RM Rudolf Müller
Studie “Gesund Wohnen“

Wie Architekten und Planer diverse Raumluftbelastungen einschätzen, gehört zu den Ergebnissen der aktuellen Studie “Gesund Wohnen“, die von Baumit und dem Sentinel-Haus-Institut in Auftrag gegeben wurde.

Forschung, Technik und Trends
13. Mai 2014 | Artikel teilen Artikel teilen

Unsichtbar: Flüchtige organische Verbindungen (VOC)

Wenn es um Schadstoffe geht, die von Baustoffen oder Einrichtungsgegenständen an die Innenraumluft abgegeben werden, dann ist besonders häufig von Formaldehyd die Rede. Fast genauso oft fällt der Begriff “flüchtige organische Verbindungen“ – kurz: VOC. Was es mit diesen Stoffen auf sich hat und wie gefährlich sie für den Menschen sind, erfahrt Ihr im folgenden Fachwissen-Beitrag.

Die englische Abkürzung VOC steht für “Volatile Organic Compounds“. Diese flüchtigen organischen Verbindungen sind Substanzen, die zum Beispiel häufig als Bestandteil von Lösemitteln in Farben, Lacken und Klebstoffen vorkommen. VOC findet man aber nicht nur in Lösemitteln oder sonstigen bauchemischen Zutaten, sondern sie kommen auch ganz natürlich vor. Bäume und viele andere Pflanzen enthalten beispielsweise Terpene, die ebenfalls zu den flüchtigen organischen Verbindungen zählen. Die Gruppe der VOC umfasst insgesamt etwa 200 Einzelsubstanzen mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften. Neben den Terpenen zählen auch viele Ketone, Aldehyde, Ester, Alkane, Aromate und Halogenkohlenwasserstoffe dazu.

Eigenschaften von VOC

Bei aller Vielfalt haben alle VOC eins gemeinsam: Es handelt sich um organische, also kohlenstoffhaltige Verbindungen, die relativ schnell verdunsten. Daher spricht man auch von “flüchtigen“ Verbindungen. Aufgrund dieser Eigenschaft bleiben VOC nach der Verarbeitung von zum Beispiel Farben und Klebstoffen nicht in den Produkten gebunden, sondern werden bereits bei relativ geringen Temperaturen in Gasform an die Raumluft abgegeben. Dort können sie dann vom Menschen eingeatmet werden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilt die flüchtigen organischen Verbindungen noch in mehrere Untergruppen auf, wobei als Unterscheidungsmerkmal der Temperaturbereich dient, in dem sich der Siedepunkt der jeweiligen Stoffe befindet. Der Siedepunkt ist diejenige Temperatur, bei der ein Stoff vom flüssigen in den gasförmigen Zustand übergeht. Nach der WHO-Defintion versteht man unter VOC organische Substanzen mit einem Siedebereich von 50 bis 250°C. Davon unterschieden werden die VVOC (Very Volatile Organic Compounds) als besonders leichtflüchtige organische Verbindungen mit einem Siedebereich zwischen 0 und 50°C. Eine weitere Gruppe sind die mittel- bis schwerflüchtigen SVOC (Semivolatile Organic Compounds), deren Siedebereich zwischen 250 und 400°C liegt.

Je höher der Siedebereich, desto langsamer werden die Stoffe aus Baumaterialien und Einrichtungsgegenständen an die Raumluft abgegeben. Allerdings sollte man sich nicht in falscher Sicherheit wiegen. Die Siedebereiche dienen nach der WHO-Definition nur zur Unterscheidung der verschiedenen VOC-Gruppen. Je geringer sein Siedepunkt, umso flüchtiger ist ein Stoff. Das bedeutet aber leider nicht, dass ein Stoff der VOC-Gruppe erst ab einer Umgebungstemperatur von 50°C verdampft. Stattdessen gasen viele VOC schon bei Zimmertemperatur aus ihren Trägermaterialien aus. Es ist wie mit Wasser, das bei Erreichen des Siedepunkts von 100°C anfängt, Blasen im Kochtopf zu bilden und dann sichtbar verdampft. Tatsächlich beginnt aber auch Wasser bei viel geringeren Temperaturen ganz langsam an der Oberfläche zu verdunsten, auch wenn man das mit bloßen Augen nicht erkennen kann.

Wie gefährlich sind VOC?

Was viele nicht wissen: Längst nicht alle VOC sind für den Menschen gesundheitlich schädlich. Zumindest nicht generell. Terpene etwa kommen, wie oben schon erwähnt, auch ganz natürlich in Holz vor und sorgen dort für den typischen Geruch des Naturmaterials. Sie sind grundsätzlich nicht gefährlich, und der Duft von Holz wird ja auch von den meisten Menschen geschätzt. Aber es gibt eben Ausnahmen: Bei manchen Individuen lösen die Holz-Terpene Allergien aus. Das gilt übrigens auch für Parfüme oder sonstige kosmetische Produkte, in denen oft pflanzliche Terpene als Geruchsstoffe eingesetzt werden.

Daneben gibt es aber auch solche VOC, die nicht nur besonders sensiblen, sondern auch ganz “normalen“ Menschen gesundheitliche Probleme bereiten. So können etwa die Dämpfe von Lösemitteln nicht nur die Schleimhäute reizen und Kopfschmerzen verursachen, sondern zum Beispiel auch Funktionsstörungen von Leber und Nieren sowie Schädigungen des Nervensystems auslösen und längerfristig sogar Krebs erzeugen.

Formaldehyd

Formaldehyd

Auch Tabakrauch gibt Formaldehyd ab – ebenso wie zum Beispiel viele Spanplatten, Farben, Lacke, Klebstoffe, aber auch manche Textilien und Teppichmaterialien. Foto: birgitH / pixelio.de

Der vielleicht bekannteste Innenraum-Schadstoff ist Formaldehyd. Das hängt damit zusammen, dass dieser Stoff vor noch gar nicht so langer Zeit in Innenräumen praktisch allgegenwärtig war – und zwar vor allem als Bestandteil von Klebstoffen, wie sie beispielsweise zur Herstellung von Spanplatten verwendet wurden und immer noch werden. Aber zum Beispiel auch in Farben, Lacken sowie in manchen Textilien und Teppichmaterialien findet man die Substanz, deren chemisch korrekter Name Methanal lautet. Die Industrie nutzt Formaldehyd unter anderem zur Produktion von Bindemitteln, Kunstharzen sowie von Desinfektions- und Konservierungsmitteln.

Formaldehyd gehört zu den sehr flüchtigen organischen Verbindungen (VVOC) und liegt bei Zimmertemperatur als Gas vor, das bei hoher Konzentration an seinem säuerlich-stechendem Geruch zu erkennen ist. Zwar kommen heute meist Klebstoffe mit – im Vergleich zu früher – deutlich geringerem Formaldehyd-Anteil zum Einsatz, aber ganz auf den Stoff verzichten können oder wollen viele Hersteller offenbar noch nicht. Dass die Substanz alles andere als wohngesund ist, steht aber außer Frage. Formaldehyd kann beispielsweise Schleimhautreizungen, Kopfschmerzen und allergische Reaktionen auslösen. Außerdem steht es im Verdacht, Krebs zu erzeugen.

Schadstoffgeprüfte Produkte

Wer als Verbraucher die latente VOC-Gefahr in seinen Wohnräumen nicht einfach hinnehmen will, hat heute deutlich mehr Alternativen als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Wohngesundheit gilt mittlerweile als Wachstumsmarkt. Immer mehr Hersteller lassen ihre Produkte freiwillig von unabhängigen Prüfinstituten auf Schadstoffgehalte untersuchen. Die entsprechenden Prüfberichte werden dann in der Regel auch den Kunden zugänglich gemacht.

Ein hilfreiches Werkzeug zur Suche nach emissionsgeprüften, wohngesunden Baustoffen bietet das Bauverzeichnis Gesündere Gebäude von Sentinel Haus Institut und TÜV Rheinland. Auf der Website findet man eine Übersicht über aktuell 1.600 schadstoffgeprüfte Baustoffe (Stand: September 2017), von denen rund 200 kostenfrei eingesehen werden können. Zusätzlich sind Listen für bestimmte Projekte wie ein gesünderes Kinderzimmer oder eine Wohnungsrenovierung abrufbar.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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