RM Rudolf Müller
Prototyp-Test: Der Palettentausch wurde per Smartphone dokumentiert.  Foto: GS1 Germany/Reinhard Rosendahl

Prototyp-Test: Der Palettentausch wurde per Smartphone dokumentiert.  Foto: GS1 Germany/Reinhard Rosendahl

Arbeitsalltag
18. Februar 2020 | Artikel teilen Artikel teilen

Palettentausch per Blockchain?

Unter dem Dach von GS1 Germany arbeitete ein Team aus rund 30 Unternehmen an der Entwicklung einer Blockchain-basierten Lösung für den Palettentausch. Mithilfe der modernen Datenbank-Technologie entstand ein Prototyp, der von den beteiligten Partnern bereits Ende 2018 erfolgreich im realen Tagesgeschäft getestet wurde.

Das international agierende Unternehmen GS1 bietet Dienstleistungen und Lösungen in den Bereichen Barcodes, E-Commerce, Netzwerk- und RFID-Technologie. Die Partner im Blockchain-Projekt stammen aus Handel (u. a. Lekkerland), Industrie (u. a. Dr. Oetker), Logistik (u. a. Nagel-Group), IT (u. a. SAP), der Beratungsbranche (u. a. Pricewaterhouse Coopers) sowie aus Verbänden und Wissenschaft.

Nach Angaben von GS1 ist die im Zusammenhang mit dem digitalen Zahlungsmittel Bitcoin bekannt gewordene Datenbank-Technologie Blockchain in der Lage, beim Palettentausch mehr Transparenz für alle Beteiligten zu schaffen und die bisherige Zettelwirtschaft zu beenden. Dabei erfordere Blockchain allerdings auch neue Organisationsstrukturen und Prozessabläufe.

Das Palettentausch-System

Paletten sind ein unverzichtbarer Bestandteil der modernen Warenwirtschaft. Auch in der Baustoffindustrie verbringen viele Produkte eine lange Zeit auf „ihrer“ Palette und verlassen sie erst, wenn sie auf der Baustelle verarbeitet werden. Vorher wurden sie auf ihrem Weg vom Hersteller über den Handel bis hin zum Endkunden oft auf demselben Holzträger mehrmals transportiert und eingelagert.

Doch auch wenn Baustoffe und ihre Holzträger „unzertrennlich“ erscheinen, so ist die Palette meist kein Bestandteil der Warenlieferung. Der Käufer erwirbt sie also nicht mit. Damit die Waren beim Besitzerwechsel trotzdem nicht ständig auf andere Paletten umgelagert werden müssen, gibt es in Europa ein Palettentausch-System, das auf der Verwendung so genannter Europoolpaletten basiert – meist kurz als „Europaletten“ bezeichnet.

Europaletten sind nach DIN EN 13698-1 genormte Transportmittel aus Holz mit einer Grundfläche von 0,96 m2. Wer diese Paletten herstellen, reparieren oder damit handeln möchte, muss dafür Lizenzgebühren an die „European Pallet Association“ (EPAL) zahlen. Vorteil der standardisierten Norm-Paletten ist, dass sie zwischen allen Lizenznehmern europaweit getauscht werden können.

Der Austausch funktioniert zum Beispiel so: Ein Lkw liefert auf Europaletten festgezurrte Produkte an einen Händler, der diese mitsamt dem Ladungsträger bei sich einlagert. Im Gegenzug wird der Lkw mit entsprechend vielen Leerpaletten aus dem Bestand des Händlers beladen. Diese tauscht der Fahrer dann beim nächsten Verlader wieder gegen frisch beladene Holzträger ein.

Aufwändige Zettelwirtschaft

In der Theorie klingt dieses Tauschsystem kinderleicht und ausgesprochen effektiv. Doch in der Praxis führt es bisher noch zu einem relativ hohen Verwaltungsaufwand und zu einer im digitalen Zeitalter eigentlich nicht mehr zeitgemäßen Zettelwirtschaft. Lkw-Fahrer und Lagermitarbeiter füllen heute nämlich meist noch Palettenscheine in Papierform aus. Diese müssen sie später an die jeweils Verantwortlichen in ihren Unternehmen abgeben. Dort werden die handschriftlich erhobenen Daten erst in einem zweiten Schritt digital erfasst. Das machen beide Tauschpartner getrennt voneinander in ihren jeweils eigenen Warenwirtschaftssystemen.

Eine Vereinfachung dieses Systems, das zudem relativ fehleranfällig ist, war ein Hauptziel des Blockchain-Projekts von GS1 und seiner Partner. Durch die Einführung einer Blockchain-Anwendung sollten der Palettentausch verschlankt und viele bisherige Arbeitsschritte überflüssig gemacht werden. Außerdem ging es um mehr Sicherheit, bessere Rückverfolgbarkeit aller Prozesse und Echtzeit-Transparenz für alle Beteiligten.

Prototyp von SAP

Der Tauschprozess wird mit wenigen Klicks erfasst, bestätigt und in der Blockchain dokumentiert. Abbildung: SAP

Der Tauschprozess wird mit wenigen Klicks erfasst, bestätigt und in der Blockchain dokumentiert. Abbildung: SAP

Die im Rahmen des Projekts entstandene Prototyp-Lösung wurde von SAP entwickelt und besteht aus drei Komponenten. Dank einer intuitiv bedienbaren Software für Smartphone oder Tablet lässt sich der Palettentausch mit nur wenigen Klicks mobil realisieren. Diese Anwendung ermöglicht es, den Tauschvorgang ganz ohne Papierkram zu erfassen, zu bestätigen und in Echtzeit zu dokumentieren. Weiterer Vorteil: SAP hat die mobile Blockchain-Anwendung mehrsprachig programmiert, sodass auch ausländische Lkw-Fahrer keine Verständnisprobleme haben.

Die zweite Komponente des Prototyps ist das so genannte Paletten-Portal, das in der Regel von Firmenmitarbeitern aus der Belegabwicklung eingesehen werden dürfte. Auf dem digitalen Portal werden in Echtzeit alle Tauschtransaktionen des eigenen Unternehmens abgebildet und die jeweiligen Palettenkontostände angezeigt. Der dritte Baustein – und zugleich das Herzstück des gesamten Systems – ist die Blockchain. Sie ist die eigentliche technologische Grundlage der Anwendung, in ihr werden alle Daten zu Transaktionen und Korrekturen erfasst und dauerhaft gespeichert.

Was heißt Blockchain?

Der Begriff Blockchain („Blockkette“) steht für eine dezentrale Datenbanktechnologie, bei der Transaktionen – zum Beispiel Währungsverkäufe oder eben der Tausch von Paletten – chronologisch in miteinander verketteten Datenblöcken abgespeichert werden. Dies geschieht stets auf vielen dezentralen Computern gleichzeitig. Die Blockinhalte können im Nachhinein von den Prozessbeteiligten nicht mehr verändert werden. Die Abfolge der Blöcke – die Blockchain – dokumentiert also manipulationssicher den zeitlichen Ablauf der Tauschgeschäfte und hält fest, wer an den jeweiligen Transaktionen beteiligt war. Die komplette Blockchain-Chronologie ist zudem für die Prozessbeteiligten permanent in Echtzeit einsehbar.

Erfolgreicher Praxistest

Den oben beschriebenen Prototyp haben GS1 und 17 seiner Partner im Oktober 2018 im Tagesgeschäft des Palettentausches ausgiebig getestet. Dabei wurden rund 600 Palettentauschvorgänge mit Blockchain realisiert.

Der Test sollte Auskunft darüber geben, ob sich mithilfe der Technologie die Zettelwirtschaft im Palettentausch effektiv digitalisieren lässt. „Die Antwort lautet zunächst einmal ja“, sagt Christian Grotowsky, Managing Director der Lekkerland IT-Tochter Lekkerland Information Systems. „Der Palettenschein lässt sich mit Blockchain digitalisieren und in einer App abbilden. Der Tauschprozess wird an mehreren Stellen effizienter. Sowohl an den Laderampen als auch in der Belegabwicklung ist der Effekt spürbar geworden.“

„Blockchain-Projekte lassen sich rein technisch unkompliziert umsetzen, solange Interoperabilität gewährleistet werden kann“, ergänzt Torsten Zube, Leiter Blockchain bei SAP. „Offenheit ist daher nicht nur in der Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Unternehmen, sondern auch technologisch ein absoluter Erfolgsfaktor.“

Offenheit zwischen Unternehmen setzt Vertrauen voraus. Gerade hier kann allerdings die Blockchain-Technologie helfen, Vorbehalte abzubauen – wie Eric Stettiner von Pricewaterhouse Coopers erläutert: „Die zugrundeliegende Distributed Ledger-Technologie besitzt den Vorteil, dass Unternehmen ihre Daten in dezentrale Transaktionsdatenbanken geben und sie nicht einer einzigen zentralen Instanz anvertrauen müssen.“

Das Blockchain-Projekt hat GS1 übrigens auch in einem Projekt-Blog dokumentiert. Zu den Vorteilen der Technologie heißt es dort zusammenfassend: „Die Datenbanktechnologie bietet auf technologischer Ebene derzeit die einzige Möglichkeit, eine Übertragung von Eigentum an Werten und Dingen über das Internet peer-to-peer und manipulationssicher abzubilden. Blockchain schafft einen „single-point of digital truth“ durch verteilte, im Nachgang nicht mehr manipulierbare Daten.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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