RM Rudolf Müller
Wandfliese im Innenraum

Das relativ poröse Material Steingut wird vor allem für Wandfliesen in Innenräumen verwendet. Foto: Steuler-Fliesen

 
Boden und Wand
06. November 2014 | Artikel teilen Artikel teilen

Der Unterschied zwischen Steingut- und Steinzeugfliesen

Keramik besteht größtenteils aus gebranntem Ton. Das gilt für Sanitärkeramik, Dachziegel oder Klinkersteine ebenso wie für Keramikfliesen. Die Unterschiede der diversen Tonprodukte ergeben sich aus den Details der Rezeptur, aus der unterschiedlichen Aufbereitung der Rohstoffe und nicht zuletzt aus der Brenntemperatur. Fliesen zählen zu den feinkeramischen Produkten, ihre Rohstoffe werden feiner gemahlen als es bei grobkeramischen Produkten wie etwa Klinkerpflaster der Fall ist. Aber auch innerhalb der Gruppe der Fliesen gibt es verschiedene Materialien. Insbesondere unterscheidet man zwischen Steingut- und Steinzeugfliesen.

Das Material Steingut wird vor allem für Wandfliesen in Innenräumen verwendet. Der gebrannte Scherben, so nennen Fachmann/-frau das gebrannte Gemisch, das für die Herstellung von Keramik notwendig ist, ist nicht etwa rotbraun wie Ton, sondern von heller, fast weißer Farbe. Das liegt an der Rezeptur: Steingut enthält neben Ton und Zusatzstoffen wie Quarz und Feldspat auch Kaolin (Porzellanerde). Dieser relativ teure Zusatzstoff ist für die Aufhellung des Materials verantwortlich. Es gibt auch preisgünstige Keramikfliesen ohne Kaolin. Sie werden als „Irdengut“ bezeichnet und sind dann von rotbrauner Farbe.

Steingut

Steingut wird bei weniger als 1.200°C gebrannt und damit bei einer Temperatur unterhalb der so genannten Sinterungsgrenze. Deshalb kommt es beim Brennprozess nicht zum vollständigen Schmelzen (Sintern) der Rohstoffe, sodass ein poröser Scherben mit vielen Luftporen entsteht. Man kann das Material daher relativ einfach schneiden, brechen oder Löcher hineinbohren. Dafür ist es andererseits nicht besonders hoch belastbar. Steingut wird deshalb nur selten im Bodenbereich verwendet. Wenn überhaupt, dann in mäßig belasteten Bereichen und unter Verwendung relativ dicker Fliesen.

Aufgrund ihrer Porigkeit können Steingutfliesen bis zu 15 Gewichts-Prozent Wasser aufnehmen. Sie sind daher nicht frostbeständig und nur für Innenräume geeignet. Aber auch in Bad, WC oder Küche kommt grundsätzlich nur glasiertes Steingut zum Einsatz. Erst durch diese Behandlung der Fliesen wird deren Oberfläche wasserdicht sowie resistent gegenüber Säuren, Flecken und Schmutz. Die Glasur erleichtert zudem die Pflege der Fliesen.
Die Rückseite des Steinguts bleibt unglasiert. Ihre raue, porige Oberfläche hat auch ihre Vorteile. Sie ermöglicht eine kräftige Verzahnung zwischen Fliese und Ansetzmörtel, wodurch Steingut besonders gut an der Wand haftet.

Steinzeug

Balkon mit Fliesen

Feinsteinzeugfliesen sind hoch belastbar und nehmen so gut wie kein Wasser auf, sodass sie auch für den Außenbereich eine sichere Lösung sind. Foto: PCI Augsburg

Wenn von Fliesen die Rede ist, fällt neben Steingut auch regelmäßig der Begriff Steinzeug. Wobei der sehr ähnliche Klang der Wörter eigentlich unglücklich ist. Er trägt dazu bei, dass die beiden Materialien entweder häufig miteinander verwechselt oder aber gar nicht als unterschiedliche Fliesentypen wahrgenommen werden. Das wird noch dadurch verstärkt, dass sich die Scherben von Steingut und Steinzeug optisch auf den ersten Blick nur wenig unterscheiden. Steingut ist meist etwas dunkler, was bei glasierten Fliesen aber natürlich nicht sichtbar ist. Auch auf der Rohstoffebene gibt es kaum Unterschiede. Beide Materialien enthalten Ton, Quarz und Feldspat. Allerdings ist der Feldspatanteil bei Steinzeug deutlich höher, während auf der anderen Seite weniger Kaolin als bei Steingut zum Einsatz kommt.

Aber trotz vieler Gemeinsamkeiten handelt es sich um zwei grundsätzlich verschiedene Fliesentypen mit unterschiedlichen Eigenschaften und Einsatzbereichen. Von entscheidender Bedeutung ist, dass Steinzeug bei Temperaturen von 1.200 °C und mehr gebrannt wird, sodass es zur Sinterung kommt. Vor allem der Feldspat schmilzt dann und fließt in die vorhandenen Poren der Tonmasse. Das Ergebnis ist ein Material, das deutlich dichter ist als Steingut und damit auch deutlich härter und belastbarer. Es wird daher vor allem für Bodenfliesen verwendet. Aufgrund seiner dichteren Struktur verursacht Steinzeug einen hellen Klang, wenn man etwa mit einem Hammer dagegen schlägt.

Zudem nimmt Steinzeug maximal drei Gewichts-Prozent Wasser auf. Es ist daher frostbeständig und kann auch problemlos im Freien verwendet werden. Anders als Steingut müssen Steinzeugfliesen nicht zwingend glasiert werden. Es gibt auch unglasierte Fliesen, die dennoch wasserundurchlässig sind und aufgrund ihrer porenarmen Oberfläche relativ pflegeleicht sind. Unglasiertes Steinzeug hat sogar den Vorteil, dass es widerstandsfähiger gegen Kratzer ist. Das Material hat eine durchgehend einheitliche Färbung, sodass selbst bei Abrieb kein sichtbarer Schaden entsteht.

Feinsteinzeug

Noch stabiler als Steinzeug sind Fliesen aus so genanntem Feinsteinzeug. Sie werden häufig für Böden in hoch belasteten Bereichen eingesetzt – etwa in Schwimmbädern, Einkaufszentren, Großküchen oder auf Industrieflächen. Aber auch auf Terrassen oder Balkons und sogar für die Fassadenverblendung kommen sie zum Einsatz. Feinsteinzeug hat eine noch dichtere Struktur als Steinzeug, es nimmt weniger als 0,5 Gewichts-Prozent Wasser auf. Man erreicht das bei der Herstellung dadurch, dass die Rohstoffe feiner gemahlen und unter höherem Druck in Form gepresst werden. Die Rohstoffrezeptur selbst unterscheidet sich nicht von Steinzeug.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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