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Was ist ein Umkehrdach und wie funktioniert es?

Ein besonderes System zur Dämmung von Flachdächern ist das so genannte Umkehrdach. Anders als bei der konventionellen Methode, wo der Dachschichtenaufbau von oben durch eine Abdichtung geschützt wird, ist der Dämmstoff beim Umkehrdach relativ ungeschützt der äußeren Witterung ausgesetzt. Das klingt im ersten Moment verrückt, hat aber durchaus bauliche Vorteile.

Aufbau eines Umkehrdaches

Beim Umkehrdach liegt die Abdichtung (schwarze Linie mit weißen Strichen unterhalb der Dämmstoffplatten (violett.

Beim Umkehrdach liegt die Abdichtung – meist eine Bitumen- oder Kunststoffbahn – unterhalb der Dämmstoffplatten (siehe Grafik). In der Regel wird sie direkt auf die tragende Konstruktion des Flachdachs, also zum Beispiel auf der obersten Stahlbetondecke des Gebäudes, verlegt. Der Dämmstoff dagegen wird nicht abgedichtet, sondern von oben nur mit einem Vlies abgedeckt und meist mit einer lockeren Kiesschüttung beschwert.

Der Kies dient unter anderem als Windsogschutz, er soll also verhindern, dass Dämmplatten bei ungünstigen Wetterverhältnissen einfach vom Dach geweht werden. Denn die Platten werden beim Umkehrdach in der Regel lose verlegt. Der Kies schützt die Dämmung aber nicht vor Feuchtigkeit durch Regen oder Schnee. Das gilt auch für das Vlies. Dieses soll in erster Linie verhindern, dass Teile der Kiesschüttung in die Dämmstoffebene hineinrieseln und sich zum Beispiel in den Fugen zwischen den Dämmstoffplatten ansammeln. Das Vlies ist also zumindest beim herkömmlichen Umkehrdach wasserdurchlässig.



    • Feuchtresistenter Dämmstoff

      Da die Dämmung im häufig nassen Außenbereich liegt, können nur Materialien eingesetzt werden, die resistent gegen Feuchtigkeit sind. Sehr oft werden Umkehrdächer mit extrudiertem Polystyrol-Hartschaum (XPS) ausgeführt. Er nimmt nur sehr wenig Wasser auf und gilt als verrottungsfest. XPS ist allerdings nicht UV-beständig, auch deshalb ist die Kiesschüttung wichtig.

      Hundertprozentig wasserdicht ist XPS allerdings nicht. Über einen längeren Zeitraum kann sich in dem Kunststoffschaum Feuchtigkeit ansammeln und zur Verminderung des Dämmvermögens führen. Auch deshalb muss das Dachvlies zumindest diffusionsoffen sein. So kann Feuchtigkeit aus der Dämmstoffebene bei trocken-warmer Witterung wieder entweichen. Das gilt natürlich auch für Wasser, das sich über die Fugen zwischen den Dämmstoffplatten auf der Abdichtungsbahn ansammeln kann.

Hanse-Klinikum in Wismar Dachdämmung nach Umkehrprinzip

Das Dach des Hanse-Klinikums in Wismar wurde nach dem Umkehrdachprinzip mit XPS-Platten gedämmt. Grafik/Foto: Jackon Insulation

Vorteile des Umkehrdachs

Wir wissen jetzt, wie ein Umkehrdach aufgebaut ist. Es bleibt aber die Frage: Was soll das alles? Welchen Vorteil hat die umgekehrte Flachdachwelt? Die Antwort ist ebenso einfach wie verblüffend. Die Abdichtung eines „normalen“ Flachdachs – man spricht auch von der „Dachhaut“ – schützt die darunter gelegenen Schichten vor den äußeren Witterungseinflüssen. Man hat aber im Laufe der Zeit festgestellt, dass die meist noch mit einer Kiesschüttung bestreuten Abdichtungen eigentlich selbst schutzbedürftig sind.

Durch die oft enormen Temperaturschwankungen im Außenbereich zieht sich die Dachhaut nämlich immer wieder zusammen und dehnt sich anschließend wieder aus. Das führt allmählich zu Materialermüdung und macht einen Austausch der Dachhaut notwendig. Bei einem Umkehrdach nun wird die Abdichtung durch die Dämmplatten geschützt und erreicht dadurch eine höhere Lebensdauer. Die dünne Dachhaut ist nicht nur vor allzu starker Sonneneinstrahlung und Kälteeinwirkung geschützt, sondern auch vor den Gefahren einer mechanischen Beschädigung.

Zudem hat das Umkehrdach Vorteile bei Verarbeitung und Wartung. Die Dämmplatten können relativ schnell lose verlegt werden und erlauben jederzeit einen vergleichsweise einfachen Zugang zu den tiefer gelegenen Schichten des Dachpakets. Dass die Dachabdichtung bereits als erste Schicht aufgebracht wird, erlaubt dem Verarbeiter im Anschluss eine flexiblere Terminplanung. Denn für die Aufbringung der übrigen Schichten ist es nicht weiter schlimm, wenn die Dachbaustelle zwischenzeitlich auch mal im Regen steht.

Varianten des Systems

Der oben beschriebene Aufbau ist die häufigste, aber nicht die einzige Variante eines Umkehrdaches. Statt Kiesschüttungen sind zum Beispiel auch Gründach-Auflagen möglich. Selbst begehbare und sogar befahrbare Umkehrdächer gibt es. Der extrem belastbare Dämmstoff XPS macht es möglich. Bei befahrbaren Parkdecks kommen zum Beispiel Betonplatten für die oberste Dachschicht zum Einsatz.

Ein Nachteil des Umkehrdaches kann darin liegen, dass bei starken Niederschlägen auch die Dämmwirkung von feuchtigkeitsbeständigen Materialien wie XPS irgendwann nachlässt. Um dies auszuschließen, gibt es mittlerweile auch Systemvarianten mit einem wasserableitenden Kunststoffvlies oberhalb der Dämmschicht. Es versteht sich von selbst, dass auch diese Trennlage zumindest dampfdiffusionsoffen sein muss. Sie führt aber einen Großteil des Niederschlagswassers direkt in die Dachabläufe ab.

Zweilagige Dämmung

Die wasserableitende Trennlage spielt auch deshalb eine zunehmend große Rolle, weil Umkehrdächer seit rund zwei Jahren auch zweilagig gedämmt werden dürfen. Das war früher nicht zulässig, da man die Erfahrung gemacht hatte, dass sich zwischen den Schichten ein Wasserfilm bildet, der die Austrocknung der unteren Dämmlage verhindert. Mittlerweile haben verschiedene Hersteller aber doppellagige Systeme auf den Markt gebracht, für die sie nachweisen konnten, dass das geschilderte Problem mit dem Wasserfilm nicht mehr auftritt. Das aber funktioniert nur, wenn ein wasserableitendes Dachvlies zwischen der Kiesschicht und der oberen Dämmstoffebene eingebaut wird.

Die zweilagige Verlegung erlaubt größere Dämmstoffdicken bei Umkehrdächern. Bis zu 400 mm sind derzeit erlaubt. Eine alternative, patentierte Lösung bietet der XPS-Hersteller Jackon Insulation. Er hat spezielle Dämmblöcke für Umkehrdächer auf den Markt gebracht, die hergestellt werden, indem man mehrere XPS-Platten vollflächig verklebt. Bei diesem System sind Dämmstoffdicken bis zu 320 mm möglich.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für baustoffwissen.de. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin "baustoffmarkt" und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift "baustoffpraxis". Kontakt: rgrimm1968@aol.com