RM Rudolf Müller
Einfache Holzbalkendecke ohne Füllung – aber in außergewöhnlicher Form. Foto: Pixabay

Einfache Holzbalkendecke ohne Füllung – aber in außergewöhnlicher Form. Foto: Pixabay

Grundstoffe des Bauens
20. Mai 2016 | Artikel teilen Artikel teilen

Gebäudedecken: Von Holzbalken zum Holz-Beton-Verbund

Holzbalkendecken waren in Wohnbauten bis weit in die 1950er-Jahre die vorherrschende Deckenkonstruktion. Danach wurden sie zunehmend von Stahlbetondecken verdrängt. Vor allem im mehrgeschossigen Holzbau kommt nun in jüngster Zeit eine dritte Konstruktionsvariante häufiger zum Einsatz: so genannte Holz-Beton-Verbunddecken.

Die einfachste Form einer Holzbalkendecke besteht nur aus Holzbalken, die an beiden Enden auf den tragenden Raumwänden aufliegen, sowie aus quer auf den Balken verlegten Holzdielen, die den oberen Deckenabschluss bilden. Betrachtet man solche Decken von unten, sieht man also wirklich nur die freiliegenden Balken und die darauf befestigten Dielen.

Zu den Problemen dieser Bauart gehörte allerdings schon immer der geringe Schallschutz. Holzbalkendecken sind vergleichsweise leicht und geraten daher leicht in Eigenschwingungen – zum Beispiel wenn jemand auf ihnen geht. Deshalb kommt es zu einer starken Schallausbreitung durch die Decke, viel stärker als bei schweren und druckfesteren Materialien wie etwa Beton.

Füllung von Holzbalkendecken

Um dem Trittschallproblem entgegenzuwirken, hat man die Decken auch schon in früheren Zeiten häufig mithilfe spezieller Füllungen beschwert. Als Füllmaterialien verwendete man Schüttgüter wie Sand und Hochofenschlacke, aber auch Strohlehm oder Formteile aus Gips oder Ton. Damit wurden die Freiräume zwischen den Balken ausgefüllt.

Voraussetzung dafür war natürlich, dass am unteren Ende der Balken eine zweite Deckenebene eingezogen wurde, auf der das Material aufliegen konnte. Bei diesem unteren Abschluss kann man grundsätzlich zwei Formen unterscheiden: zum einen geschlossene Deckenkonstruktionen, bei denen die tragenden Balken komplett verdeckt sind und zum anderen die so genannte Füllungsdecke, bei der nur der Zwischenraum zwischen den Balken von unten abgedeckt wird. Die Balken selbst bleiben sichtbar.

Die Füllung macht die Deckenkonstruktion schwerer und damit weniger schwingungsanfällig, was einen besseren Schallschutz zur Folge hat. Nebenbei verbessert sich auch die Wärmedämmung. Bei der Sanierung alter Holzbalkendecken werden die Füllungen heute meist noch durch eine Mineralwolle-Dämmung ergänzt. Grundsätzlich bieten einfache Holzbalkendecken zwar weniger Schallschutz als Stahlbetondecken, dieser Nachteil lässt sich mit geeigneten Füllungen und Dämmstoffen beziehungsweise mit abgehängten Deckenkonstruktionen auf der Unterseite oder Trittschalldämmungen auf der Oberseite der Holzbalkendecke aber durchaus kompensieren.

Stahlbetondecken

Stahlbetondecken bei einem abrissreifen Altbau. Foto: Christa Nöhren / www.pixelio.de

Stahlbetondecken bei einem abrissreifen Altbau. Foto: Christa Nöhren / www.pixelio.de

Allerdings sind alle diese Maßnahmen zur schallschutztechnischen Ertüchtigung von Holzbalkendecken natürlich mit Aufwand und Kosten verbunden. Decken aus Stahlbeton bieten dagegen „von Natur aus“ einen guten Schallschutz, können dabei in geringerer Aufbauhöhe eingebaut werden als Holzbalkendecken und lassen sich auf der Baustelle auch relativ schnell und günstig gießen. Das hat letztlich ihren Siegeszug in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begründet. Außerdem brennt Beton im Gegensatz zu Holz nicht.

Gleichwohl haben reine Stahlbetondecken nicht nur Vorteile. Sie werden im Gegensatz zu einer Holzbalkendecke feucht eingebaut und benötigen daher Zeit zum Aushärten. Beton ist zudem zwar druckfester, aber dafür weniger zugfest als Holzbalken. Außerdem bietet Beton nur schwache Wärmedämmqualitäten. Die Wärmespeicherfähigkeit ist dagegen deutlich höher als bei Holz. Wenn die Decke zur Bauteilaktivierung genutzt werden soll, ist das ein Argument für Beton.

Holz-Beton-Verbunddecken

Holz-Beton-Verbunddecke beim achtstöckigen „Life Cycle Tower One“ in Dornbirn. Foto: Architekten Hermann Kaufmann

Holz-Beton-Verbunddecke beim achtstöckigen „Life Cycle Tower One“ in Dornbirn. Foto: Architekten Hermann Kaufmann

Aber muss man sich überhaupt zwangsläufig zwischen Holzbalken- oder Betondecke entscheiden? Nicht unbedingt, denn es gibt auch so genannte Holz-Beton-Verbunddecken, die Vorteile beider Varianten in sich vereinen. Diese spielen derzeit vor allem beim Neubau moderner Holz-Hochhäuser eine immer größere Rolle. Daneben kann man aber auch alte, sanierungsbedürftige Holzbalkendecken mithilfe einer zusätzlichen Stahlbetonschicht verstärken. Das ist unter Umständen günstiger als ein kompletter Abriss und Neuaufbau der Decke. Außerdem bleibt so die alte Holzbalkenoptik erhalten.

Das Konstruktionsprinzip ist einfach: Eine Holz-Beton-Verbunddecke ist im Prinzip eine Holzbalkendecke, auf deren Oberseite eine dünne Schicht aus Stahlbeton gegossen wird. Für die Verbindung zwischen Holz und Beton gibt es unterschiedliche Techniken – zum Beispiel spezielle Verbundschrauben oder -anker. Diese Verbindungselemente werden von oben in die Holzbalken der Decke hineingetrieben. Sie ragen aus diesen heraus und werden zusammen mit der Stahlbewehrung einbetoniert. So entsteht ein kraftschlüssiger Verbund.

Mit einer Holz-Beton-Verbunddecke erhält man gewissermaßen das Beste aus zwei Welten: Schaut man die Decke von unten an, blickt man auf eine attraktive Holzoptik, zugleich sorgt die Betonschicht aber für einen verbesserten Schall- und Brandschutz. Durch den Beton steigt die Druck- und Tragfähigkeit der Gesamtdecke, während die Holzbalken für eine verbesserte Zugfestigkeit sorgen. Das erlaubt größere Decken-Spannweiten ohne Stützen. Weiterhin macht der Betonanteil geringere Deckenstärken möglich, während der Holzanteil das Gewicht der Gesamtkonstruktion senkt.

Im mehrgeschossigen Holzbau haben sich Holz-Beton-Verbundkonstruktionen in jüngster Zeit als geeignetes Mittel erwiesen, um Brandschutzauflagen einzuhalten. Die Decken sollen dabei eine Brandweiterleitung von Geschoss zu Geschoss verhindern. Das gelingt mit entsprechend gestalteten Verbundelementen. Bei einem 2012 fertig gestellten, achtstöckigen Holz-Hochhaus in Österreich – dem „Life Cycle Tower One“ in Dornbirn – wird die Holzdecke beispielsweise nicht nur von oben, sondern auch an den Seiten durch Betonbauteile eingefasst (siehe Foto). Das verbaut dem Feuer jeglichen Weg durch die Decke.


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Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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