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Velux-Studie zur „Indoor Generation“

In Nordeuropa und Nordamerika verbringen Hausbesitzer heute im Durchschnitt 90 Prozent ihrer Zeit in geschlossenen Räumen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie zur „Indoor Generation“, die vom Dachfensterhersteller Velux beauftragt wurde. Die Untersuchung zeigt auch, dass Hausbesitzer meist nicht wissen, dass die Raumluft in Gebäuden um ein Vielfaches gesundheitsschädigender sein kann als die Außenluft.

Beklemmende Vision: Der Mensch verbringt immer mehr Zeit in geschlossenen Räumen. Abbildungen: Velux

Beklemmende Vision: Der Mensch verbringt immer mehr Zeit in geschlossenen Räumen. Abbildungen: Velux

Der Bericht „Die Indoor-Generation – Die Auswirkungen des modernen Lebens auf Gesundheit, Wohlbefinden und Produktivität“ wurde von Velux im Mai 2018 veröffentlicht. Er basiert auf einer Befragung von Hausbesitzern in Nordeuropa und Nordamerika. Die Daten stammen vom britischen Markt- und Meinungsforschungsinstitut You Gov, das international Online-Umfragen durchführt.

You Gov kann dafür nach eigenen Angaben auf ein Online-Panel zurückgreifen, das weltweit 5 Mio. Menschen umfasst. Diese haben sich bereit erklärt, wiederholt an Studien teilzunehmen und erhalten dafür in der Regel eine Geldprämie. Für die Velux-Studie wurden 16.000 Hausbesitzer in Großbritannien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, der Tschechischen Republik, der Slowakei, Italien, Österreich, der Schweiz und Spanien sowie in Kanada und den USA befragt.



    • Problematische Raumluftqualität

      Als „Indoor Generation“ wird eine wachsende Zahl von Menschen bezeichnet, die im Vergleich zu früheren Generationen den weitaus größten Teil ihrer Zeit in geschlossenen Räumen verbringt – aktuell 90 Prozent ihrer Lebenszeit. Dabei ist den Betroffenen meist nicht klar, dass die Luft in Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden unter Umständen stärker mit Schadstoffen belastet ist als die Außenluft. Die weitaus meisten der von You Gov befragten Studienteilnehmer – nämlich 77 Prozent – waren sich dessen nicht bewusst. Tatsächlich aber kann der Schadstoffgehalt in Innenräumen bis zu fünfmal höher sein als draußen.

      Aktivitäten des täglichen Lebens im Haus wie Kochen, Saubermachen oder Duschen, brennende Kerzen, das Trocknen von Wäsche, ja sogar das Schlafen und Atmen belasten die Raumluft, was im Lauf der Zeit das Risiko erhöht, an Asthma und Allergien zu erkranken. Schadstoffe aus toxischen Materialien in Plastikspielzeug, Reinigungsmitteln und Baustoffen können ebenfalls zu einer schlechteren Raumluftqualität beitragen. Besonders Kinder sind gefährdet, denn deren Schlafräume sind häufig die am stärksten mit Schadstoffen belasteten Räume im Haus.

      Durch den Trend zu energieeffizienten, luftdichten Gebäudehüllen hat sich die Raumluftqualität in den letzten Jahren vielerorts weiter verschlechtert, weil Schadstoffe verstärkt im Gebäude „eingesperrt“ sind und nicht mehr durch Gebäuderitzen entweichen können. Dichte Gebäudehüllen sind natürlich gut zum Energiesparen, sie sorgen im Winter dafür, dass die Wohnung warm bleibt und schützen im Sommer vor zu großer Hitze. Aber sie erfordern eben auch ein regelmäßiges Lüften der Bewohner beziehungswiese automatisierte Lüftungssysteme. Bleibt dies aus, droht eine gefährlich schlechte Raumluftqualität.

      Zudem steigt das Asthmarisiko um 40 Prozent, wenn man zu viel Zeit in feuchten, schimmeligen Gebäuden verbringt. Das ergab eine bereits Ende 2016 veröffentlichte Studie zur Schimmelpilzproblematik, die das Fraunhofer-Institut für Bauphysik durchgeführt hatte – ebenfalls im Auftrag von Velux. Man nimmt an, dass mehr Kinder an Asthma oder Allergien erkranken werden, wenn Wohnhäuser und öffentliche Gebäude nicht besser belüftet werden.

      Geringes Problembewusstsein

      Die You-Gov-Umfrage zeigt nach Angaben von Velux „eine erschreckend geringe Kenntnis der Faktoren, die ein gesundes Zuhause ausmachen – wie beispielsweise ein mangelndes Bewusstsein der Bedeutung einer ausreichenden natürlichen Belüftung“.

      Die You-Gov-Umfrage hat zudem ergeben, dass die meisten Menschen unterschätzen, wie viel Zeit wir pro Tag in geschlossenen Räumen verbringen: Zwei Fünftel (38 Prozent) gaben an, sich nur maximal 14 Stunden in Gebäuden aufzuhalten. Nach Angaben von Velux sei aber bekannt, dass heute in Wirklichkeit die meisten Nordeuropäer und Nordamerikaner über 90 Prozent ihrer Zeit (mehr als 21 Stunden) in geschlossenen Räumen verbringen, und das teilweise in dunklen, schlecht belüfteten Gebäuden. Deshalb spreche man mittlerweile von einer „Indoor Generation“.

      Über 80 % der befragten Deutschen waren über dieses Thema nicht ausreichend informiert. Grafik: Velux

      Über 80 % der befragten Deutschen waren über dieses Thema nicht ausreichend informiert. Grafik: Velux

      Die Umfrage förderte auch Erschreckendes zutage: Immerhin fast jeder sechste der Befragten (15 Prozent) gab zu, fast niemals nach draußen zu gehen und sich bis zu 24 Stunden pro Tag in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Dabei geht es übrigens nicht nur um private Wohnungen. „Öffentliche Gebäude müssen genauso berücksichtigt werden wie private Wohnhäuser“, ergänzt Peter Foldbjerg, Head of Daylight Energy and Indoor Climate bei Velux. „Viele Büros sind mit Fenstern ausgestattet, die sich nicht öffnen lassen, oder sie sind so schlecht belüftet, dass die Leistungsfähigkeit nachlässt und die Fehlzeiten steigen, da verbrauchte und mit Schadstoffen belastete Luft im Gebäude ‚gefangen‘ ist und nicht nach draußen entweichen kann.“

      Plädoyer für bessere Belüftung

      Obwohl wissenschaftlich nachgewiesen sei, dass ein besseres Raumklima zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen führe, sei in der Praxis bisher zu wenig für besser belüftete Gebäude geschehen. Peter Foldbjerg: „Wir haben noch einen langen Weg vor uns, wenn wir die Menschen davon überzeugen wollen, dass diese Veränderungen mehr als nur ein ‚Nice-to-have‘ sind. Angesichts der vielen Zeit, die wir alle in geschlossenen Räumen verbringen, ist die Menge der Schadstoffe, denen Erwachsene und Kinder täglich ausgesetzt sein können, besorgniserregend. Wenn wir nicht handeln, steht unsere Gesundheit auf dem Spiel.“

      Die Lösung, so Foldbjerg, sei sehr einfach: eben eine bessere Belüftung von Gebäuden. „Wir haben der Energieeffizienz zu lange Priorität eingeräumt und Faktoren der menschlichen Gesundheit missachtet“, so der Velux-Experte. Mit der Veröffentlichung der neuen Umfrage hofft der Dachfensterhersteller, das Bewusstsein für die Wichtigkeit gesunder, gut belüfteter und ausreichend mit Tageslicht und Frischluft versorgter Gebäude schärfen zu können. Langfristig möchte Velux Architekten und Planer anregen, die Themen Belüftung und Belichtung bei der Modernisierung und dem Entwurf von Gebäuden sowie bei der Städteplanung von Anfang an mit Priorität zu behandeln.


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      Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für baustoffwissen.de. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin "baustoffmarkt" und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift "baustoffpraxis". Kontakt: rgrimm1968@aol.com