Die IG Bau erwartetet in den nächsten Jahren eine Sanierungswelle im deutschen Wohnungsbestand. Was angesichts der aktuellen Neubaukrise nach einer guten Nachricht für die Baubranche klingt, birgt für die Beschäftigten möglicherweise auch eine Schattenseite. Die Industriegewerkschaft warnt jedenfalls vor gesundheitlichen Langzeitschäden durch Sanierungsarbeiten, da viele Altbauten nach wie vor „Asbest-Fallen“ seien. Im August lieferte sie dazu auf einer Pressekonferenz aktuelle Zahlen.
„Deutschland steht eine Offensive beim Modernisieren, Sanieren und Umbauen von älteren Wohngebäuden bevor, um neuen Wohnraum zu schaffen – aber auch mehr Klimaschutz und altersgerechtes Wohnen“, sagt Carsten Burckhardt, der im Bundesvorstand der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) für die Bauwirtschaft und für den Arbeitsschutz zuständig ist. „Doch immer dann, wenn es auf dem Bau staubt, kann es auch brenzlig werden: Gerade jetzt droht eine Eskalation der Asbest-Gefahr.“
Unsichtbare Gefahr
Asbest? War da was? Das Thema wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft wie ein trauriges Baukapitel von gestern wahrgenommen, das zum Glück aber schon vor langer Zeit beendet wurde. Schließlich gibt es in Deutschland seit 1993 ein generelles Verbot, asbesthaltige Produkte herzustellen und zu verarbeiten. Gleichwohl stecken aber nach wie vor Millionen Tonnen Asbest in Altbauten. Solange sie dort sicher verbaut sind, solange man an den belasteten Baustoffen nicht bohrt oder fräst, droht zwar keine unmittelbare Gefahr. Doch bei Sanierungsarbeiten kann der krebserregende Stoff freigesetzt werden.

„Mit der Sanierungswelle droht deshalb jetzt eine Asbest-Welle auf dem Bau“, warnt Carsten Burckhardt. Bauarbeiter, aber auch Heimwerker stünden vor einer „unsichtbaren Gefahr“. Alles beginnt mit Baustaub und dem Einatmen von Asbestfasern. Das kann dramatische gesundheitliche Folgen haben, denn die Fasern können Lungen-, Bauchfell- oder Kehlkopfkrebs verursachen.
Da die Latenzzeit 30 bis 40 Jahre dauert, bringen die Betroffenen ihre spätere Krebserkrankung zunächst oft gar nicht in Zusammenhang mit der Baustaubbelastung aus ihrem Berufsleben. Gleichwohl zeigen Zahlen der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU), dass Asbest bei den Berufskrankheiten die häufigste Todesursache ist. In den vergangenen zehn Jahren seien 3.376 Versicherte der BG BAU infolge einer asbestbedingten Berufserkrankung gestorben. Hinzu kommen viele Bauarbeiter, die zwar bisher überlebt haben, aber trotzdem unter den schweren Folgen einer Krebserkrankung durch Asbest leiden.
Wo ist Asbest enthalten?
Bei Asbest handelt es sich um mineralische Naturfasern, die chemisch betrachtet aus kristallisierten Silikat-Mineralen bestehen. Die sehr festen, hitze- und säurebeständigen sowie hervorragend dämmenden Asbestfasern hat man früher zahlreichen Baustoffen beigemischt.

Bekannt ist, dass Asbest früher in Faserzementplatten für Dach und Fassade („Eternit-Platten“) verarbeitet wurde. Die Fasern erhöhten die Biege-, Zug- und Druckfestigkeit dieser Baustoffe. Selbst unter Handwerkern ist aber nicht durchgehend bekannt, dass Asbest auch häufig als Zusatzstoff in Fliesenklebern , Spachtelmassen sowie Putz- und Mörtelprodukten eingesetzt wurde.
Ein großes Problem sei zudem der früher oft verbaute Spritz-Asbest – ergänzt Carsten Burckhardt: „Hier sind die Asbestfasern schwächer gebunden. Sie können deshalb leichter freigesetzt werden. Vor allem Aufzugsschächte sowie Schächte mit Versorgungs- und Entsorgungsleitungen wurden früher intensiv mit Spritzasbest verkleidet.“ Da es Fahrstühle vorwiegend in großen Gebäuden gebe, hätten diese das höchste Risiko einer Asbest-Belastung.
Situationsanalyse Asbest
Um die Asbest-Gefahr im deutschen Wohnungsbestand genauer beziffern zu können, hat die IG BAU beim Pestel-Institut (Hannover) eine entsprechende Untersuchung in Auftrag gegeben. Als Ergebnis entstand die „Situationsanalyse Asbest“, die Mitte August bei einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt wurde.

In der Analyse wird davon ausgegangen, dass es hierzulande rund 9,4 Mio. Wohnhäuser gibt, die nach wie vor Asbest-belastet sind. Diese wurden zwischen 1950 und 1990 gebaut, als Asbest-Baustoffe intensiv zum Einsatz kamen. „Es ist davon auszugehen, dass es in jedem Gebäude, das in diesen vier Jahrzehnten gebaut, modernisiert oder umgebaut wurde, Asbest gibt“, sagt Carsten Burckhardt.
Von 1950 bis 1990 sind nach Angaben des Pestel-Instituts insgesamt rund 4,35 Mio. Tonnen Asbest importiert worden (Ost- und Westdeutschland). Daraus seien rund 3.500 Produkte hergestellt worden – die meisten davon für den Baubereich. „73 % des Asbestes gingen in die Produktion von Asbest-Zementprodukten: Aus rund 32 Mio. Tonnen Asbest-Zement entstanden vor allem Rohre, Fassadenverkleidungen und Dacheindeckungen – die alten Eternit-Platten“, so Burckhardt.
Forderungen an die Politik
Die Bau-Gewerkschaft fordert mehr Schutzmaßnahmen vor den Gefahren einer drohenden „Asbest-Welle“ auf dem Bau und hat dazu eine „ Asbest-Charta “ vorgelegt. „Es geht dabei um bessere Informationen über Asbest-Gefahren bei Gebäuden, um die Förderung von Asbest-Sanierungen und vor allem auch um konsequenten Arbeitsschutz“, erläutert Carsten Burckhardt.
Der Gewerkschafter fordert auch die Einführung eines Schadstoff-Gebäudepasses mit unterschiedlichen Gefahrenstufen für die jeweilige Asbest-Belastung eines Gebäudes: „Jeder Bauarbeiter und jeder Heimwerker muss wissen, auf was er sich einlässt, wenn er Fliesen abschlägt, Wände einreißt oder Fassaden saniert.“ Zumindest bei einem Eigentümerwechsel müsste nach Ansicht der IG BAU in „asbestkritischen“ Häusern ein Gebäude-Check durchgeführt werden, um zu ermitteln, ob asbesthaltige Baustoffe vorhanden sind und welches Gefährdungspotenzial besteht. In Frankreich gibt es eine solche Check-Verpflichtung bei Hausverkauf bereits.
Von Bund und Ländern fordert die IG BAU eine (mehrsprachige!) Informationskampagne, die Bauarbeiter und Heimwerker über die Gefahren durch Asbest und geeignete Arbeitsschutzmaßnahmen aufklärt. Die Bundesländer müssten zudem ihre Arbeitsschutzkontrollen intensivieren, dafür sei ein Aufstocken des Kontrollpersonals notwendig. Aktuell kümmere sich in Deutschland ein Kontrolleur um den Arbeitsschutz von rund 23.000 Beschäftigten.
Vom Bund fordert die Bau-Gewerkschaft zudem die Schaffung eines KfW-Förderprogramms „Asbest-Sanierung“. Carsten Burckhardt: „Das hilft Kosten abzufedern, die bei einer Gebäudesanierung in asbestbelasteten Wohnhäusern zusätzlich entstehen. Außerdem ließe sich damit auch eine ordnungsgemäße Entsorgung von alten Asbest-Baustoffen sicherstellen.“