RM Rudolf Müller
Die Sperrvorrichtung der Ratsche ermöglicht das Festzurren des Gurtes unter Spannung. Fotos: BPW Bergische Achsen KG

Die Sperrvorrichtung der Ratsche ermöglicht das Festzurren des Gurtes unter Spannung. Fotos: BPW Bergische Achsen KG

Arbeitsalltag
19. März 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

Ladungssicherung mit Zurrgurten

Werden Baustoffe oder andere Güter auf Lkw-Ladeflächen verstaut, ist eine ausreichende Ladungssicherung zwingend vorgeschrieben. Nach §22 der Straßenverkehrsordnung ist die Ladung so zu sichern, dass sie selbst bei Vollbremsung oder plötzlicher Ausweichbewegung nicht verrutschen oder umfallen kann. Dafür sorgen meist klassische Zurrgurte. Wobei die Digitalisierung auch hier Einzug erhält: Ein Hersteller bietet neuerdings den „iGurt“, dessen Vorspannkraft sich während der Fahrt über eine Smartphone-App kontrollieren lässt.

Am sichersten lassen sich Baustoffe verladen, wenn man sie formschlüssig auf der Lkw-Ladefläche verstauen kann. Formschlüssig bedeutet, dass die Waren dicht an dicht stehen und lückenlos die vorhandene Ladefläche ausfüllen. Dann können sie weder verrutschen noch umfallen. Vorausgesetzt natürlich, die Außenwände der Ladefläche sind stabil genug, um den Druckkräften des Ladeguts sicher standzuhalten. Das sollte kein Problem sein, sofern die maximal zugelassene Nutzlast des Fahrzeugs nicht überschritten wird, solange also keine Überladung erfolgt.

Formschlüssige und kraftschlüssige Verladung

In der Praxis ist es aber nicht immer möglich, Güter formschlüssig zu verladen. Nicht jede Lkw-Tour ist komplett ausgelastet. Und bei unförmigen, sperrigen Gütern, die sich nicht stapeln lassen, ist das Optimum der Formschlüssigkeit ohnehin schwer erreichbar. In solchen Fällen bedarf es einer kraftschlüssigen Ladungssicherung. Das geschieht meist mithilfe von Zurrgurten. Oft verwendet man zusätzlich noch Antirutschmatten oder erhöht die Rutschsicherheit durch Holzbalken, die mit der Ladefläche verschraubt werden.

Kraftschlüssigkeit bedeutet, dass die Ware durch die Gurte fest auf die Ladefläche gepresst wird, sodass sie nicht verrutschen oder umfallen kann. Man spricht vom Niederzurren der Ladung. Auch Baustoffe auf Paletten müssen derartig gesichert sein, wenn sie die Ladefläche nicht formschlüssig ausfüllen. Es genügt nicht, die Paletten-Ware lediglich mit Stretchfolien oder Schrumpfhauben abzusichern. Das verhindert nicht das Verrutschen der Paletten selbst. Wer sich nur auf das Eigengewicht der Ladung verlässt, handelt zudem grob fahrlässig!

Korrektes Niederzurren

Zurrgurte zur Ladungssicherung von Baustoffen bestehen in der Regel aus synthetischen Fasern. Außerdem haben sie ein Spannelement – zum Beispiel einen Zahnkranz mit Sperrvorrichtung (Ratsche) – wodurch erst das Festzurren und Befestigen des Gurtes unter Spannung ermöglicht wird. Über eine Ratsche aus Metall lässt sich die jeweils gewünschte Vorspannkraft der Gurte variabel und sicher einstellen. Je größer die Vorspannkraft, umso höher die Reibkraft zwischen Ware und Ladefläche.

Die Zurrgurte spannt man über die Ladungsgüter, wobei ihre Enden an Verankerungsösen auf der Lkw-Ladefläche befestigt werden. Die Güter lassen sich aber nur fest auf die Ladefläche pressen, wenn man die Gurte nicht zu flach spannt. Der Winkel zwischen Ladefläche und Zurrmittel sollte zwischen 35° und 90° liegen, damit die Vorspannkraft in ausreichendem Maß senkrecht nach unten wirkt.

Die benötigte Anzahl an Zurrgurten hängt vom Ladungsgewicht und vom jeweiligen Winkel zwischen Ladefläche und Zurrgurt ab. Je höher das Gewicht und je kleiner der Winkel, umso mehr Gurte sind für die Ladungssicherung erforderlich. Genaueres zur Berechnung der notwendigen Gurtanzahl regelt die VDI-Richtlinie 2700.

LC- und STF-Wert

Es gibt Zurrgurte mit unterschiedlichen Spannkräften. In Abhängigkeit vom Gewicht der zu sichernden Ware ist stets ein ausreichend belastbarer Gurt zu verwenden. Die Leistungsfähigkeit der Produkte muss durch ein Etikett am Zurrgurt gekennzeichnet sein. Darauf sollten der LC-Wert und der STF-Wert gut lesbar sein.

Der LC-Wert (lashing capacity = Zurrkapazität) steht für die höchste zulässige Kraft, die der Gurt ohne zu Reißen im geraden Zug aushalten kann. Der STF-Wert (standard tension force = Standard-Vorspannkraft) steht für die maximale Spannkraft, die beim Niederzurren möglich ist. Beide Werte werden in der Maßeinheit Dekanewton (daN) angegeben. Ein STF-Wert von beispielsweise 400 daN entspricht einer Reißfestigkeit bis zu 0,4 Tonnen Spannkraft.

Zurrmittelspannung kontrollieren

Ein Prototyp des „iGurt“ wurde erstmals auf der Nutzfahrzeug-Messe IAA 2018 präsentiert.

Ein Prototyp des „iGurt“ wurde erstmals auf der Nutzfahrzeug-Messe IAA 2018 präsentiert.

Ist die Ware verladen und ordnungsgemäß auf der Ladefläche niedergezurrt, kann der Transport beginnen. Bei einer längeren Fahrt darf sich der Fahrer aber nicht darauf verlassen, dass die Ladung auf Dauer ausreichend gesichert ist. Das Problem: Zurrgurte können während des Transportes an Spannung verlieren und müssen dann nachgespannt werden. Die Gefahr erkennt der Fahrer natürlich nur, wenn er die Zurrmittelspannung regelmäßig kontrolliert.

Um diese Kontrolle zu erleichtern, hat der Hersteller BPW im September 2018 auf der Nutzfahrzeug-Messe IAA in Hannover erstmals den „iGurt“ vorgestellt – ein neues Tool für „intelligente“ Zurrgurte. Es kontrolliert während der Fahrt mittels Sensoren die Vorspannkraft des Gurtes und sendet die ermittelten Daten per Bluetooth an das Smartphone oder den Tablet-Computer des Fahrers. Das handliche Gerät lässt sich einfach am Zurrgurt befestigen und zeigt an seinem schlagfesten Gehäuse die jeweils angelegte Vorspannkraft an.

Lockert sich ein Zurrgurt, schlägt die Smartphone-App des iGurt-Systems sofort Alarm. Auch eine zu hohe Vorspannkraft, die empfindliches Ladegut beschädigen könnte, wird angezeigt. Das Gerät läuft mit einer Batterie, die nach Herstellerangaben rund ein Jahr hält. Die App ermöglicht eine lückenlose Dokumentation der Ladungssicherung während des Transportes.

Rechtliche Situation

§22 der Straßenverkehrsordnung (StVO) fordert, dass bei der Ladungssicherung die anerkannten Regeln der Technik zu beachten sind. In Deutschland gelten in diesem Zusammenhang die Bestimmungen der VDI-Richtlinie 2700 („Ladungssicherung auf Straßenfahrzeugen“). In dieser Richtlinie hat der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) beschrieben, welche unterschiedlichen Kräfte bei einem Straßenfahrzeug auf die Ladung einwirken, mit welchen Mitteln die Fracht gesichert werden kann und wie Verladepersonal und Fahrzeugführer zu schulen sind.

Das VDI-Regelwerk ist allerdings kostenpflichtig, es steht Interessenten also nicht als kostenloser Download zur Verfügung. Kostenlose Infos zum Thema „Ladungssicherung von Baustoffen“ bietet das Portal www.ladungssicherung-baustoffe.de des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB).


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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