RM Rudolf Müller

Rechte und Pflichten
29. April 2015 | Artikel teilen Artikel teilen

Wie hoch ist die Ausbildungsvergütung für Azubis?

Hand Euroschein CentmünzenAuszubildenden ist eine „angemessene Ausbildungsvergütung“ zu gewähren, die zudem jährlich ansteigen muss. So steht es in §17 des Berufsbildungsgesetzes. Was genau unter „angemessen“ zu verstehen ist, hat der Staat aber nicht näher geregelt. Nur soviel: Vom gesetzlichen Mindestlohn seid ihr als Azubis ausgenommen. Was euch an Geld zusteht, wird meist in Tarifverträgen geregelt.

Der Staat hält sich ganz bewusst aus der Frage heraus, was Betriebe als Ausbildungsvergütung zu zahlen haben. Schließlich werden die Einkommen hierzulande durch unabhängige Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden festgelegt. Das Ergebnis sind Tarifverträge, die für gewöhnlich nicht nur die Arbeitsentgelte, sondern eben auch die Ausbildungsvergütungen regeln.

Kein „Einheitslohn“ für Azubis

Nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums gibt es derzeit in Deutschland rund 70.000 gültige Tarifverträge. Manche davon gelten nur für die Beschäftigten einzelner Firmen, manche für ganze Branchen (Flächentarifverträge). Wiederum andere beziehen sich auf Branchen, gelten aber nur in bestimmten Bundesländern. Es gibt also sehr viele unterschiedliche Tarifverträge und daher auch keinen „Einheitslohn“ für Azubis. Die Höhe euer Vergütung hängt davon ab, in welchem Beruf und welcher Branche ihr ausgebildet werdet und vor allem, an welchen Tarifvertrag euer Betrieb gebunden ist.

Aber auch in Betrieben ohne Tarifbindung kann der Chef nicht einfach alleine darüber entscheiden, was unter einer „angemessenen Ausbildungsvergütung“ zu verstehen ist. Nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts darf die Vergütung in solchen Fällen nämlich nur maximal 20 Prozent geringer ausfallen als das branchenübliche Tarifniveau. Und wenn es gar keinen Branchentarif als Maßstab gibt? Auch dann ist keine Willkür möglich. Stattdessen legen dann die zuständigen Berufskammern – zum Beispiel IHK oder die Handwerkskammern – Richtwerte für die Ausbildungsvergütung fest.

Ausbildungsvergütung in der Praxis

Bekanntlich verdienen Menschen in unterschiedlichen Berufen auch unterschiedlich viel Geld. Und das beginnt bereits in der Ausbildung. So verdient ein Bäckerlehrling in Deutschland im ersten Ausbildungsjahr nur durchschnittlich 450 Euro pro Monat. Im dritten Jahr sind es dann 690 Euro. Zum Vergleich: Ein angehender Bankkaufmann kann sich schon im ersten Jahr über durchschnittlich 888 Euro freuen, im letzten Ausbildungsjahr sind es dann 1.007 Euro.

Die genannten Zahlen stammen aus der Datenbank für Ausbildungsvergütungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und wurden im Jahr 2014 erhoben. Die typischen Ausbildungsberufe im Baustofffachhandel liegen in Sachen Vergütung übrigens im oberen Drittel. So erhält man als Kaufmann/-frau im Groß- und Außenhandel nach der BIBB-Statistik durchschnittlich 766 Euro im ersten Ausbildungsjahr, eine Fachkraft für Lagerlogistik bekommt sogar durchschnittlich 821 Euro.

Vergleicht man die Entgelte in Ost- und Westdeutschland, ergibt sich ein differenziertes Bild. Für viele Berufe wird in den neuen und alten Bundesländern mittlerweile gleich viel bezahlt, oder es gibt zumindest nur noch geringe Differenzen. Teilweise sind die Unterschiede aber auch noch erheblich. Im Friseurhandwerk etwa gibt es bereits im Westen eine relativ geringe Ausbildungsvergütung von durchschnittlich nur 379 Euro. Im Osten aber waren es 2014 sogar nur durchschnittlich 214 Euro.

Sonderzahlungen

Es kann sein, dass ihr von eurem Betrieb neben der Ausbildungsvergütung auch noch zusätzliche Sonderzahlungen erhaltet. Das sind dann aber in der Regel keine speziellen Gelder für Azubis, sondern Leistungen, die alle Arbeitnehmer des Unternehmens erhalten – zum Beispiel Weihnachts- oder Urlaubsgeld. Manchmal sind solche Zahlungen in Tarifverträgen fest vereinbart, grundsätzlich handelt es sich aber um freiwillige Leistungen eures Arbeitgebers. Sie können, müssen aber nicht gezahlt werden.

Viele Unternehmen unterstützen ihre Arbeitnehmer und Azubis auch durch die Gewährung von vermögenswirksamen Leistungen. Sie zahlen dann zusätzlich zum Gehalt kleinere Geldbeträge auf ein Konto, auf das die Beschäftigten in der Regel nach einer siebenjährigen Sparphase zugreifen können. Auch das sind grundsätzlich freiwillige Leistungen des Arbeitgebers, die aber häufig in Tarifverträgen fest zugesagt werden. Auch als Azubis habt ihr dann in der Regel ein Anrecht darauf.

Trinkgelder

In manchen Jobs gehört es zum Arbeitsalltag, dass Arbeitnehmer Trinkgelder von den Kunden erhalten. Die Kunden zahlen dann einerseits den regulären Preis für die Dienstleistung an das Unternehmen, und bedanken sich andererseits mit dem zusätzlichen Trinkgeld persönlich bei den Menschen, die einen guten Service erbracht haben. Diese Praxis ist vor allem in gering bezahlten Serviceberufen weit verbreitet, ihr kennt das sicher aus Friseurläden oder der Gastronomie. Grundsätzlich sind Trinkgelder aber auch woanders möglich. Gesetzlich verboten sind sie nur im öffentlichen Dienst.

Was viele nicht wissen: Trinkgelder gehören den Beschäftigten, die sie erhalten haben. Der Arbeitgeber darf sie also nicht von seinen Angestellten einfordern. Und auch als Azubis dürft ihr sie annehmen. Mehr noch: Freiwillig gezahlte Trinkgelder zählen nicht zum regulären Arbeitseinkommen und müssen daher auch nicht versteuert werden.

Azubis und Mindestlohn

Die meisten Azubis in Deutschland erhalten auch im dritten Ausbildungsjahr eine Vergütung, die unterhalb von 1.000 Euro liegt. Das ist in der Regel weniger als der seit Anfang 2015 vorgeschriebene gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Tatsächlich seid ihr als Azubis von der Mindestlohnregelung ausgenommen. Offiziell wird das damit begründet, dass ihr ja ohnehin keinen Lohn, sondern eine Ausbildungsvergütung erhaltet. Oder anders ausgedrückt: Azubis befinden sich nicht in einem Arbeitsverhältnis, sondern in einem Bildungsverhältnis.

Es liegt auf der Hand, dass die Politik Auszubildende vor allem deshalb vom Mindestlohn ausgenommen hat, um zu verhindern, dass die Unternehmen künftig noch weniger ausbilden. Und die Ausbildungsvergütung war ja ohnehin schon immer eher als Aufwandsentschädigung gedacht und nicht als auskömmliches Einkommen. Man geht dabei davon aus, dass die meisten Azubis noch bei ihren Eltern wohnen oder zumindest finanziell von diesen unterstützt werden. Und was ist, wenn ihr nicht mehr im „Hotel Mama“ wohnt, sondern bereits auf eigenen Beinen steht? Dann habt ihr unter Umständen Anspruch auf staatliche Unterstützung – etwa in Form von Berufsausbildungsbeihilfe, Wohngeld oder Kindergeld. Zu diesem Thema findet ihr an dieser Stelle demnächst einen eigenen Beitrag.


Bitte beachten Sie: Der Inhalt dieses Beitrages stellt keine Rechtsberatung dar und kann die rechtliche Beratung im Einzelfall nicht ersetzen! Unser Anspruch ist es, immer rechtlich korrekte Artikel zur Verfügung zu stellen. Allerdings ändern sich Gesetze bzw. gesetzliche Regelungen häufig. Wir können daher keine Garantie für die aktuelle oder zukünftige Richtigkeit übernehmen. Im Zweifel wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an eine juristisch fundierte Person (z.B. Rechtsanwälte, Gewerkschaften, IHK etc.).

Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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