RM Rudolf Müller
Foto: Sebastian Lux / www.pixelio.de

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Rechte und Pflichten
21. Januar 2016 | Artikel teilen Artikel teilen

Ausbildung im Ausland: Ist das möglich?

Als Schüler kann man sich ab einem Alter von 15 Jahren für ein Auslandsjahr an einer Partnerschule in einem anderen Land bewerben. Da stellt sich die Frage: Ist so etwas Ähnliches auch während der Ausbildung im Baustoff-Fachhandel möglich?

Auslandsaufenthalte sind generell ein Pluspunkt in deinem Lebenslauf. Du hast die Möglichkeit, intensiv Fremdsprachenkenntnisse zu erwerben und sammelst wertvolle Erfahrungen im Umgang mit anderen Kulturen und Arbeitswelten. So etwas ist gefragt bei Unternehmen, die selbst im Ausland aktiv sind oder es planen.

Vorteile für alle Seiten

Aber auch bei Betrieben, die nicht in anderen Ländern operieren, kannst du mit Auslandserfahrungen bei Bewerbungen eigentlich nur punkten. Wer sich in jungen Jahren schon allein „in die Fremde“ wagt, vermittelt eben eher das Bild einer starken, selbstbewussten und motivierten Persönlichkeit.

Viele Unternehmen schätzen im Übrigen nicht nur vorhandene Auslandserfahrungen bei ihren Mitarbeitern, sondern fördern sie auch. Und das beginnt oft schon in der Ausbildung. Wer seine Azubis vorübergehend in anderen Ländern lernen lässt, kann davon gleich doppelt profitieren. Zum einen bereichern die jungen Menschen den Betrieb anschließend mit ihren internationalen Kompetenzen, zum anderen steigert man durch solche Angebote auch die eigene Attraktivität als Ausbildungsbetrieb.

Was sagt der Gesetzgeber?

Rein rechtlich spricht nichts dagegen, dass du als Azubi einen Teil deiner Ausbildung im Ausland absolvierst. Das wird im Berufsbildungsgesetz sogar ausdrücklich betont: „Teile der Berufsausbildung können im Ausland durchgeführt werden, wenn dies dem Ausbildungsziel dient. Ihre Gesamtdauer soll ein Viertel der in der Ausbildungsordnung festgelegten Ausbildungsdauer nicht überschreiten“ (§2 Abs. 3 BBiG).

Von einer dreijährigen Ausbildungszeit kannst du also bis zu neun Monate im Ausland verbringen. Wenn der Aufenthalt als Bestandteil deiner Ausbildung anerkannt werden soll, müssen dir dort aber auch ausbildungsrelevante Lerninhalte vermittelt werden. Deine berufliche Qualifizierung muss also weitergehen, du hast weiterhin das Ausbildungsziel anzusteuern. Einfach nur Sprache und Kultur studieren, reicht nicht aus. Falls du so etwas planst, müsstest du deinen Betrieb fragen, ob du deine Lehre zwischenzeitlich unterbrechen kannst, um für eine bestimmte Zeit ins Ausland zu gehen.

Grundsätzlich sind Auslandsaufenthalte während der Ausbildung nur mit Zustimmung deines Betriebes möglich. Die ausbildenden Firmen stehen dabei in der Verantwortung, dass das Ausbildungsziel weiterhin erreicht wird. Und das ist nicht nur so dahingesagt. Der Gesetzgeber fordert in §76 BBiG ausdrücklich, dass die Durchführung von Auslandsaufenthalten von der Industrie- und Handelskammer (IHK) überwacht wird. Ab vier Wochen Auslandsaufenthalt muss mit der IHK ein angepasster Ausbildungsplan abgestimmt werden.

Praktische Umsetzung

Nach Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) absolvierten 2014 immerhin mehr als 30.000 junge Menschen im Rahmen ihrer Erstausbildung einen Auslandsaufenthalt. Am häufigsten werden solche Projekte sicher in ausländischen Filialen oder Tochterunternehmen der deutschen Ausbildungsbetriebe stattfinden. Aber auch Unternehmen aus dem Baustoff-Fachhandel, die überwiegend regional-mittelständisch und selten international ausgerichtet sind, haben realistische Möglichkeiten, ihren Azubis Auslandaufenthalte anzubieten. Häufig bestehen Kontakte zu Händlern aus dem benachbarten Ausland oder die eigene Fachhandelskooperation kann einen solchen Kontakt vermitteln. Bei der Suche nach ausländischen Partnerbetrieben können sich interessierte Firmen zudem von ihrer örtlichen IHK beraten lassen.

Erasmus+

Wenn Azubis für Ausbildungszwecke vorübergehend im Ausland arbeiten, ist der Heimatbetrieb natürlich verpflichtet, weiterhin die vereinbarte Ausbildungsvergütung zu bezahlen. Allerdings müssen die Betriebe nicht für Reise- und Unterbringungskosten aufkommen. War es das also schon mit dem Traum vom beruflichen Lernen im Ausland? Schließlich werden die meisten Azubis vielleicht noch die Fahrtkosten, aber wohl kaum eine auswärtige Unterkunft für einen längeren Zeitraum bezahlen können.

Doch zum Glück gibt es zu diesem Zweck Förderprogramme. Am bekanntesten ist sicher Erasmus+, das Unterstützungsangebot der Europäischen Union für Bildung, Jugend und Sport. Mit diesem Programm werden auch so genannte Mobilitätsprojekte von Auszubildenden gefördert. Gewährt werden finanzielle Zuschüsse für Fahrtkosten, Aufenthaltskosten sowie Organisations- und Vorbereitungskosten. Teilweise werden zusätzlich auch Sprachkurse finanziert.

Wer an einer Erasmus+-Förderung interessiert ist, kann sich an die Nationale Agentur beim BIBB wenden. Die ist in Deutschland für den Bereich Berufsbildung im Erasmus+-Programm zuständig. Die Fördergelder können aber nicht von Einzelpersonen beantragt werden, also auch nicht von dir als Azubi. Der Antrag muss vielmehr von deinem Ausbildungsbetrieb gestellt werden oder von deiner Berufsschule beziehungsweise örtlichen IHK. Voraussetzung ist allerdings, dass du einen ausländischen Partner vorweisen kannst. Den organisiert Erasmus+ nämlich nicht. Finanziert werden Mobilitätsprojekte in allen EU-Ländern sowie in Island, Liechtenstein, Norwegen, Mazedonien und in der Türkei.

Engagement erforderlich

Über eins solltest du dir aber keine Illusionen machen: Ein Auslandsaufenthalt zu Ausbildungszwecken ist sicher kein reines Zuckerschlecken und erfordert auch viel Engagement von dir. Nicht nur bei Organisation und der Beantragung von Fördergeldern, sondern auch beim Thema Berufsschule. Für die Zeit im Ausland wirst du zwar von der Berufsschule freigestellt, aber es wird auch erwartet, dass du den versäumten Lernstoff im nachhinein selbstständig nacharbeitest.

Wer mehr zum Thema erfahren möchte, erhält wie gesagt auch Unterstützung von seiner örtlichen IHK. Die Kammern beschäftigen so genannte Mobilitätberater, bei denen Azubis und Betriebe wegen aller Fragen zum Auslandsaufenthalt vorstellig werden können. Weitere Infos unter www.mobilitaetscoach.de.


Bitte beachten Sie: Der Inhalt dieses Beitrages stellt keine Rechtsberatung dar und kann die rechtliche Beratung im Einzelfall nicht ersetzen! Unser Anspruch ist es, immer rechtlich korrekte Artikel zur Verfügung zu stellen. Allerdings ändern sich Gesetze bzw. gesetzliche Regelungen häufig. Wir können daher keine Garantie für die aktuelle oder zukünftige Richtigkeit übernehmen. Im Zweifel wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an eine juristisch fundierte Person (z.B. Rechtsanwälte, Gewerkschaften, IHK etc.).
Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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