RM Rudolf Müller
Ein Gabelstabler beim Entladen von EURO-Paletten

Europaletten erleichtern die Be- und Entladung des Lkw. Foto: Still GmbH

Logistik
17. September 2013 | Artikel teilen Artikel teilen

Europalette: Die Zustimmung schwindet

Baustoffe und Paletten – das sind zwei Dinge, die einfach zusammengehören. Viele Produkte verbringen eine lange Zeit auf „ihrer“ Palette und verlassen sie erst, wenn sie auf der Baustelle verarbeitet werden. Vorher wurden sie auf ihrem Weg vom Hersteller über den Handel bis hin zum Endkunden oft auf demselben Holzträger mehrmals transportiert und eingelagert. Ermöglicht wird dies durch das einheitliche Format der Europalette, die in vielen europäischen Ländern im Rahmen eines Tauschsystems kursiert. Das verliert in den letzten Jahren allerdings an Zustimmung.

Paletten vereinfachen die Logistik erheblich. Aufgrund ihrer Bauweise können die meist hölzernen Transportmittel von Hubwagen oder Gabelstaplern angehoben und bewegt werden, was eine sehr effektive, „palettenweise“ Be- und Entladung sowie Einlagerung ermöglicht. Doch auch wenn Baustoffe und ihre Holzträger „unzertrennlich“ erscheinen, so ist die Palette normalerweise kein Bestandteil der Warenlieferung. Der Käufer erwirbt sie nicht mit. Allerdings würde man die Vorteile des Transportmittels ad absurdum führen, wenn der Empfänger die Ware bei der Entladung immer erst auf eigene Paletten umschichten müsste, damit der Lkw-Fahrer die Transportpaletten anschließend wieder mitnehmen kann.

System der „Europaletten“

Daher hat sich im europäischen Warenhandel ein Tauschsystem etabliert, das auf so genannten Europoolpaletten basiert, die meist kurz als „Europaletten“ bezeichnet werden. Dabei handelt es sich um ein durch die EN 13698-1 genormtes Transportmittel aus Holz mit einer Grundfläche von 0,96 Quadratmetern, für dessen Benutzung Lizenzgebühren an die „European Pallet Association“ (EPAL) gezahlt werden müssen.

Dafür kann diese Palette dann zwischen allen Lizenznehmern europaweit getauscht werden. Das funktioniert zum Beispiel so: Ein Lkw liefert Produkte eines Herstellers, die auf Europaletten festgezurrt sind, an einen Händler, dieser übernimmt die Ware mitsamt dem Träger und gibt dem Fahrer dafür im Gegenzug die gleiche Anzahl an leeren Paletten mit auf den Weg. Diese kann der Fahrer dann wieder beim nächsten Verlader gegen frisch beladene Holzträger eintauschen – und so weiter.

Kölner und Bonner Palettentausch

In Deutschland haben sich vor allem zwei Tauschvarianten eingebürgert: der so genannte Kölner Palettentausch und der Bonner Palettentausch. Für beide Varianten gibt es klar definierte „Spielregeln“, die von den Spitzenverbänden der verladenden Wirtschaft, der Speditionen und des Güterkraftverkehrs entwickelt und zur unverbindlichen Anwendung empfohlen wurden (siehe unter: www.bgl-ev.de/images/downloads/service/palettentausch.pdf).

Ein Palettentausch nach dem Kölner Model wäre z. B. die oben skizzierte Anlieferung, bei der Leerpaletten an der Be- und Entladestelle getauscht werden. Diese Variante bietet sich insbesondere an, wenn ein Lkw nicht regelmäßig dieselben Touren fährt, sondern an wechselnden Einsatzorten – zum Beispiel im Fernverkehr – tätig ist, ohne dass er auf absehbare Zeit eine Beladestelle erneut anfährt.

Beim Bonner Palettentausch gibt der Frachtführer an der Beladestelle keine eigenen Leerpaletten ab. Dafür verpflichtet er sich, an der Entladestelle leere Paletten gleicher Anzahl, Art und Güte aufzunehmen und diese wieder beim Absender abzugeben. Diese Variante mit Rückführungsverpflichtung wird oft angewendet, wenn der Frachtführer nur regionale Transporte unternimmt und dieselbe Beladestelle regelmäßig ansteuert.

Kritik am System

Transport von Leerpaletten

Ein häufiges Bild auf Deutschlands Straßen: Ein Lkw transportiert Leerpaletten. Foto: Susanne Schmich / www.pixelio.de

Der Europalettenpool ist, wie der Name schon sagt, keine rein deutsche Angelegenheit. Auch andere europäische Länder machen mit, sodass Paletten auch europaweit ausgetauscht werden können. Aber in den letzten Jahren sind die Spediteure aus mehreren europäischen Ländern – unter anderem aus Italien, Schweiz und Dänemark – aus dem Palettenpool der „European Pallet Association“ (EPAL) ausgestiegen, unter anderem wegen der ihrer Ansicht nach zu hohen Lizenzgebühren.

Auch in Deutschland sind längst nicht alle Beteiligten mit dem System zufrieden. Neben den Lizenzgebühren stehen insbesondere die Verwaltungskosten im Mittelpunkt der Kritik. Eine Studie des Fraunhofer Instituts für Materialfluss und Logistik aus dem Jahr 2009 ermittelte Paletten-Schwund, -Diebstahl und -Reparatur als Hauptkostentreiber. Wenn ein Warenempfänger beispielsweise nicht mehr genügend unversehrte Tauschpaletten vorrätig hat, die er dem Lkw-Fahrer mitgeben kann, wird daraus schnell ein aufwändiger bürokratischer Vorgang, der alle Beteiligten Zeit und Geld kostet. Das beginnt beim Palettenschuldschein, der dem Fahrer auszustellen ist, und endet möglicherweise mit einer zusätzlichen Leerfahrt, die der Fahrer zu einem späteren Zeitpunkt machen muss, um den Palettenfehlbestand auszugleichen.

Alternative Anbieter

Angesichts der verbreiteten Kritik am Europalettensystem weichen mittlerweile viele Verlader auf Paletten anderer Anbieter aus, die zwar baugleich mit der Europalette sind, aber nicht getauscht werden müssen.

In Deutschland und weltweit derzeit 48 weiteren Ländern bietet beispielsweise der australische Anbieter CHEP insgesamt rund 300 Millionen Paletten in Form eines Pool-Systems an. Das funktioniert so, dass der Kunde – meist die herstellende Industrie – die Paletten mietet und damit seine Ware transportieren lässt. CHEP sammelt die Ladungsträger dann später selbst wieder beim Empfänger der Ware ein, also meist beim Handel. Es werden also keine Paletten getauscht, und der Handel hat ebenso wenig wie die Speditionen etwas mit der Rückführung der Paletten zu tun. Ein ähnliches Pool-System bietet auch der französische Anbieter LPR, allerdings derzeit nur mit insgesamt 10 Millionen Paletten, die in acht europäischen Ländern, darunter Deutschland, zum Einsatz kommen.

Eine weitere Alternative sind die so genannten WORLD-Paletten, die seit 2008 von der deutschen Falkenhahn AG hergestellt werden. Deren Produkte werden weder getauscht noch vermietet. Sie gelten vielmehr als Teil der Verpackung und werden vom Empfänger zusammen mit der Ware gekauft. Das entlastet insbesondere Verlader und Speditionen, die mit dem Paletten-Handling praktisch nichts mehr zu tun haben. Der Handel muss sich allerdings nach dem Verkauf der Ware überlegen, was er mit den Holzträgern anstellt. Trotz Baugleichheit darf er sie nicht gegen EPAL-Paletten eintauschen.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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