RM Rudolf Müller
Keramische Rohre und Zellulosefaser-Platten

Cradle-to-Cradle im Baustoffbereich: Die keramischen Rohre von Steinzeug-Keramo (rechts sind ebenso zu 100% recycelbar wie die Zellulosefaser-Platten der Marke Ecor (links.

Energetisches Bauen
25. September 2014 | Artikel teilen Artikel teilen

Erklärt: Das Cradle-to-Cradle-Konzept

Im Jahr 2002 veröffentlichten der deutsche Verfahrenstechniker und Chemiker Michael Braungart und der amerikanische Architekt William McDonough gemeinsam ein Buch, in dem sie eine neue Produkttheorie unter der Überschrift „Cradle-to-Cradle“ („Von der Wiege zur Wiege“) propagierten. Damit regten die beiden ein Nachdenken über eine neue Qualität der Nachhaltigkeit an. Cradle to Cradle ist die Vision eines perfekten Kreislaufsystems, in dem Produkte am Ende ihrer Lebensdauer keinerlei Abfall mehr hinterlassen. Was sich utopisch anhört, wird tatsächlich bereits in vielen Bereichen praktisch umgesetzt – auch bei Baustoffen.

In den Fachwissenbeiträgen über Umwelt-Produktdeklarationen (EPDs) und Ökobilanzen tauchte bereits der Begriff „Cradle to Gate“ auf („von der Wiege bis zum Werkstor“). Die Beschreibung der Umweltwirkungen von Bauprodukten innerhalb der EPDs erfolgt in der Regel nach diesem Prinzip. Man bezieht sich bei der Analyse also nur auf einen Teilabschnitt und nicht auf den gesamten Lebenszyklus des Produkts. Letzteres wäre die Variante „Cradle to Grave“ („von der Wiege bis zur Bahre“).

Die Betrachtungsweise „Cradle to Grave“ galt bisher als besonders nachhaltig. Schließlich wird die Umweltwirkung eines Produkts hier lückenlos von der Herstellung über die Nutzungsphase bis hin zur Entsorgung dokumentiert. Nachhaltig hieß in diesem Zusammenhang, dass ein Produkt während seiner gesamten Lebensdauer möglichst wenig Schaden anrichtet. Mit anderen Worten: Die Umwelt soll so wenig wie möglich durch Ressourcenentnahmen oder Schadstoffausstöße beeinträchtigt werden.

Neue Denkweise

Komposthaufen und Müllberg

Komposthaufen statt Müllberg: Produkte nach dem Cradle-to-Cradle-Konzept sollen keinerlei Umweltschäden verursachen. Fotos: Tracy / pixelio.de (links, C. Nöhren / pixelio.de (rechts

Doch auch bei der Nachhaltigkeit nach dem Prinzip „Cradle to Grave“ gilt es noch als normal, dass Naturressourcen unwiederbringlich verbraucht werden – selbst wenn ein Produkt eine hervorragende Ökobilanz vorweisen kann und es nach der Nutzungsphase recycelt wird. Denn auch beim Recycling gibt es Schwund, sei es, weil das Material nicht vollständig wieder verwertet werden kann oder weil das recycelte Produkt von minderer Qualität ist. Gerade bei Kunststoffen ist ein solches „Downcycling“ der Normalfall. Sie werden daher auch nicht beliebig oft recycelt und enden irgendwann doch als Abfall.

Es galt also bisher immer als eine Art „Naturgesetz“, dass auch bei der Herstellung nachhaltiger Produkte unterm Strich der Natur mehr Ressourcen entzogen werden als man ihr später wieder zurückgibt. Doch gegen dieses Gesetz regt sich seit rund zehn Jahren vermehrt Widerstand, und das hängt vor allem mit dem Cradle-to-Cradle-Konzept von Michael Braungart und William McDonough zusammen. Mit ihren Ideen haben die beiden weltweit eine Bewegung ausgelöst, die sich branchenübergreifend für die Entwicklung neuartiger Produktmaterialien einsetzt. Ziel ist es, dass alle Materialien entweder komplett kompostierbar oder aber ohne Qualitätsverlust immer wieder recycelt werden können. Es geht um Produkte, die nicht mehr als Abfall enden, sondern als wertvolle „Nährstoffe“ wieder in den Naturkreislauf einfließen oder eben 100-prozentig zur Herstellung neuer hochwertiger Produkte dienen. Die Anhänger von Cradle to Cradle (C2C) sprechen von „Upcycling“.

Heilsweg oder Hirngespinst?

Die C2C-Anforderungen an Produkte stellen eine neue Qualitätsstufe der Nachhaltigkeit dar. Zumal das Konzept nicht nur für eine konsequente Abfallvermeidung steht, sondern auch fordert, dass durch die Herstellung, Nutzung und Wiederverwertung der Produkte keinerlei negative Umweltwirkungen ausgelöst werden. Letztlich soll es bei der Herstellung von Produkten – also auch von Baustoffen und Gebäuden – wie in der Natur zugehen. Die schafft es ja auch, Rohstoffe im Überfluss zu produzieren dabei alte, abgestorbene Materialien als Bausteine zu verwenden.

An diesem Vorbild soll sich der Mensch nach der C2C-Idee also auch bei seinen Produktionsprozessen orientieren. In diesem Zusammenhang stellt das Konzept das bisherige Nachhaltigkeitsverständnis in Frage, bei dem die Einsparung von Rohstoffen und Energieträgern im Fokus steht. In der künftigen C2C-Welt soll der Ressourcenverbrauch kein notwendiges Übel mehr sein, das man begrenzen muss, um die Umwelt nicht so stark zu belasten. Konsumieren soll im Idealfall zu einer umweltfreundlichen Tat werden, eben weil Konsumprodukte wieder als Nährstoffe in den Naturkreislauf einfließen.

Umsetzungen in der Praxis

Das C2C-Konzept mag sich im ersten Moment wie eine romantische Utopie anhören, aber tatsächlich wurde es bereits in vielen Produktbereichen praktisch umgesetzt – auch in der Baustoffindustrie. Die von Michael Braungart gegründete EPEA Internationale Umweltforschung GmbH mit Sitz in Hamburg ist nur eine von weltweit mehreren Expertenorganisationen, die an der Verbreitung der C2C-Idee arbeiten. Die EPEA hat unter anderem ein Zertifizierungsprogramm entwickelt, mit dessen Hilfe bereits heute weltweit Produkte, Prozesse und Dienstleistungen ausgezeichnet werden, die den Anforderungen des C2C-Konzepts genügen. Und das Programm trifft durchaus auf Interesse bei der Industrie. Bis heute wurden schon zahlreiche Produkte zertifiziert – von kompostierbaren Textilien über biologisch abbaubare Turnschuhe bis hin zu komplett recycelbaren Filzstiften.

Auch in der Baustoffindustrie sind C2C-Auszeichnungen heute keine Seltenheit mehr. So hat das zum Wienerberger-Konzern gehörende Unternehmen Steinzeug-Keramo 2013 eine „Cradle to Cradle“-Zertifizierung für sein gesamtes Produktsortiment an Abwasserrohren erhalten. Die Produkte mussten gar nicht neu erfunden werden, sie waren immer schon C2C. Denn die keramischen Rohre bestehen zu 100% aus natürlichen Rohstoffen, sind schadstofffrei und vollkommen recyclingfähig.

Neben solchen Traditionsprodukten gibt es aber auch Neuentwicklungen in der Baustoffbranche, die perfekt zur C2C-Idee passen. Der aus den USA stammende Plattenwerkstoff „Ecor“ (Foto), der seit 2013 in Europa vertrieben wird, besteht beispielsweise zu 100% aus Zellulosefasern, die aus verschiedenen Quellen stammen: Altpapier- und gebrauchte Kartonagen, Holzhackschnitzel, aber auch landwirtschaftliche Restprodukte aus dem Anbau von Hafer, Kaffee oder Kokosnüssen. Die Innenausbauplatten werden also im wahrsten Sinne des Wortes aus Abfall hergestellt. Kein Wunder, dass es dafür kürzlich eine Auszeichnung gab: Ecor belegte in den USA Ende 2013 den dritten Platz beim renommierten „Cradle to Cradle Innovation Challenge“.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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