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Erklärt: Was bedeutet „Wohngesundheit“?

Der Luftverschmutzung hat die Politik seit den 1970er-Jahren verstärkt den Kampf angesagt. Anfangs ging es vor allem um die Begrenzung der Schadstoffausstöße von Industrieanlagen, später folgten weitere Gesetzgebungen zur Reinhaltung der Außenluft. Für die Innenraumluft von Wohnhäusern gibt es bisher dagegen allenfalls Empfehlungen, aber keine bindenden Gesetze. Das ist auch schwierig, weil es hier um die Privatsphäre der Bürger geht. Immerhin wächst in den letzten Jahren das Bewusstsein, dass schlechte Raumluft krank macht. Dabei erobert ein neuer Begriff die Bauwelt: Wohngesundheit.

Gesundheitsschädigende Substanzen in der Raumluft

Gesundheitsschädigende Substanzen in der Raumluft riechen nur manchmal unangenehm – oft sind sie leider völlig geruchlos und bleiben daher unbemerkt. Foto: Baumit

Als 1974 in Deutschland das Bundes-Immissionsschutzgesetz in Kraft trat, verfolgte die Bundesregierung das Ziel, Mensch und Natur vor den Emissionen der Industrie zu schützen. Es hatte sich das Bewusstsein durchgesetzt, dass die Schadstoffe aus den Fabrikschloten eben nicht einfach in den unendlichen Weiten des Weltraums verschwinden, sondern sich in gesundheitsschädigender Konzentration in der Luft anreichern können. Eigentlich hätte man schon damals auf die Idee kommen können, die Schutzziele auch auf die Innenraumluft auszuweiten. Schließlich verbringt der moderne Mensch 80 bis 90 Prozent seiner Lebenszeit in Gebäuden. Und natürlich besteht auch dort die Gefahr, dass sich luftfremde Stoffe im Raum anreichern, die durch Einatmen gesundheitsschädigende Folgen verursachen.

Die öffentliche Wahrnehmung des Themas beschränkte sich aber lange Zeit nur auf einige medienwirksame Skandale. So wurden in der Vergangenheit schon etliche Stoffe als krebserregend entlarvt und anschließend verboten – zum Beispiel Platten aus Asbest, Holzschutzmittel mit dem Fungizid PCP oder Dichtungsmassen mit dem Weichmacher PCB. Doch anschließend erlahmte das öffentliche Interesse an Schadstoffen in Innenräumen meist schnell wieder. Wahrscheinlich ist das Thema einfach zu beunruhigend, und angesichts der Verbote konnte man sich leicht der verlockenden Illusion hingeben: “Jetzt ist alles gut“.



    • Außenluft und Raumluft

      Was ist eigentlich gemeint, wenn wir von Schadstoffen in der Raumluft sprechen? Natürlich dringt auch regelmäßig verschmutzte Außenluft in unsere Wohnräume ein, aber das ist hier nur das geringere Problem. Tatsächlich sind es in vielen Wohnungen vor allem die Wand-, Decken- und Bodenmaterialien sowie Möbel und sonstige Einrichtungsgegenstände, die problematische chemische Substanzen ausgasen.

      Hinzu kommt das Problem der Schimmelbildung in zu feuchten Räumen. Giftige Schimmelsporen verteilen sich ebenfalls in der Raumluft und werden dann von den Bewohnern eingeatmet. Die Feuchtigkeit als Ursache kann einerseits aus Baumängeln resultieren, wird aber andererseits auch durch den Mensch selbst produziert: beim Kochen, Baden und Duschen, aber auch schon beim Schwitzen oder bloß beim Atmen. Indem wir Sauerstoff einatmen und im Gegenzug Kohlendioxid und Feuchtigkeit ausatmen, tragen wir bereits zur kontinuierlichen Verschlechterung der Raumluftqualität bei.

      Natürlich sind die Gegebenheiten von Ort zu Ort verschieden, aber überraschenderweise ist die Luft in abgeschlossenen Räumen heute oft gesundheitlich gefährdender als die Außenluft. Die Antwort auf die Frage, ob es besser ist, zu Hause die Fenster geschlossen zu halten, um keine Schadstoffe von außen hereinzulassen, oder das Gegenteil zu tun, damit gefährliche Substanzen aus dem Innenraum abfließen, lautetet daher in der Regel: lüften, lüften, lüften! Wobei moderne Lüftungssysteme mit Filterfunktionen hier im Vorteil sind, weil man damit die Einfuhr von Pollen vermeidet, auf die bekanntlich viele Menschen allergisch reagieren.

Studie “Gesund Wohnen“

Bauherren nehmen Wohngesundheit zunehmend ernst. Das belegt die aktuelle Studie “Gesund Wohnen“, die von Baumit und dem Sentinel-Haus-Institut beauftragt wurde.

Zahlreiche Schadstoffquellen

Die Bandbreite an Schadstoffen, die aus Bauprodukten und Einrichtungsgegenständen in den Innenraum gelangen können, ist riesig und kann hier nicht ausführlich besprochen werden. Viele Farben, Lacke, Putze, Klebstoffe, Kunststoffe oder Holzwerkstoffe enthalten flüchtige Gase, die über viele Jahre an die Raumluft abgegeben werden und beim Menschen zum Beispiel Allergien, Asthma und Nervenkrankheiten auslösen können. Hinzu kommen mögliche gesundheitliche Belastungen durch das Einatmen von mineralischen oder organischen Fasern, etwa aus Dämmstoffprodukten. Selbst von Produkten wie Naturstein oder Keramikfliesen können Belastungen ausgehen, da sie in der Regel mehr oder weniger stark radioaktiv strahlen – wenn auch normalerweise unterhalb geltender Grenzwerte. Und schließlich wird die Innenraumluft natürlich auch mit elektromagnetischen Strahlungen belastet. Gerade dieser Bereich hat angesichts der extremen Zunahme von Mobilfunk und WLAN-Internet in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Inwieweit all der “Elektrosmog“ unsere Gesundheit gefährdet, werden aber erst künftige Forschergenerationen mit Sicherheit sagen können.

Definition des Sentinel-Haus-Instituts

In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für schädliche Substanzen in der Raumluft gewachsen – bei Konsumenten ebenso wie bei Baustoff- und Möbelherstellern. Zugleich haben sich Schlagwörter wie “Wohngesundheit“ oder “wohngesundes Bauen“ verbreitet. Das hängt nicht zuletzt mit der Aufklärungsarbeit des Sentinel-Haus-Instituts (SHI) zusammen (www.sentinel-haus.eu). Das SHI macht nicht nur Lobbyarbeit für Wohngesundheit, sondern hat auch ein praktisches Verfahren entwickelt, nach dem Bauunternehmen ihren Kunden eine festgelegte Qualität der Innenraumluft vertraglich zusichern können – unabhängig von der Bauweise und unter Verwendung handelsüblicher Baustoffe.

Nach einer Definition des SHI steht der Begriff Wohngesundheit für “einen Gebäudezustand, der durch Minimierung von gesundheitsschädlichen Einflüssen für die Gesundheit optimale Bedingungen schafft und damit beitragen kann, die Gesundheit möglichst zu erhalten, Menschen mit besonderen Sensitivitäten gegenüber Umwelteinflüssen sogar eine Reduzierung ihrer Befindlichkeiten zu bieten und im Individualfall durch positive Effekte wie Licht und Farbe das Wohlbefinden sogar zu steigern“.

Warum “Wohngesundheit“?

Im Zusammenhang mit Baustoffen ist die Begriff “Wohngesundheit“ etwas irreführend. Von einer “wohngesunden Innenfarbe“ oder einem “wohngesunden Holzschutzmittel“ erwarten wir schließlich nicht, dass sie uns gesünder machen. Es reicht schon, wenn sie uns nicht krank machen. “Gesundheitsunschädliche Baustoffe“ könnte man sagen, aber das klingt eben nicht so schön.

In der Praxis geht es beim wohngesunden Bauen natürlich meist um den Einsatz von möglichst schadstoffarmen Baustoffen. Aber der Begriff “Schadstoffarmut“ kann ebenfalls in die Irre führen. Denn wann ist ein Stoff ein Schadstoff? Die oben erwähnten “Menschen mit besonderen Sensitivitäten gegenüber Umwelteinflüssen“ sind oft Personen, die stark allergisch auf eigentlich ungefährliche Naturstoffe reagieren, die man allgemein niemals als Schadstoffe bezeichnen würde. Insofern bedeutet wohngesundes Bauen eben nicht nur, dass man nach einem festgelegten Standard schadstoffarm baut. Stattdessen geht es in vielen Fällen um eine individuelle Materialauswahl für die Innenraumgestaltung, bei der die Menschen mit ihren individuellen “Empfindlichkeiten“ das Maß der Dinge darstellen.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für baustoffwissen.de. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin "baustoffmarkt" und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift "baustoffpraxis". Kontakt: rgrimm1968@aol.com