RM Rudolf Müller
Blower-Door in der Haustüröffnung eines Wohnhauses

Blower-Door in der Haustüröffnung eines Wohnhauses. Foto: Knauf Insulation

 
Bauphysik
21. Oktober 2014 | Artikel teilen Artikel teilen

Was ist ein Blower-Door-Test und wie funktioniert er?

Die Energieeinsparverordnung (EnEV) schreibt für Neubauten eine luftdichte Gebäudehülle vor. Getestet wird diese Luftdichtheit mithilfe einer speziellen Differenzdruckmessung – dem so genannten Blower-Door-Test.

Die Forderung nach Luftdichtheit bedeutet konkret, dass auch bei geschlossenen Fenstern und Außentüren keine Luft aus den Innenräumen nach außen dringen darf. In §6 der EnEV heißt es dazu: „Zu errichtende Gebäude sind so auszuführen, dass die wärmeübertragende Umfassungsfläche einschließlich der Fugen dauerhaft luftundurchlässig entsprechend den anerkannten Regeln der Technik abgedichtet ist.“ Alle Bereiche der Gebäudehülle müssen also praktisch genauso dicht sein wie eine gemauerte und verputzte Wand.

Wie erreicht man Luftdichtheit?

Nicht nur die Wände müssen also luftdicht sein, sondern beispielsweise auch Fenster und Außentüren sowie deren Anschlussfugen zur Wandkonstruktion. Dafür gibt es im Baustoff-Fachhandel ein breites Sortiment an Dichtstoffen. Ein besonders kniffliger Bereich in Wohnhäusern ist zudem der Dachstuhl. Herkömmliche Steildächer mit Ziegeleindeckung waren früher ziemlich luftdurchlässige Baukonstruktionen. Noch vor wenigen Jahrzehnten, als die Idee des Wärmeschutzes für Gebäude noch wenig verbreitet war und es keine verpflichtenden EnEV-Bestimmungen gab, galt es schlichtweg als normal, dass durch die Dachkonstruktion hindurch der Wind pfiff – quasi als eine Art natürliche Belüftung. Heute dagegen müssen die Dachhandwerker die geforderte Luftdichtheitsschicht aufwändig herstellen. Das geschieht in der Regel durch Verlegen und Verkleben von Folienwerkstoffen. Diese sorgen – wenn sie fehlerfrei verarbeitet sind – einerseits für Luftdichtheit und schützen andererseits die Dachdämmung vor Feuchtigkeit aus dem Innenraum.

Warum ist Luftdichtheit wichtig?

Hauptzweck der Luftdichtheit ist es natürlich zu vermeiden, dass Heizwärme unkontrolliert über Fugen oder Ritzen nach draußen verloren geht. Die beste Dämmung nützt nichts, wenn die Gebäudehülle Leckagen hat. Außerdem gilt es, Feuchteschäden zu vermeiden. Feuchte Luft aus dem Innenraum kann durch Undichtheiten in äußere Gebäudeteile gelangen, die außerhalb des Warmbereichs liegen (Dämmung, Mauerwerk, Dachstuhl). Dort kann der in der Luft gespeicherte Wasserdampf dann als Tauwasser kondensieren – vor allem in den kalten Wintermonaten. Als Folge droht beispielsweise Schimmelpilzbefall, und Dämmstoffe verlieren bei Durchfeuchtung einen Großteil ihrer Leistungsfähigkeit. Messungen des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik haben ergeben, dass bereits durch eine nicht dichte Fuge von nur 1 mm Breite und 1 m Länge pro Tag 800g Tauwasser in die Baukonstruktion außerhalb der Luftdichtheitsebene eindringen kann.

Wie testet man die Luftdichtheit?

Um in Erfahrung zu bringen, ob eine Gebäudehülle wirklich luftdicht ist, wird der so genannte Blower-Door-Test durchgeführt. Das Verfahren eignet sich, um Leckagen in der Gebäudehülle aufspüren und wird in der DIN EN 13829 beschrieben. Zur Vorbereitung des Tests werden alle äußeren Öffnungen in dem zu untersuchenden Gebäudeteil geschlossen (Fenster, Türen, Kaminzug). Nur eine Außentür (oder ein Fenster) bleibt zunächst geöffnet. In die Öffnung dieses Bauelements baut man die Blower-Door („Gebläse-Tür“) ein. Dabei handelt es sich um einen Ventilator, der mit einer luftdichten Plane umgeben ist, sodass die gesamte Öffnung dicht verschlossen wird (siehe Foto).

Aufspüren von Leckagen

Luftdichtheit im Dachstuhl

Im Bereich des Dachstuhls wird Luftdichtheit mithilfe von Folienwerkstoffen hergestellt. Grafik: Isover

Ein Blower-Door-Test besteht normalerweise aus drei Phasen. Zunächst stellt man den Ventilator so ein, dass er im Gebäude einen Unterdruck erzeugt, also Innenraumluft ansaugt und nach draußen befördert. Die so entstehende Druckdifferenz zwischen drinnen und draußen sorgt dafür, dass durch undichte Stellen in der Gebäudehülle verstärkt Luft in den Innenraum nachströmt. Mithilfe eines thermischen Anemometers kann der Fachmann nun messen, wie viel warme Luft durch den Ventilator nach außen strömt und an welchen Stellen wie viel kalte Luft durch Undichtigkeiten ins Gebäude strömt.

Ein Anemometer ist ein Instrument mit einem außen liegenden Heizdraht, der für die Messung erwärmt wird. Dieser Draht gibt dann umso mehr von seiner Wärme wieder ab, je größer das Luftvolumen ist, das ihn umströmt. Aus diesem Wärmeverlust errechnet das Messgerät die Windgeschwindigkeit am Messpunkt. Um unerwünschte Leckagen in der Gebäudehülle während des Blower-Door-Tests aufzuspüren, kommen außerdem auch häufig Thermografiekameras zum Einsatz. Die Aufnahmen dieser Infrarotkameras stellen farblich dar, an welchen Stellen im Gebäude kühle Außenluft einströmt. Eine weitere Variante zum Aufspüren von Leckagen besteht darin, das Gebäude von innen mit künstlichem Rauch zu vernebeln. Von außen lässt sich dann einfach beobachten, an welchen Stellen der Rauch durch die Gebäudehülle entweicht.

Luftwechselrate bei 50 Pascal

In der zweiten Phase des Blower-Door-Tests wird der Unterdruck im Gebäude weiter erhöht. Bei verschiedenen Druckdifferenzen misst man nun den Luftstrom am Ventilator. Besonders wichtig ist die Messung bei einer Druckdifferenz von 50 Pascal. Aus diesem Wert lässt sich nämlich der n50-Wert errechnen – die so genannte Luftwechselrate. Diese gibt an, wie oft das Innenvolumen des Gebäudes bei 50 Pascal Druckdifferenz innerhalb einer Stunde komplett mit neuer Luft gefüllt wird. Dies geschieht, indem Luft von außen nachströmt. Im Fall des Blower-Door-Tests handelt es sich um Luft durch Undichtigkeiten in der Gebäudehülle, weil sämtliche absichtlichen Öffnungen zuvor ja geschlossen wurden.

Der n50-Wert ergibt sich rechnerisch, indem man die in einer Stunde bei einer Druckdifferenz von 50 Pascal gemessene Luftstrommenge am Ventilator durch das beheizte Innenvolumen des Gebäudes dividiert. Je mehr Luft durch Undichtigkeiten in das Gebäude nachströmt, umso mehr Luft muss der Ventilator wieder nach draußen befördern, damit die Druckdifferenz von 50 Pascal erhalten bleibt. Je kleiner der n50-Wert ist, umso dichter ist das Gebäude. Ein n50-Wert von 2,5 bedeutet bei einem Blower-Door-Test, dass die Luft in dem Gebäude bei einer Druckdifferenz von 50 Pa in einer Stunde 2,5-mal durch Undichtigkeiten ausgetauscht wurde. Die Luftwechselrate darf bei Gebäuden mit Fensterlüftung nicht höher als 3 und bei Gebäuden mit Lüftungsanlagen nicht höher als 1,5 betragen.

In der dritten Phase des Blower-Door-Tests werden die Messungen noch einmal wiederholt, diesmal allerdings mit einem Überdruck im Innenraum. Dafür wird der Ventilator so eingestellt, dass er Luft in das Gebäude hineinsaugt.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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