RM Rudolf Müller
Wasserdampf an der Fensterscheibe

Wasserdampf an der Fensterscheibe ist nicht schön – schlimmer ist es allerdings, wenn die Feuchtigkeit an den Wänden kondensiert. Foto: Daniel Bleyenberg / www.pixelio.de

Forschung, Technik und Trends
15. Mai 2014 | Artikel teilen Artikel teilen

Luftfeuchtigkeit: Zu viel und zu wenig sind ungesund

Der Mensch produziert in seinem Wohnumfeld jede Menge Feuchtigkeit, indem er atmet und schwitzt, aber natürlich auch, weil er kocht und duscht oder sich Pflanzen ins Wohnzimmer stellt. Bei einem Drei-Personen-Haushalt kommen so schnell 5 bis 6 Liter pro Tag zusammen. Doch zu viel Feuchtigkeit im Gebäude ist bekanntlich schädlich für Hausbewohner und Bausubstanz. Stichwort Schimmel. Anderseits gilt aber auch eine zu trockene Luft als ungesund. Was also ist die optimale Luftfeuchtigkeit in Wohngebäuden und wie kann man das Raumklima positiv beeinflussen?

Schimmelpilze in Innenräumen haben ideale Wachstumsbedingungen bei einer Luftfeuchtigkeit von über 65% und zugleich kalten Wandoberflächen, an denen die Feuchtigkeit kondensieren kann. Wenn wir von Luftfeuchtigkeit sprechen, meinen wir übrigens nicht den absoluten Wasserdampfgehalt, sondern die so genannte relative Luftfeuchtigkeit. Die ist definiert als das Verhältnis vom tatsächlichen zum maximal möglichen Wasserdampfgehalt der Luft. Je wärmer die Luft, desto mehr Wasserdampf kann sie aufnehmen. Bei einer Luftfeuchtigkeit von 100% ist die bei gegebener Lufttemperatur maximal mögliche Wasserdampfaufnahme erreicht.

Hohe Luftfeuchtigkeit fördert Schimmel

Bei gleich bleibender Feuchtigkeitsmenge in einem Raum ist die relative Luftfeuchte damit umso höher, je kälter die Luft wird. Wird im Winter nicht genug geheizt, erhöht sich somit die Gefahr, dass vorhandene Feuchte nicht mehr von der Raumluft aufgenommen werden kann und stattdessen an kalten Baustoffoberflächen kondensiert, wo sie zur Grundlage von Schimmelpilzen wird. Besonders gefährlich ist es, wenn im Winter bestimmte Räume gar nicht oder nur sehr wenig beheizt werden. Wer nachts ein kühles Schlafzimmer bevorzugt und dann (im Winter verständlicherweise) nicht lüftet, erhöht die Schimmelpilzwahrscheinlichkeit stark. Denn auch während des Schlafens produziert der Mensch viel Feuchtigkeit durch Atmen und Schwitzen.

In den wärmeren Jahreszeiten ist die Wahrscheinlichkeit der Schimmelbildung geringer. Zum einen ist die Luft wärmer und kann daher mehr Feuchtigkeit speichern, zum anderen wird in der Regel deutlich mehr gelüftet und schließlich sind die Außenwände auch viel wärmer, sodass Wasserdampf gar nicht erst auf ihnen kondensiert.

Niedrige Luftfeuchtigkeit macht krank

Eine niedrige Luftfeuchtigkeit hilft zwar, die Schimmelpilzbildung im Innenraum zu vermeiden, aber dafür schadet sie der menschlichen Gesundheit auf andere Weise. Trockene Luft führt zu trockenen Schleimhäuten, wodurch Schleimhautreizungen und Atemwegserkrankungen wie Husten und Schnupfen gefördert werden.

Auch hier besteht das Problem vor allem in der kalten Jahreszeit. Wird Raumluft – bei konstant bleibendem Feuchtegehalt – durch eine Heizung erwärmt, dann wächst ihre Aufnahmefähigkeit für Wasserdampf. Dadurch aber sinkt die relative Luftfeuchtigkeit, was vom menschlichen Körper als „trocken“ wahrgenommen wird. Man kann diesem Effekt aber entgegen wirken, indem man beispielsweise eine Schale mit Wasser auf die Heizung stellt. Dann kann die sich erwärmende Luft zusätzliche Feuchtigkeit aufnehmen. Lüften bringt im Winter übrigens meistens keine Abhilfe gegen trockene Innenraumluft, denn die kalte Außenluft hat in der Regel selbst eine sehr geringe Luftfeuchtigkeit. Im Sommer dagegen ist die Luftfeuchtigkeit generell ziemlich hoch, und deshalb gibt es zu dieser Jahreszeit auch keine Probleme mit trockener Raumluft.

Was ist die „richtige“ Luftfeuchtigkeit?

Hygrometer

Mit einem Hygrometer lässt sich die relative Luftfeuchtigkeit im Innenraum messen. Foto: Lupo / www.pixelio.de

Eine hohe Luftfeuchtigkeit ist wegen der Schimmelgefahr gefährlich, trockene Luft ist aber auch nicht gut, weil sie die menschlichen Schleimhäute reizt. Was also ist die „richtige“ Luftfeuchtigkeit in Innenräumen? Experten empfehlen in der Regel eine relative Raumluftfeuchtigkeit zwischen 40 und 60%. Für die Wintermonate wird bei Raumtemperaturen um 22° C oft eine Raumluftfeuchte zwischen 40 und 50% als Wohlfühlklima empfohlen. Was unter 40% liegt, gilt als zu trocken. In der Praxis kommt es aber gerade im Winter in vielen Wohnungen zu deutlich geringeren Werten. Es empfiehlt sich daher durchaus, die Werte für den eigenen Wohnbereich mithilfe eines Messgerätes für die Luftfeuchtigkeit regelmäßig zu überprüfen. Hygrometer für den Hausgebrauch können heute bereits für kleines Geld erstanden werden. Mit ihnen kann man leicht erkennen, ob der Wasserdampfgehalt in der eigenen Wohnung zu niedrig oder zu hoch ist.

Feuchtigkeitsregulierende Baustoffe

Bei sehr hoher Luftfeuchtigkeit im Innenraum – etwa wenn der Wasserdampf nach dem Duschen wie eine Nebelwand im Raum steht – sollte man natürlich auf jeden Fall lüften. Selbst im Sommer, wenn die Luftfeuchtigkeit draußen sehr hoch ist, schafft das in solchen Fällen Abhilfe. Abgesehen von den Extremsituationen ist es aber gar nicht so einfach, die Feuchte im Innenraum durch das Öffnen der Fenster gezielt zu steuern. Wer weiß schon so genau, ob die Außenluft gerade trockener oder feuchter als die Raumluft ist?

Was aber kann man sonst noch tun, um eine möglichst optimale Luftfeuchtigkeit in seinen eigenen vier Wänden zu fördern? Eine Möglichkeit besteht darin, im Innenausbau auf Baustoffe zu setzen, die die Raumluftfeuchtigkeit regulieren können. Im Fokus stehen dabei Wandbeschichtungen wie Putze und Tapeten, aber auch das Wandmaterial selbst spielt eine Rolle. Und auch feuchtigkeitsregulierende Bodenbeläge können das Raumklima positiv beeinflussen.

Damit das klappt, muss es sich um Materialien handeln, die in der Lage sind, Feuchtigkeit aus der Raumluft zwischenzeitlich aufzunehmen und sie bei Bedarf – wenn die Raumluft trockener wird – auch wieder abzugeben. Dafür in Frage kommen Stoffe, die relativ porös und saugfähig sind. Man sagt auch: Sie müssen diffusionsoffen für Wasser beziehungsweise Wasserdampf sein. Mehr über solche Baustoffe erfahrt Ihr im nächsten Fachwissenbeitrag, der sich insbesondere mit der Renaissance der Kalk- und Lehmputze beschäftigt.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

Was versteht man unter „Mindestluftwechsel“?

Neubauten müssen laut EnEV 2014 eine luftdichte Gebäudehülle aufweisen. Zugleich fordert die Verordnung aber auch die Sicherstellung eines Mindestluftwechsels. Doch...

mehr »
 

Wohngesundheit: Kalziumsilikatplatten verhindern Schimmel

Das Wort Kalziumsilikat klingt vielleicht im ersten Moment nach viel Chemie. Aber keine Angst: Die Platten bestehen aus natürlichen, mineralischen...

mehr »
 

Fensterlüfter für wärmegedämmte Wohnhäuser

Bei Wohnhäusern mit Fassadendämmung ist die Gebäudehülle oft so dicht, dass man eigentlich eine automatische Lüftungsanlage installieren müsste, damit ein...

mehr »
Nach oben
nach oben