RM Rudolf Müller
Im Xella-Werk Wedel fließen Porenbetonreste aus Abbruchmaßnahmen erneut in die Produktion ein. Fotos: Xella Deutschland

Im Xella-Werk Wedel fließen Porenbetonreste aus Abbruchmaßnahmen erneut in die Produktion ein. Fotos: Xella Deutschland

Forschung, Technik und Trends
07. März 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

Mauersteine aus Recyclingprodukten

Mauersteine wie Porenbeton oder Kalksandstein bestehen aus den natürlichen Rohstoffen Sand, Kalk und Wasser. Vor allem Sand für Bauzwecke ist mittlerweile in vielen Teilen der Erde zu einem knappen Gut geworden. Deshalb gibt es auch in der Mauersteinbranche zunehmend Bemühungen, die natürlichen Rohstoffe zu schonen, indem man bei der Herstellung verstärkt auf Recyclingprodukte setzt. Unser Beitrag informiert über Projekte von Xella und vom Fraunhofer-Institut.

Die internationale Baubranche leidet unter zunehmendem Sandmangel. Da scheint der Baustoffhersteller Xella mit seinem Kalksandstein „Ytong Silent+“ gerade zur richtigen Zeit zu kommen. Bei dem neuen Mauerwerkstein, der erstmals auf der BAU 2019 in München präsentiert wurde, wird nämlich ein Teil des benötigten Sandes einfach durch Reststoffe aus der eigenen Porenbeton-Produktion ersetzt. Genauer gesagt gibt man Porenbetonmehl hinzu – ein Stoff, der früher als Abfall entsorgt wurde.

Der Ytong Silent+ ist also ein Kalksandstein mit Porenbetonmehl als Zuschlagstoff. Insgesamt enthält er rund 10 % dieses Reststoffs. Entsprechend viel Sand lässt sich bei der Herstellung einsparen. Mit einer Druckfestigkeit von 10 N/mm² und einer Rohdichte von bis zu 1,6 kg/dm3 bietet der neue Stein dennoch viel Stabilität und eine hohe Masse. Das garantiert einen guten Schallschutz.

Produktionsreststoffe verwerten

Beim neuen Kalksandstein „Ytong Silent+“ wird ein Teil des benötigten Sandes durch Reststoffe aus der Porenbeton-Produktion substituiert.

Beim neuen Kalksandstein „Ytong Silent+“ wird ein Teil des benötigten Sandes durch Reststoffe aus der Porenbeton-Produktion substituiert.

Xella arbeitet nach eigenen Angaben an der Herstellung von Produkten, die sich immer wieder weiterverwenden lassen. In einer Pressemitteilung des Konzerns zur BAU 2019 heißt es, man strebe „die komplette Vermeidung von Abfällen an“. So weit ist man noch nicht, aber immerhin ist es bei Xella schon länger gelebte Praxis, den bei der Herstellung von Mauerwerksteinen anfallenden Porenbetonbruch nicht als Abfall zu entsorgen, sondern in der Produktion weiterzuverwenden.

Die Reststoffe aus der Steine-Herstellung kann man zum Beispiel zu Porenbetongranulat verarbeiten. Dieses veredelte Material lässt sich dann zum Beispiel als leichte Ausgleichschüttung im Fußbodenbereich einsetzen – etwa unter Trockenestrich-Platten. Oder man verwendet den Porenbetonbruch direkt als Zuschlag für die Produktion der Mauersteine.

Primäre und sekundäre Rohstoffe

Reststoffe aus der Produktion, die wiederverwertet werden, gehören zu den so genannten sekundären Rohstoffen. Ihre Verwertung trägt dazu bei, dass weniger primäre Rohstoffe abgebaut werden müssen. Diese stammen direkt aus der Natur und sind eben in vielen Fällen knapp. Die Verwendung sekundärer Rohstoffe schont aber nicht nur die Natur, sondern hilft Herstellern wie Xella auch, Kosten für den Abbau und die Aufbereitung natürlicher Ressourcen einzusparen.

Doch nicht nur Produktionsabfälle, sondern auch alte Porenbetonsteine, die aus dem Abbruch von Gebäuden stammen, werden mittlerweile recycelt. So hat Xella Mitte 2018 erstmals Rückbaumaterialien aus Porenbeton wieder dem regulären Produktionsprozess zugeführt. Das war der Auftakt einer sechsmonatigen Erprobungsphase, die der Baustoffkonzern gemeinsam mit der Otto Dörner GmbH & Co. KG durchgeführt hat.

Wiederverwertung von Rückbaumaterialien

Das Hamburger Unternehmen Otto Dörner verkauft Kies und Sand, hat sich aber auch einen Namen mit Baustellen- und Entsorgungsdienstleistungen sowie beim Gebäuderückbau gemacht. In Zusammenarbeit mit Xella überprüft die Firma bereits seit 2015, wie und in welchen Mengen sich Porenbetonreste aus Abbruchmaßnahmen oder aus gemischten Bauabfällen für die erneute Porenbetonproduktion wiederverwenden lassen. „Angesichts der Tatsache, dass rund 90 % aller in Deutschland abgebauten mineralischen Rohstoffe für die Herstellung von Baustoffen eingesetzt werden, hat das Thema Recycling für uns eine hohe Priorität“, sagt Dr. Oliver Kreft von der Xella Technologie und Forschungsgesellschaft mbH.

Langfristig verfolgt Xella das Ziel eines geschlossenen Recyclingkreislaufs für Porenbeton – in allen Werken des Baustoffproduzenten. Das Pilotprojekt erfolgte zunächst im Ytong-Werk Wedel. Dort hat man das von Otto Dörner angelieferte Recycling-Material einer Qualitätskontrolle unterzogen, bevor es in den Werksbrecher überführt, zu Porenbetonmehl verarbeitet und anschließend als Rohstoff in die Produktion geleitet wurde. Die Otto Dörner Entsorgung GmbH hatte zuvor für die Aussortierung des Recycling-Porenbetons aus dem gemischtem Bauabfall gesorgt.

Im Werk Wedel wurden aus dem recycelten Rohstoff schließlich neue Porenbetonsteine gefertigt. Mit der Steindruckfestigkeitsklasse P4 und der Rohdichteklasse 0,55 unterscheiden sie sich nach Xella-Angaben in Sachen Tragfähigkeit und Wärmedämmung nicht von herkömmlich hergestellten Porenbetonsteinen.

Verbundprojekt „Bau-Cycle“

Auch das Fraunhofer-Institut sieht im Recycling von Rückbaumaterialien ein riesiges Potenzial. Der Gesamtbestand an Bauwerken in Deutschland sei „mit rund 100 Milliarden Tonnen ein bedeutendes Rohstofflager, dessen Bestandteile nach Nutzungsende über ein gezieltes Recycling wieder dem Stoffkreislauf zugeführt werden könnten“ – heißt es in einer Pressemitteilung des Instituts zur BAU 2019.

Allerdings fehlte es bisher an einem effektiven Recyclingverfahren, um wertvolle Rohstoffe wie Kies und Sand aus Bauschutt auszusortieren. Feinkörniger Bauschutt aus dem Abriss von Bauwerken und Infrastruktur lässt sich zwar zum Teil im Straßenbau verwenden, doch Partikel mineralischer Bauabfälle, die kleiner als 2 mm sind, landen bisher regelmäßig auf der Deponie. Um für dieses Problem eine Lösung zu erarbeiten, haben vier Fraunhofer-Institute das gemeinsame Verbundprojekt „Bau-Cycle“ gestartet.

Die Ergebnisse des Projekts wurden auf der BAU 2019 präsentiert. Das umfangreiche Konzept der Forscher zeigt Wege auf, wie sich feinkörniger Bauschutt effektiv aufbereiten lässt und wie aus dem mineralischen Gemisch neue Baustoffe für den Hochbau entstehen könnten. Typische Hauptkomponenten von Bauschutt sind Kalksandstein, Ziegel, Beton und geringe Anteile Gips. Daraus lässt sich zum Beispiel auch neuer Porenbeton fertigen. Detailliertere Infos zum Projekt Bau-Cycle liefert unser Beitrag „Neuartiges Recycling von Bauschutt“.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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