RM Rudolf Müller
nachhaltiges Bauen

Umweltverträglichkeit ist nur einer von vielen Aspekten des nachhaltigen Bauens.

 
Energetisches Bauen
02. September 2014 | Artikel teilen Artikel teilen

Erklärt: Was versteht man unter nachhaltigem Bauen?

Der Begriff Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Waldwirtschaft. Kurz gesagt geht es dabei um das Prinzip, nicht mehr abzuholzen als auch wieder nachwächst – damit der Wald auch künftigen Generationen erhalten bleibt. Was aber versteht man unter nachhaltigem Bauen? So viel vorweg: Das Thema umfasst weit mehr als nur Gebäude aus Holz oder anderen nachwachsenden Rohstoffen. Stattdessen steht nachhaltiges Bauen heute für ein sehr komplexes Planungs- und Konstruktionsprinzip, das nicht nur ökologisch motiviert ist, sondern gleichberechtigt auch ökonomische und soziale Zielsetzungen verfolgt.

“Früher war alles besser“, heißt es oft. Für den deutschen Wald gilt das sicher nicht. In der frühen Neuzeit kam es aufgrund einer wachsenden Bevölkerung und eines zunehmenden Holzbedarfs zu massivem Kahlschlag im Forst. Große Teile Deutschlands wurden damals regelrecht entwaldet. Das Bewusstsein, dass mit der Natur auch die menschlichen Lebensgrundlagen zerstört werden, war zu jener Zeit offenbar noch nicht weit verbreitet. Einer der ersten, der auf diese Gefahr hinwies, war der Deutsche Carl von Carlowitz. Im Jahr 1713 veröffentlichte der damalige Leiter des Sächsischen Oberbergamts eine Schrift, in der er vor einem weiteren Raubbau an den Wäldern warnte und ein Gleichgewicht zwischen Holzentnahme und Holznachwuchs einforderte. Für dieses Gleichgewicht prägte er den Begriff der Nachhaltigkeit.

Trendwende beim Bauen?

Im deutschen Wald gelang irgendwann die Trendwende – der Gedanke der Nachhaltigkeit setzte sich durch. Heute wächst hierzulande jedes Jahr sogar mehr Wald nach als durch Baumfällen verschwindet. In Deutschland hat die Waldfläche in den letzten 40 Jahren um insgesamt eine Million Hektar zugenommen. Einen Trend zur Nachhaltigkeit gibt es aber nicht nur in der Forstwirtschaft, sondern auch beim Bau von Gebäuden. Bei Architekten und Bauherren ist das “Nachhaltige Bauen“ seit ein paar Jahren zum geflügelten Wort geworden, auch wenn vielleicht nicht immer alle Beteiligten genau wissen, was darunter eigentlich zu verstehen ist.

Ähnlich wie bei der nachhaltigen Forstwirtschaft geht es auch beim nachhaltigen Bauen unter anderem darum, dass der Mensch durch sein Handeln nicht seine natürlichen Lebensgrundlagen zerstört. Es ist schließlich unsere Erde, die wir bebauen. Dabei werden Flächen versiegelt und große Mengen natürlicher Rohstoffe verbraucht, um Baustoffe herzustellen. Außerdem benötigt man viel Energie: für die Herstellung der Materialien, für die Bauausführung, aber auch für die langjährige Nutzung der Gebäude und schließlich für spätere Modernisierungen, Umnutzungen oder Abrisse.

Werden für all diese Aktivitäten fossile Energieträger wie Erdöl, Erdgas und Kohle verbraucht, dann erhöht das den CO2-Ausstoß der Weltbevölkerung und damit die Klimaproblematik. Aber auch der ungehemmte Verbrauch von Flächen und Rohstoffen belastet den natürlichen Lebenskreislauf der Erde. Ein wesentlicher Aspekt des nachhaltigen Bauens ist daher eine möglichst geringe Umweltbelastung durch Maßnahmen wie Ressourcenschonung, Verringerung des Energiebedarfs und Verwendung von Materialien, die in ausreichender Menge natürlich nachwachen.

Ökologie und Ökonomie

Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen zertifiziert Gebäude nach diesen sechs Kriterien. Grafik: DGNB e.V.

Zweifellos gehört zum nachhaltigen Bauen all das, was man auch als ökologisches Bauen bezeichnen kann. Es geht um Gebäude mit langer Lebensdauer, die möglichst umweltverträglich und unter Einsatz eines möglichst großen Anteils an erneuerbaren Rohstoffen errichtet werden. Über den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes hinweg – von der Herstellung der Baustoffe über die Errichtung bis hin zur Nutzungsphase und zum abschließenden Rückbau – soll zudem ein möglichst geringer CO2-Ausstoß durch Energieverbrauch verursacht werden.

Aber die Nachhaltigkeit von Gebäuden wird nicht nur nach ökologischen Kriterien beurteilt. Etabliert hat sich heute vielmehr ein Drei-Säulen-Modell, nach dem man Nachhaltigkeit in verschiedenen Dimensionen bewertet. Dabei wird neben der ökologischen Betrachtungsweise auch die Bedeutung einer ökonomischen und einer sozialen Nachhaltigkeit anerkannt. Nach den heute am Markt etablierten Zertifizierungssystemen muss ein nachhaltiges Gebäude in all diesen drei Bereichen eine hohe Qualität aufweisen. Zertifizierungs-Organisationen wie die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) definieren sogar noch weitere Qualitätskriterien für das nachhaltige Bauen (siehe Grafik).

Die Forderung, dass sich nachhaltige Gebäude auch ökonomisch rechnen müssen, mag im ersten Augenblick wie ein Verrat an den ökologischen Idealen wirken. Doch nüchtern betrachtet muss man sagen: Es nutzt das umweltverträglichste Gebäude nichts, wenn sich anschließend niemand die Miete leisten kann oder der Investor Pleite geht. Das wäre gerade nicht nachhaltig. Im Übrigen müssen Ökologie und Ökonomie keine Gegensätze sein. Ein geringer Energieverbrauch durch Wärmedämmung nutzt der Umwelt und dem Geldbeutel. Und eine umweltverträgliche Bauweise ist auch keineswegs immer teurer.
Betrachtet man die Kosten einer Immobilie über ihren gesamten Lebenszyklus, dann schneidet das ökologische Bauen auch ökonomisch besser ab. Nur ein Beispiel: Die Bauteile eines Holzhauses lassen sich am Ende seines Lebensweges als erneuerbare Energieträger verwerten, während manch anderer Baustoff teuer auf der Sondermülldeponie zu entsorgen ist. Gerade die Einbeziehung solcher Lebenszykluskosten unterscheidet das nachhaltig ökonomische Denken von herkömmlichen Wirtschaftlichkeitsberechnungen, bei denen oft nur die Anschaffungs- und Baukosten eine Rolle spielen.

Soziale Nachhaltigkeit

Die dritte Säule des nachhaltigen Bauens ist die soziale Dimension. Hier kommt der Faktor Mensch beziehungsweise der Gebäudenutzer ins Spiel. Der Grundgedanke ist: Ein Haus, das sich ökonomisch rechnet, wenig nicht erneuerbare Energie verbraucht und auch noch aus erneuerbaren Rohstoffen zusammengesetzt ist, kann in der Gesamtbilanz trotzdem als nicht nachhaltig eingestuft werden – nämlich dann, wenn es nicht die Bedürfnisse der Menschen erfüllt.

Die soziale Dimension des nachhaltigen Bauens erfasst so elementare Anforderungen wie die, dass Gebäude bezahlbar sowie bedarfsgerecht und wohngesund ausgebaut sein müssen. Es geht aber nicht nur um das Gebäude, sondern auch um das Drumherum: etwa um das soziale Umfeld, Sicherheitsstandards, Freizeitmöglichkeiten, Dienstleistungsangebote oder den ÖPNV-Anschluss. Weitere Infos zu diesem Thema, wie auch zu den beiden anderen Säulen des nachhaltigen Bauens, folgen in den nächsten Fachwissenbeiträgen.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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