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Was ist ein Kaltdach?

Kaltdächer sind belüftete Dächer in zweischaliger Bauweise. Die Lüftungsschicht befindet sich zwischen den beiden Schalen: unter der Dachhaut und über der Dämmebene. Der Begriff Kaltdach wurde ursprünglich im Flachdachbereich geprägt, in Abgrenzung zum Warmdach. Dabei ist das Konstruktionsprinzip des Kaltdachs eigentlich viel häufiger bei Steildächern zu finden.

Auch das ist ein Kaltdach: Nicht ausgebauter Dachraum mit Wärmedämmung auf dem Dachboden. Foto: Unidek Gefinex

Auch das ist ein Kaltdach: Nicht ausgebauter Dachraum mit Wärmedämmung auf dem Dachboden. Foto: Unidek Gefinex

Bei einem Steildach besteht die Dachhaut meist aus Dachpfannen – also zum Beispiel Dachziegel und -steine – sowie der darunter verlegten Unterdeck- oder Unterspannbahn. Zwischen Dachhaut und der Bahn befindet sich noch eine Hohlraumebene, die durch die Unterkonstruktion der Dacheindeckung (Konter- und Traglatten) erzeugt wird. Ganz wichtig: Diese Ebene ist nicht gemeint, wenn wir von der Lüftungsschicht beim Kaltdach sprechen! Sie ist kein Alleinstellungsmerkmal des Kaltdachs, sondern existiert auch bei allen Steildächern, die als Warmdach konstruiert sind. Die Aufgabe dieser Hohlraumebene besteht nämlich einfach nur darin, Niederschlagswasser, das unter die Dachpfannen gelangt, sicher zu den Dachrinnen abzuleiten.



    • Wo liegt die Lüftungsschicht?

      Wo aber liegt nun die Lüftungsschicht eines Kaltdachs im Steildachbereich? Antwort: Nicht oberhalb, sondern unterhalb der Unterdeck- oder Unterspannbahn! Genauer gesagt befindet sich die Lüftungsebene zwischen den Dachsparren, auf denen die Dachhaut ja aufliegt. Auch Kaltdächer sind heute in der Regel gedämmt, doch wird dabei nicht der gesamte Sparrenquerschnitt mit Dämmstoff gefüllt. Die Zwischensparrendämmung hat sozusagen noch „etwas Luft nach oben“. Diese Konstruktionsweise war früher Standard. Steildächer waren in der Regel Kaltdächer.

      Zu den bauphysikalischen Vorteilen dieses Dachaufbaus zählt, dass Luftfeuchtigkeit aus dem Gebäudeinneren, die über die Dachschrägen-Verkleidung in die Dämmstoffebene diffundiert, auf der Außenseite der Dämmung wieder entweichen kann und entlüftet wird. Das schützt vor Feuchteschäden. Sichergestellt wird das Funktionsprinzip durch Belüftungsöffnungen an Dachtraufe und -first, die sich in jedem Sparrenfeld des Steildachs befinden müssen.

      Neben der hier geschilderten Variante mit Lüftungsschicht gibt es auch noch eine ganz andere Form von Kaltdach. Früher waren Dächer ja oft überhaupt nicht gedämmt. Dachböden wurden nicht ausgebaut, sondern befanden sich komplett im kalten Bereich. Bei solchen ungedämmten Dächern verpflichtet die Energieeinsparverordnung (EnEV) Bauherren heute zur Dämmung der obersten Geschossdecke. Der Dämmstoff wird dann auf dem Fußboden des Dachraums verlegt. Auch das ist eine Variante des Kaltdachs. Zur Entlüftung des Wasserdampfes aus dem Gebäudeinneren dient hier gewissermaßen der komplette Dachraum.

      Kaltdach bei Flachdächern

      Flaches Kaltdach: Die Lüftungsschicht befindet sich zwischen Dachhaut und Dämmung. Grafik: Industrieverband Polyurethan-Hartschaum (IVPU)

      Flaches Kaltdach: Die Lüftungsschicht befindet sich zwischen Dachhaut und Dämmung. Grafik: Industrieverband Polyurethan-Hartschaum (IVPU)

      Kaltdach-Konstruktionen waren bei Steildächern früher Standard, werden heute aber immer mehr durch einschalige Warmdächer ersetzt. Für Flachdächer gilt das in noch stärkerem Maße. Gleichwohl gibt es auch Flachdächer, die als Kaltdach konstruiert sind. Die Dachhaut des Flachdachs – meist Kunststoffbahnen oder Bitumenbahnen – liegt dann nicht direkt auf der Dämmschicht, sondern auf einer dünnen Schalung, die auf den Dachsparren befestigt wird. Darunter befindet sich zunächst die Lüftungsschicht. Die Dämmstoffebene folgt erst im unteren Bereich der Sparren oder sogar unterhalb von diesen.

      Im Grunde ist es aber wie beim Steildach: Die Lüftungsschicht befindet sich zwischen Dachhaut (beim Flachdach: Abdichtungsbahnen) und der Dämmstoffebene. Belüftungsöffnungen sind beim „flachen Kaltdach“ an zwei gegenüberliegenden Seiten vorgeschrieben. Hinzu kommen meist noch zusätzliche Entlüftungshauben in der Mitte der Dachfläche.

      Trend zur Sparrenvolldämmung

      Heute haben sich auch im Steildachbereich einschalige Warmdächer weitgehend durchgesetzt. Das Kaltdach scheint ein Auslaufmodell. Ein Grund dafür: Wegen der in den letzten Jahrzehnten stark gestiegenen Dämmanforderungen benötigt man den kompletten Sparrenquerschnitt für Dämmstoffe. Eine Lüftungsschicht würde hier Platz kosten.

      Die Sparrenvolldämmung wird bauphysikalisch nicht zuletzt durch den Einsatz moderner Dampfbremsen auf der Innenseite der Dämmung ermöglicht. Diese Baufolien verhindern einerseits eine zu starke Durchfeuchtung von Dämmung und Dachsparren durch die Raumluftfeuchte, erlauben aber andererseits aufgrund ihrer Dampfdurchlässigkeit ein Austrocknen der Dachmaterialien, wenn diese doch zu viel Feuchtigkeit aufgenommen haben.

      Übrigens benötigt auch ein teilgedämmtes Kaltdach stets eine diffusionsoffene Dampfbremse auf der Raumseite von Dämmung und Sparren. Das gesamte Dachschichtenpaket muss beim Kaltdach dampfdurchlässig sein. Das ist die Grundvoraussetzung für den gewünschten Entlüftungseffekt.

      Vor- und Nachteile von Kaltdächern

      Neben dem Lüftungseffekt haben Kaltdächer noch einen anderen Vorteil. Die Belüftungsschicht direkt unter der Dachhaut sorgt dafür, dass diese sich – vor allem im Sommer – nicht so stark aufheizt. Das ist gut fürs Mikroklima in Ballungsräumen, verlängert die Lebensdauer der Abdichtungsbahnen und senkt die Temperaturen im Dachraum. Wobei man Letzteres natürlich genauso gut durch mehr Dämmstoff erreichen kann. Der bietet zudem nicht nur sommerlichen Hitzeschutz, sondern sorgt auch dafür, dass im Winter die Heizungswärme im Gebäude bleibt.

      Ein Kaltdach muss allerdings fachkompetent geplant werden, damit die Vorteile der Entlüftung beziehungsweise Entfeuchtung nicht in ihr Gegenteil umschlagen. Gerade wenn sich an die Lüftungsschicht eine relativ dicke Dämmschicht anschließt, können die äußeren Dachschichten auch schnell mal „zu kalt“ werden. Je effektiver die Dämmung die Raumwärme einschließt, umso kühler wird es im Winter an der Außenseite von Dämmung und Sparren – also im Bereich der Lüftungsschicht. Damit steigt in diesem Kaltbereich das Risiko, dass Wasserdampf aus dem Innenraum zu flüssigem Wasser kondensiert und Feuchteschäden wie Schimmelschäden auslöst.


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      Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für baustoffwissen.de. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin "baustoffmarkt" und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift "baustoffpraxis". Kontakt: rgrimm1968@aol.com