RM Rudolf Müller
Nachhaltiges Bauen

Auch nachhaltiges Bauen muss sich am Ende rechnen. Foto: Thorben Wengert / www.pixelio.de

Energetisches Bauen
09. September 2014 | Artikel teilen Artikel teilen

Die ökonomische Dimension des nachhaltigen Bauens

Nachhaltig Bauen hat den Ruf, etwas teurer zu sein. So wie einkaufen im Bio-Markt oder die Anschaffung eines Hybridautos. Doch das ist eigentlich ein Missverständnis. Sicher sind die Baukosten für ein nachhaltiges Gebäude heute noch vergleichsweise hoch, schließlich werden ja auch hohe ökologische und soziale Standards angestrebt. Doch gerade diese Qualität sollte sich irgendwann auch auszahlen. Über die gesamte Lebensdauer des Gebäudes betrachtet, muss sich die Investition rechnen, sonst wäre sie wirtschaftlich betrachtet nicht nachhaltig.

Bei der ökonomischen Dimension des nachhaltigen Bauens geht es – wie immer in der Ökonomie – nicht zuletzt darum, Kosten zu senken. Der Unterschied zum konventionellen Bauen liegt darin, dass der Fokus nicht so einseitig auf den Baukosten liegt, sondern von vorneherein die gesamten Lebenszykluskosten eines Gebäudes betrachtet werden: von der Planungs- und Bauphase über die spätere Nutzung bis hin zu Instandhaltung, Rückbau und Recycling. Es werden also auch Zukunftskosten mit eingerechnet.

Langfristiger Nutzen

Gerade dieser vorausschauende Ansatz ist der eigentliche Kern der ökonomischen Nachhaltigkeit. Die Baumaßnahmen von heute sollen immer auch einen langfristigen Nutzen stiften, auch in 40 oder 50 Jahren soll der Bauherr oder die nachfolgende Generation noch von einer sinnvollen Investition sprechen können. Deshalb plant man beispielsweise die Raumaufteilung in nachhaltigen Gebäuden heute so, dass spätere Umbauten oder Nachnutzungen erleichtert und damit auch finanziell günstiger werden. Deshalb bemüht man sich zunehmend, Baustoffe und Konstruktionsformen einzusetzen, die ein möglichst rückstandsloses Recycling ermöglichen. Und deshalb gibt man heute Geld für Wärmedämmung aus, obwohl sich die Kosten rein monetär betrachtet meist erst nach Jahrzehnten rentieren.

Lebenszykluskostenanalyse

Abriss eines Wohngebäudes

Selbst der Abriss eines Gebäudes verursacht noch hohe Kosten. Foto: Drops / www.pixelio.de

Die ökologischen und sozialen Anforderungen an nachhaltige Gebäude mögen uns heute oft noch sehr ambitioniert erscheinen, aber ein „Wunschkonzert“ ohne finanzielle Fesseln ist das nachhaltige Bauen keinesfalls. Wenn die langfristige wirtschaftliche Effizienz gefährdet ist, muss die Ökonomie als dritte Säule des nachhaltigen Bauens korrigierend eingreifen. Bewertungsmaßstab ist dabei die so genannte Lebenszykluskostenanalyse eines Gebäudes.

Bei dieser Analyse werden alle Kosten der Immobilie – auch die zukünftigen – geschätzt und zusammengerechnet. Diese Gesamtrechnung sollte am Ende nicht höher ausfallen als die Lebenszykluskosten für eine vergleichbare, aber nicht nachhaltig gebaute Immobilie. Entscheidend dabei ist, dass eben wirklich alle Kosten auf den Prüfstand kommen: für Grundstück, Planung und Bauerrichtung, aber auch für Nutzung, Instandhaltung, Pflege, Umbauten, Abriss, Recycling etc. etc.

Kosten nach DIN 276

Welche Kostenarten im Detail bei der Lebenszykluskostenanalyse zu berücksichtigen sind, ist den Normen DIN 276 („Kosten im Bauwesen“) und DIN 18960 („Nutzungskosten im Hochbau“) zu entnehmen. Die DIN 276 bezieht sich auf die Kosten, die in der Bauphase anfallen – seien es nun Neubau-, Umbau- oder Modernisierungsmaßnahmen. Den finanziellen Aufwand, der bei solchen Baumaßnahmen entstehen kann, gliedert die Norm in folgende Kostengruppen: Grundstück, Herrichten und Erschließen, Bauwerk (Baukonstruktion und technische Anlagen), Außenanlagen, Ausstattung und Kunstwerke sowie Baunebenkosten. Jede dieser Gruppen wird auch noch detaillierter in dazugehörige Kostenarten unterteilt. Der Vorteil einer Kostenschätzung nach diesem Muster liegt darin, dass man die Ergebnisse für verschiedene Immobilien direkt miteinander vergleichen kann.

Kosten nach DIN 18960

Während DIN 276 einen Leitfaden für die Investitionskosten der Bauphase bietet, bezieht sich DIN 18960 auf die späteren Nutzungskosten oder wie es in der Norm heißt: auf „alle in baulichen Anlagen und deren Grundstücken regelmäßig oder unregelmäßig wiederkehrenden Kosten von Beginn ihrer Nutzbarkeit bis zu ihrer Beseitigung (Nutzungsdauer)“. Unterschieden wird hier insbesondere nach dem finanziellen Aufwand für Objektmanagement (Personal- und Sachkosten, Fremdleistungen), Betriebskosten (Versorgung, Entsorgung, Reinigung und Pflege von Gebäude und Außenanlage, Sicherheit und Überwachung, Bedienung, Inspektion und Wartung) und Instandsetzungskosten (Bauwerk, Gebäudeausstattung, technische Anlagen und Außenanlagen).

So unterschiedlich die Lebenszykluskostenanalysen je nach Gebäudetyp auch sein mögen, eines haben sie in der Regel gemeinsam: Die prognostizierten Nutzungs- und Rückbaukosten sind normalerweise deutlich höher als die ursprünglichen Baukosten. Daran sieht man, dass das Konzept des nachhaltigen Bauens offenbar goldrichtig liegt, wenn es den Fokus stärker auf die Zukunftskosten von Immobilien lenkt.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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