RM Rudolf Müller
Titandioxidpulver: Der Naturfarbenhersteller Kreidezeit verzichtet schon heute auf das Weißpigment.  Foto: Kreidezeit

Titandioxidpulver: Der Naturfarbenhersteller Kreidezeit verzichtet schon heute auf das Weißpigment.  Foto: Kreidezeit

Bauchemie
27. Oktober 2020 | Artikel teilen Artikel teilen

Titandioxid – plötzlich gefährlich?

Die Verbindung Titandioxid galt bisher als harmlos. Sie steckt aufgrund ihrer positiven Eigenschaften seit Jahrzehnten in zahllosen Lebensmitteln, Kosmetikgütern und Medikamenten, aber auch in vielen Baustoffen, Kunststoffen und in den meisten Farben. Doch auf einmal gibt es Gegenwind aus Brüssel. Die Europäische Union hat das beliebte Weißpigment als potenziell krebserregend eingestuft. Die Titandioxid-Produzenten widersprechen vehement und klagen gegen die Einstufung.

Das geruchlose und geschmacksneutrale Element Titandioxid ist eigentlich ein Naturstoff. Es entsteht nämlich ganz von selbst, wenn das Metall Titan mit dem Sauerstoff der Luft zu TiO2 oxidiert. In der Natur sind die Moleküle aber normalerweise in Erdgesteinen oder Sanden gebunden. Doch der Mensch gewinnt reines Titandioxid schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts im Labor. Der weiße, pulverförmige Stoff wird aufgrund seiner besonderen Eigenschaften in großen Mengen künstlich hergestellt.

Superweißes Aufhellmittel

Die mit Abstand häufigste Verwendung von TiO2 ist bis heute der Einsatz als hoch deckendes Farbpigment. Anwendungsbeispiele sind neben Farben, Lacken, Putz und Mörtel auch Kunststoffe (zum Beispiel Fensterrahmen) und Papier. Titandioxid findet man aber auch in Kosmetika, Zahnpasta, Sonnenschutzmitteln, Medikamenten und sogar in vielen Lebensmitteln. Die Substanz eignet sich nämlich perfekt, um andere Stoffe aufzuhellen. Titanweiß gilt als das „weißeste Weiß“ der Welt. Das lichtreflektierende Weißpigment ist im Übrigen auch Bestandteil vieler anderer Farben.

Im Kosmetikbereich wird Titandioxid zudem als Verdickungsmittel und UV-Schutzmittel geschätzt. Ob ein Produkt TiO2 enthält, kann man in der Regel den Angaben auf der Verpackung entnehmen. Doch nicht immer steht dort Titandioxid. In Lebensmitteln findet man eher das Kürzel E171, bei Kosmetika heißt es meist CI 77891. Im Farbenbereich wiederum hat sich die Bezeichnung Pigment White 6 etabliert (PW6).

Baustoffbeschichtungen

Photokatalyse: Titandioxid auf Dacheindeckungen wandelt Stickoxide (NOx) in unschädliche Nitrate (NO3) um. Grafik: Eternit

Photokatalyse: Titandioxid auf Dacheindeckungen wandelt Stickoxide (NOx) in unschädliche Nitrate (NO3) um. Grafik: Eternit

Im Baustoffbereich verwendet man für einige Anwendungen Titandioxid-Nanopartikel. Dabei handelt es sich um winzige Teilchen von maximal 100 Nanometer Größe. Das entspricht dem millionsten Teil eines Millimeters. Diese Titandioxid-Nanopartikel verwendet man unter anderem in photokatalytisch wirksamen Beschichtungen für Pflastersteine und Dachpfannen oder auch als Beimischung in Fassadenputzen und -farben.

Dank des TiO2 sind die Baustoffe in der Lage, Luftschadstoffe abzubauen. Hier macht man sich die Eigenschaft der winzigen Partikel zunutze, bei Sonneneinstrahlung zum Beispiel mit Stickoxiden zu reagieren und diese dadurch in harmlose Salze (Nitrate) umzuwandeln. Man spricht in diesem Zusammenhang von einer Photokatalyse, weil die chemische Reaktion durch Licht ausgelöst wird.

Da die Botschaft von den luftreinigenden Baustoffen natürlich eine gute Marketing-Story abgibt, haben sich in den letzten Jahren viele Hersteller entschieden, TiO2-Nanomaterial in ihren Produkten zu verwenden. Mittlerweile gibt es auch Fliesen mit Titandioxid-Oberfläche, die nach Herstellerangaben in der Lage sind, Bakterien abtöten.

Gegenwind aus Brüssel

Doch über der positiven Marketing-Story liegt nun ein Schatten, denn die TiO2-Industrie bekommt gerade kräftigen Gegenwind aus Brüssel. Im Rahmen der EU-Verordnung zur Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen (CLP) hat die Europäische Union das Weißpigment nämlich am 18. Februar 2020 als potenziell krebserregenden Gefahrstoff eingestuft. Diese Einstufung soll nach einer 18-monatigen Übergangsfrist am 1. Oktober 2021 rechtsgültig werden.

Auf scharfe Kritik stößt die Einstufung beim TDMA (Titanium Dioxide Manufacturers Association) – das ist die europäische Interessenvertretung der wichtigsten TiO2-Hersteller. Auf seiner Website verweist der Herstellerverband unter anderem auf vier epidemiologische Studien in Nordamerika und Europa, an denen mehr als 24.000 Arbeitnehmer der TiO2-herstellenden Industrie beteiligt waren. In diesen Studien sei kein Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber TiO2 und der Entwicklung von Lungenkrebs beim Menschen festgestellt worden.

Es gäbe in Deutschland auch „keine anerkannten Fälle von Berufskrankheiten aufgrund von TiO2-Exposition oder ärztlich gemeldete Fälle von Atemwegserkrankungen aufgrund von TiO2-Exposition der Arbeitnehmer“ – argumentiert der TDMA weiter. Die Verwendung von Titandioxid in Verbraucheranwendungen unterliege zudem strengen Tests und Normen. Die europäischen Regulierungsbehörden hätten TiO2 in diesen Endanwendungen regelmäßig überprüft und die Anwendung in Lebensmitteln, Kosmetika und Arzneimitteln ausdrücklich genehmigt.

Die Mitgliedsunternehmen des TDMA reichten daher Mitte Mai beim Gericht der Europäischen Union eine Nichtigkeitsklage gegen die neue Einstufung ein.

Nur TiO2-Pulver betroffen

Der TDMA weist auf seiner Website ferner darauf hin, dass auch die EU selbst Titandioxid nur dann als krebsverdächtige Substanz einstuft, wenn es in Pulverform eingeatmet wird. Die CLP-Verordnung beziehe sich auf „pulverförmiges TiO2 und Mischungen, die in Pulverform auf den Markt gebracht werden und mindestens 1 % TiO2 enthalten, das in Form von Partikeln oder in Partikeln enthalten ist“. In der EU-Einstufung werde zudem betont, dass die vermutete Gefahr nur auftreten kann, wenn Titandioxidpulver in extrem hohen Konzentrationen über einen langen Zeitraum eingeatmet wird.

Aus Sicht des TDMA ist die neue Klassifizierung für die Verbraucher daher nur sehr begrenzt überhaupt relevant. In den meisten Produkten, einschließlich Farben und Kunststoffen, sei TiO2 im Endprodukt gebunden und es bestehe daher „fast keine Gefahr“, dass es eingeatmet wird – argumentiert der Herstellerverband auf seiner Homepage.

Wie der Streit ums Titandioxid am Ende ausgeht, ist aktuell völlig unklar. Der Gerichtsprozess wird voraussichtlich Jahre dauern. Daher ist davon auszugehen, dass im Laufe des Jahres 2021 zahlreiche TiO2 enthaltende Produkte zumindest vorübergehend mit einem Warnhinweis auf der Verpackung gekennzeichnet werden müssen („Achtung! Kann vermutlich Krebs erzeugen bei Inhalation).


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: freierjournalist@rolandgrimm.com

 

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