RM Rudolf Müller
Prüfung eines Brandschutzglases der Firma Polflam.  Foto: ift Rosenheim

Prüfung eines Brandschutzglases der Firma Polflam.  Foto: ift Rosenheim

Bauelemente
26. November 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

Wozu braucht man Brandschutzglas?

Glas als Wandbaustoff steht für Transparenz und Helligkeit. Vor allem bei großen Gewerbe- und Bürogebäuden setzen viele Architekten heute auf diesen Effekt und lassen komplette Fassaden und Dächer, aber auch Türen und Trennwände im Gebäudeinneren weitgehend aus Glas konstruieren. Positiver Nebeneffekt: Das Material ist nicht brennbar. Aber wozu braucht man dann eigentlich Brandschutzglas?

Als nicht brennbarer Baustoff wird Glas der Baustoffklasse A1 zugeordnet. Das Material selbst trägt also nicht aktiv zur Brandausbreitung bei. Leider wirkt normales Glas aber auch nicht gerade als wirksame Brandbarriere. Im Gegenteil: Bei Hitzeeinwirkung zerspringt es schnell und lässt so Flammen und gefährliche Rauchgase ungehindert passieren. Ein effektiver Brandschutz ist so natürlich schwierig.

Einsatzbereiche

Das Problem mit dem Brandschutz stellt sich vor allem in Gewerbe- und Bürogebäuden mit großen Glasbauflächen. Bei solchen Konstruktionen – zudem in Gebäuden mit starkem Publikumsverkehr – versteht es sich von selbst, dass keine normalen Fensterverglasungen zum Einsatz kommen dürfen.

Stattdessen hat die Industrie spezielle Brandschutzgläser entwickelt, die in der Lage sind, die Ausbreitung von Feuer und Rauch über einen längeren Zeitraum zu verhindern. Sie werden vor allem als großflächige Verglasungen für Objektbauten eingesetzt. Natürlich kann man sich bei Bedarf auch normale Einzelfenster mit Brandschutzverglasung bauen lassen, gleichwohl sind diese Spezialverglasungen im Wohnbaubereich bisher eher selten anzutreffen.

Das Marktangebot an Brandschutzgläsern ist vielfältig. Die Produkte unterscheiden sich in ihrer Materialzusammensetzung zum Teil erheblich, zudem gibt es sowohl ein- als auch mehrscheibige Lösungen. Brandschutzglas lässt sich also nicht durch eine bestimmte Materialität oder einen bestimmten Scheibenaufbau definieren. Entscheidend ist lediglich, dass die Gläser über einen definierten Zeitraum vor Feuer, Rauch und Wärmestrahlung schützen. Manche Produkte schützen auch nur vor Feuer und Rauch, nicht aber vor Hitzeübertragung.

Grundsätzlich müssen die Anforderungen an Brandschutzgläser nicht nur von den Verglasungen selbst, sondern stets vom gesamten Glasbauteil erfüllt werden – also auch von den Rahmenmaterialien und Dichtungen. Die Bauteile werden daher stets als Ganzes getestet. In der Praxis dürfen nur unabhängig geprüfte Brandschutzverglasungen mit allgemeiner bauaufsichtlicher Zulassung (abZ) verbaut werden.

F-Verglasungen

Die Innenfassade der Haupthalle am Düsseldorfer Flughafen wurde mit der F-Verglasung „Pyrostop“ von Pilkington realisiert. Foto: Pixabay

Die Innenfassade der Haupthalle am Düsseldorfer Flughafen wurde mit der F-Verglasung „Pyrostop“ von Pilkington realisiert. Foto: Pixabay

Trotz des vielfältigen Produktangebots lassen sich Brandschutzgläser grob in zwei Kategorien unterscheiden: F- und G-Verglasungen. Dabei sind F-Gläser die leistungsfähigere Variante. Sie verhindern über einen definierten Zeitraum sowohl den Durchtritt von Feuer und Rauchgasen als auch den von Wärmestrahlung.

Das F steht für die Feuerwiderstandsklassen nach DIN 4102, die angeben, wie viele Minuten ein Bauteil – in diesem Fall ein Glasbauteil – einem Feuer standhält. Es gibt Brandschutzglas in den Feuerwiderstandsklassen F30 (feuerhemmend), F60 (hochfeuerhemmend) und F90 (feuerbeständig). Bei einer F90-Verglasung dürfen auf der dem Feuer abgewandten Seite für mindestens 90 Minuten keine Flammen und Rauchgase auftreten, und die Wärmestrahlung darf eine definierte Maximaltemperatur nicht übersteigen.

Bei F-Verglasungen handelt es sich in der Regel um Zwei- oder Dreischeibenprodukte, wobei die Scheiben selbst oft aus ganz normalem Fensterglas bestehen. Wer noch mehr Brandschutz wünscht, findet aber auch Mehrscheibengläser, bei denen die Einzelscheiben aus Einscheibensicherheitsglas gefertigt sind.

Entscheidend ist bei F-Verglasungen aber der Scheibenzwischenraum. Dieser enthält meist eine durchsichtige Substanz – die so genannte Brandschutzschicht. Wird auf der Brandseite die äußerste Glasscheibe hohen Temperaturen ausgesetzt, zerbricht diese zwar, zugleich schäumt aber die Brandschutzschicht auf und wird dabei undurchsichtig. Außerdem setzt das aufschäumende Material Wasser frei und sorgt somit für einen Abkühlungseffekt.

Der undurchsichtige Schaum-Hitzeschild hat eine wärmeisolierende Wirkung und sorgt dafür, dass die Temperaturen auf der brandabgewandten Glasseite nicht zu hoch werden. Das kann je nach Räumlichkeit wichtig sein, denn schon durch reine Wärmestrahlung – also ohne direkte Beflammung – können leicht entzündliche Materialien wie zum Beispiel Teppiche in Brand geraten.

G-Verglasungen

In Gebäudebereichen, in denen es nur darauf ankommt, eine schnelle Ausbreitung von Flammen und Rauchgasen zu verhindern, während die Eindämmung von Wärmestrahlung nicht so wichtig ist, können auch so genannte G-Gläser zum Einsatz kommen. Diese bieten eben keinen Schutz vor Hitzestrahlung.

G-Verglasungen sind meist Einscheibenprodukte. Sehr häufig verfügen sie über Drahteinlagen, die den Zusammenhalt des Glases stärken und ein schnelles Zerbrechen im Brandfall verhindern. Der Markt bietet aber auch viele Alternativen, die anders funktionieren – zum Beispiel vorgespannte Gläser oder auch Mehrscheibengläser mit dazwischen liegender Folie.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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