zu beachten. Planer, Beratender und Ausführender sind hier zu besonderer Umsicht und Vorsicht angehalten. Eine Ausführung kann nach Regelwerk oder Herstellerangaben erfolgen. Wichtig ist dabei die Kommunikation mit der Bauherrschaft, die im Vorfeld zu informieren und zu beraten ist, wenn die Ausführung vom Regelwerk abweicht. Bei der Verarbeitung von Produkten nach Herstellerangaben können bei bestimmten Bausituationen immense Kosten im Unterdachbereich eingespart werden. Diese Produkte sind im Windkanal getestet und haben sich über Jahre in der Praxis bewährt. Von den Angaben des Regelwerks abzuweichen, darf daher nicht als abwegig gelten, sondern stellt in solchen Fällen den Stand der Technik dar.

Quelle: baustoffpraxis 10/2009. Autor: Malte Petersen, Leiter der Anwendungstechnik und Produktmanager bei der Creaton AG.

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