RM Rudolf Müller
Aluminium, Faserzement, Keramik (v.l.n.r.): Hinter all diesen Gebäuden steckt eine VHF. Fotos: Werner Huthmacher (l.), David Franck (Mitte), Moeding (r.)

Aluminium, Faserzement, Keramik (v.l.n.r.): Hinter all diesen Gebäuden steckt eine VHF.
Fotos: Werner Huthmacher (l.), David Franck (Mitte), Moeding (r.)

Dämmstoffe
01. März 2016 | Artikel teilen Artikel teilen

Welche Vorteile haben vorgehängte hinterlüftete Fassaden?

Sicher, leistungsfähig und extrem wandelbar: Vorgehängte hinterlüftete Fassaden haben viele bauphysikalische und optische Vorteile. In der Anschaffung zunächst zwar deutlich teurer als ein Wärmedämmverbundsystem, gilt die Dämmfassade mit dem eingebauten Hinterlüftungsspalt langfristig dennoch als sehr wirtschaftlich.

Die vorgehängte hinterlüftete Fassade (VHF) ist ein hochwertiges Fassadendämmsystem, das stets aus vier Teilen besteht: die äußere Fassadenbekleidung, der Hinterlüftungsspalt, die Dämmung und die Unterkonstruktion. Die Systembestandteile werden ausführlich in der DIN-Norm 18516-1 beschrieben. Für VHF gilt, was man allgemein über Qualitätsprodukte sagen kann: in der Anschaffung nicht ganz billig, dafür aber sehr langlebig und zuverlässig. Die Schadensanfälligkeit ist im Vergleich zu Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) – bei denen der Dämmstoff nur durch eine dünne Putzschicht geschützt wird – deutlich geringer.

Trennung von Wärme- und Witterungsschutz

Das besondere Kennzeichen der VHF ist die bauliche Trennung der Fassaden-Funktionen Dämmung und Witterungsschutz. Den Schutz vor Wind und Wetter übernimmt die Fassadenbekleidung, die aber eben nicht direkt auf der Dämmung aufliegt, sondern von dieser durch den Hinterlüftungsspalt getrennt wird. Das hat einen doppelten Vorteil: Zum einen ist der Dämmstoff wirkungsvoll vor Feuchtigkeit geschützt, zum anderen wird Feuchtigkeit aus dem Gebäude, die durch Außenwand und Dämmstoff diffundiert, über die Luftschicht hinter der Außenbekleidung sicher abgeführt. Diese Trennung der Fassadenkomponenten sorgt zudem für die ökologische Nachhaltigkeit des Systems: Bei einem späteren Rückbau des Gebäudes lassen sich die einzelnen Bestandteile sortenrein demontieren und anschließend recyceln.

Mineralwolle als Standard

Bei einer VHF kommt standardmäßig der nichtbrennbare Dämmstoff Mineralwolle zum Einsatz. Das dient dem Brandschutz, trägt aber natürlich auch dazu bei, dass die VHF teurer ist als beispielsweise ein WDVS mit EPS-Dämmstoff. Verwendet wird zudem durchgehend wasserabweisende (hydrophobierte) und dampfdiffusionsoffene Mineralwolle. Das ist wichtig, damit die Baufeuchte über die Dämmung in den Lüftungsspalt abgeführt werden kann und die Mineralwolle dabei nicht an Dämmwirkung verliert. Mit dem System VHF sind alle geforderten Dämmstoffdicken realisierbar.

Vielfältige Fassaden möglich

Schematischer Querschnitt durch eine vorgehängte hinterlüftete Fassade. Grafik: FVHF

Schematischer Querschnitt durch eine vorgehängte hinterlüftete Fassade.
Grafik: FVHF

Die VHF ist ein vielseitiges Fassadensystem, das im Prinzip für alle Arten von Gebäuden einsetzbar ist – egal ob Ein- oder Mehrfamilienhaus, Hochhäuser, öffentliche Bauten, Industrie- und Geschäftsgebäude oder sonstige Objektbauten. Aufgrund des relativ hohen Preises ist die Verwendung im klassischen Mietwohnungsbau allerdings noch nicht sehr verbreitet. Hier dominieren eindeutig WDV-Systeme.

Im hochwertigen Objektbau ist die VHF dagegen stark verbreitet, eben weil das System so langlebig ist und es bei der Materialauswahl für die vorgehängte Fassadenbekleidung praktisch keine Grenzen gibt. Egal ob Keramik, Faserzement, Naturstein, Aluminium, Holz, Glas, HPL-Platten oder Klinkerriemchen – mit einer VHF ist praktisch jede Art von Außenbekleidung realisierbar. Sogar spezielle Trägerplatten, die sich mit Putz beschichten lassen, sind erhältlich. Damit sind also auch vorgehängte Fassaden in typischer WDVS-Optik möglich.

Die optische Vielfalt wird auch durch die Fotos in diesem Beitrag veranschaulicht. Bei den dargestellten Objekten handelt es sich übrigens durchweg um Gebäude, die 2015 für den  Deutschen Fassadenpreis für VHF nominiert waren. Dieser Preis wird alle zwei Jahre vom Fachverband Baustoffe und Bauteile für vorgehängte hinterlüftete Fassaden (FVHF) ausgelobt. Auf der Website des Verbandes findet ihr ausführliche Informationen zum Thema vorgehängte hinterlüftete Fassaden (www.fvhf.de).

Unterkonstruktion

Die Unterkonstruktion einer VHF sorgt für die Verbindung zwischen der tragenden Gebäude-Außenwand und der Fassadenbekleidung. Sie besteht heute in der Regel aus Metall (meist Aluminium), manchmal aber auch noch aus Holz. Die Verbindung erfolgt über Wandhalterungen, die in der Außenwand verankert werden, sowie über die Tragprofile, an denen man die Fassadenbekleidung befestigt.

Bei der Montage der VHF werden zunächst die Wandhalterungsteile an der Außenwand befestigt. Anschließend verlegt man die Mineralwolle-Platten, die quasi auf die Wandhalterungen „aufgespießt“ werden. Die Wandhalterungen sind so lang, dass sie ein gutes Stück aus dem Dämmstoff herausragen und damit zugleich die Breite des Hinterlüftungsspaltes definieren. Sie werden im nächsten Schritt mit den Tragprofilen verschraubt, die vertikal zur Wand verlaufen und später die Fassadenbekleidung aufnehmen. Damit ist die Unterkonstruktion fertig.

Ein gewisse Schwachstelle der VHF ist, dass die metallischen Teile der Unterkonstruktion, die von der Außenwand durch den Dämmstoff verlaufen, zu Wärmebrücken führen. Die Industrie hat darauf reagiert und thermische Trennelemente aus Kunststoff entwickelt, die der Verarbeiter zwischen Wandhalterung und Verankerungsgrund einlegt (siehe Grafik). Kunststoffe haben im Vergleich zu Metall eine wesentlich geringere Wärmeleitfähigkeit. So lassen sich zumindest wärmebrückenreduzierte Aufbauen realisieren. Mittlerweile gibt es sogar neuartige stabile Wandhalter, die komplett aus glasfaserverstärktem Polyamid-Kunststoff hergestellt werden.


Mehr zum Thema Fassade finden Sie in der Übersicht.


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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