RM Rudolf Müller
Das Pestel-Institut fordert staatliche Fördermittel gegen die „graue Wohnungsnot“. Foto: Pixabay

Das Pestel-Institut fordert staatliche Fördermittel gegen die „graue Wohnungsnot“. Foto: Pixabay

Hintergrundwissen
05. März 2019 | Artikel teilen Artikel teilen

Neue Studie: Wohnen im Alter

2035 werden in Deutschland rund 24 Millionen Menschen zur Altersgruppe „65plus“ gehören – rund 6 Millionen mehr als heute. Das Pestel-Institut warnt in diesem Zusammenhang vor einer „grauen Wohnungsnot“. Entwickele sich der Wohnungsmarkt weiter wie bisher, könnten sich künftig viele Rentner das Wohnen nicht mehr leisten. Alle Fakten zum Thema haben die Wissenschaftler aus Hannover in der Studie „Wohnen der Altersgruppe 65plus“ zusammengefasst, die Mitte Januar auf der BAU in München vorgestellt wurde.

Die Studie, die der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) in Auftrag gegeben hat, kommt zu dem Schluss, dass bereits bis 2030 bundesweit rund 3 Millionen altersgerechte Wohnungen zusätzlich gebaut werden müssten, um der Gefahr der grauen Wohnungsnot wirkungsvoll entgegentreten zu können. „Es ist deshalb notwendig, beim Neubau weiterhin den Fokus verstärkt auf das altersgerechte Bauen zu legen“, sagt BDB-Präsident Stefan Thurn und fügt hinzu: „Ein Großteil der erforderlichen Senioren-Wohnungen wird allerdings durch den Umbau vorhandener Wohnungen entstehen müssen: Deutschland steht vor einem neuen Baujahrzehnt des altersgerechten Sanierens“.

„Deutschland muss sich umbauen“

Für Thurn steht fest: „Deutschland muss sich umbauen“. Gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente, sei der Bedarf vor allem an kleinen und bezahlbaren Senioren-Wohnungen enorm. Die Studie „Wohnen 65plus“ nennt auch die Kosten dafür: Demnach werden für den altersgerechten Umbau und die Modernisierung bis 2030 rund 50 Milliarden Euro an Investitionen und damit mindestens 5,6 Milliarden Euro an Fördermitteln erforderlich sein. Der Staat müsse diesen „grauen Wohnungsumbau“ offensiv unterstützen – mit Beratungs- und Förderprogrammen. Institutsleiter Matthias Günther hat dabei auch die Haushalte mit Wohneigentum im Blick: „Kreditprogramme stoßen bei Menschen, die bald in Rente gehen, auf wenig Interesse. Erst recht bei Siebzigjährigen. Hier ist nur mit direkten Zuschüssen effektiv etwas zu erreichen.“

500 Millionen Euro Förderung – pro Jahr

Deutschland braucht deutlich mehr barrierefreie Wohnanlagen wie diesen Neubau im baden-württembergischen Leonberg. Foto: Unipor

Deutschland braucht deutlich mehr barrierefreie Wohnanlagen wie diesen Neubau im baden-württembergischen Leonberg. Foto: Unipor

Das Pestel-Institut kommt zu dem Schluss, dass mindestens 500 Millionen Euro jährlich an Fördermitteln für den generationengerechten Bau- und Umbau erforderlich sind. Für den Staat rechne sich dies sogar: „Barrierearme Wohnungen ermöglichen Menschen eine Pflege in den eigenen vier Wänden. Die deutlich teurere und oft nicht gewollte stationäre Pflege im Heim lässt sich so häufig vermeiden. Langfristig lassen sich damit Kosten im Gesundheitswesen sparen. Zudem bedeutet barrierearmer Wohnraum auch immer eine bessere Sturz- und Unfallprävention“, sagt Studienleiter Matthias Günther. So koste es im Schnitt rund 16.000 Euro, eine Wohnung barrierearm umzubauen. Die stationäre Pflege sei pro Jahr rund 8.500 Euro teurer als die ambulante Pflege.

Senioren-Umzugswelle

Das Pestel-Institut sagt zudem eine „Senioren-Umzugswelle“ voraus. Der Grund: Die kommende Rentnergeneration werde deutlich weniger Geld zur Verfügung haben als die Senioren heute. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Anteil an Senioren, die für ihren Lebensunterhalt auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, in den kommenden 20 Jahren von derzeit 3 % auf dann 25 bis 35 % steigen wird. „Für die Senioren von morgen wird es finanziell eng – und das sind insbesondere die geburtenstarken Jahrgänge der 60er-Jahre. Also die Baby-Boomer, die ab 2025 in Rente gehen. Eine ganze Generation mit deutlich niedrigeren Renten trifft dann auf steigende Wohnkosten“, sagt Matthias Günther.

Ein Großteil der Menschen werde mit dem Eintritt ins Rentenalter in deutlich kleinere Wohnungen umziehen müssen oder gemeinschaftliche Wohnformen suchen. Derzeit liege die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf bei 46,5 m2. Dabei hätten Senioren-Haushalte heute im Schnitt eine noch deutlich höhere Wohnfläche zur Verfügung, weil viele ihre alte Wohnung auch nach dem Auszug der Kinder behalten. So geht die letzte Mikrozensus-Erhebung zur Pro-Kopf-Wohnfläche bei Senioren-Haushalten sogar von 59 m2 aus. „Ein wichtiger Grund dafür ist der starke Anstieg der Mieten“, so Günther. „Wenn Senioren heute bereit sind, aus ihrer Wohnung, in der sie schon lange leben, auszuziehen und eine kleinere Wohnung suchen, dann scheitert das an den Mietkosten. In der Regel finden sie keine kleinere Wohnung für eine niedrigere Miete.“

Neue Wohnformen

Die Wissenschaftler plädieren in ihrer Studie dafür, in Städten ein bezahlbares Seniorenwohnen anzubieten, bei dem die Älteren in ihrem Quartier und damit in ihrem sozialen Umfeld bleiben können. Für einkommensschwache Haushalte mit Wohneigentum müsse es – gerade im ländlichen Raum – Wohnberatungen geben. Ziel müsse es sein, ältere Menschen durch die Organisation von Umbauten und Umzügen zu unterstützen. Sie sollten dabei auch zum Ausprobieren neuer Wohnformen – wie etwa zum gemeinschaftlichen Wohnen – motiviert werden. Hierfür müsse die Politik auf Bundes-, Länder- und Kommunalebene bereits jetzt die Weichen stellen.

Der komplett Abschlussbericht der neuen Pestel-Studie steht auf der Webseite des BDB als kostenloser PDF-Download bereits (Direktlink).


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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