RM Rudolf Müller
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Der Palettenhersteller Falkenhahn hat 2012 die erste Holzpalette mit unsichtbar eingebautem RFID-Tag auf den Markt gebracht. Grafik: Falkenhahn AG

Logistik
19. September 2013 | Artikel teilen Artikel teilen

RFID-Kommunikation bei Baustoffen

Die meisten Graffiti-Sprayer wollen anonym bleiben. Wenn sie Flächen im öffentlichen Raum illegal besprühen, geben sie sich nur für Szene-Insider zu erkennen: Mit Signaturkürzeln, die unter den Sprayern als „tags“ (engl.: Etiketten) bezeichnet werden. Doch auch in der Baustoff-Logistik machen Tags zunehmend Furore. Allerdings nicht als Markierungen aus der Farbdose, sondern als „Funk-Etiketten“ im Rahmen der RFID-Technik. Was sich dahinter verbirgt, erfährst du hier.

Die Abkürzung RFID steht für Radiofrequenz-Identifikation. Gemeint ist damit eine Technik, mit der sich elektronisch gekennzeichnete Objekte über elektromagnetische Funkwellen automatisch identifizieren lassen. Dafür wird an das Objekt ein winziger Senderchip angebracht, auf den man beliebige Daten speichern kann. Passend dazu gibt es spezielle Lesegeräte, auch Scanner genannt, die in der Lage sind, die Daten auf dem Informationsträger per Funk zu lesen. Die Senderchips werden als Transponder bezeichnet oder eben als Tags. Sie bestehen im Wesentlichen aus einem Mikrochip und einer Funkantenne und sind in unterschiedlichsten Modellvarianten und Größen erhältlich. Manche Tags messen nur wenige Millimeter.

RFID ist überall

Chips mit RFID-Technik umgeben uns in unserem Alltag schon seit längerem, wir wissen es nur meist gar nicht. Einfache Transponder begegnen uns zum Beispiel seit Jahrzehnten in Bekleidungsgeschäften, wo sie als Diebstahlsicherung an der Ware befestigt werden. Und bei deutschen Personalausweisen, die ab November 2010 ausgestellt wurden, werden die Daten mittlerweile auf modernen RFID-Chips gespeichert. Zunehmende Verbreitung findet der Einsatz der Tags zudem auf Eintrittskarten – zum Beispiel bei Fußballspielen oder anderen Massenveranstaltungen. Dadurch lässt sich nicht nur die Eingangskontrolle schneller abwickeln, sondern auch Schwarzhandel verhindern, weil auf den Chips die persönlichen Käuferdaten gespeichert werden können.
Der eigentliche Clou der Technik besteht darin, dass die Scanner die Transponder berührungslos und ohne Sichtkontakt auf mehrere Meter Entfernung lesen können. Dadurch lassen sich „getaggte“ Objekte – ob nun Tickets, Personalausweise oder auch Waren – sehr effizient identifizieren, etwa beim Durchlaufen einer Lichtschranke mit Lesegerät. Das ist ein Vorteil gegenüber der in der Warenwirtschaft heute noch sehr verbreiteten Barcode-Technik. Die bekannten Codes mit den dicken und dünnen Strichen müssen zeitaufwändig einzeln von einem optischen Lesegerät eingescannt werden. Das kennt jeder von der Supermarktkasse. RFID-Scanner sind dagegen zur „Pulklesung“ fähig. Viele Objekte werden nahezu gleichzeitig eingelesen.

Einsatz in der Baustoff-Logistik

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RFID-Tags enthalten winzige Mikrochips, auf denen sich beliebige Daten speichern lassen. Foto: TUM-IWB / Fraunhofer IIS

In der Baustoffbranche wird über den Einsatz von RFID-Technik bisher vor allem in der Lagerlogistik nachgedacht. In der Praxis gibt es bereits funktionierende Systeme für die Kommunikation zwischen Gabelstaplern und Ladungsträgern wie die Europalette. Einige Gabelstaplerhersteller haben Modelle mit Scannertechnik auf den Markt gebracht. Diese wird in der Regel im Bereich der Zinken von Gabelstaplern oder anderen Flurförderzeugen integriert. Auf diese Weise ist eine optimale Kommunikation der Lesegeräte mit Transpondern an Paletten gewährleistet. Der Palettenhersteller Falkenhahn wiederum hat nach eigenen Angaben 2012 die erste serienmäßige Holzpalette auf den Markt gebracht, in die bereits werkseitig ein Transponder unsichtbar verbaut ist. Dieser kann vom Nutzer frei mit Daten beschrieben werden.
Es sind viele Vorteile der RFID-Kommunikation zwischen Stapler und Palette denkbar, wenn die Technik optimal in die Gesamtlogistik des Unternehmens eingebunden wird. Schon beim Entladen könnte der Gabelstapler zum Beispiel die Ware automatisch identifizieren und alle Produktdaten direkt an das Warenwirtschaftssystem weiterleiten. Ähnliche Vorteile winken bei der Verladung von Waren. Die derzeit vor allem diskutierte Warenerkennung auf Palettenebene lässt sich natürlich noch verfeinern. Durch in Klebeetiketten integrierte Tags lassen sich auch Kartons oder sogar einzelne Produkte eindeutig identifizieren. Im Prinzip ist es möglich, dass ein RFID-Scanner hunderte von Artikeln in einem Karton nahezu gleichzeitig erfasst.

Technik mit Potenzial

Der Baustoffmann

Dieser Stapler verfügt über einen RFID-Scanner, der die Informationen an einen Bildschirm weiterleitet. Foto: Jungheinrich

Denkt man das Zukunftspotenzial der RFID-Technik konsequent zu Ende, so gelangt man schnell zu Visionen von einer weitgehend automatisierten Lagerwirtschaft. Ein Paket mit einem Transponder „weiß“ was es ist und wo es hin will. Ein Staplerroboter kann dieses Wissen lesen und es praktisch umsetzten. Auf diese Weise könnten sich Waren künftig tatsächlich zunehmend automatisch bewegen. Science Fiction ist das nicht mehr: Die Technik ist vorhanden und wird in manchen Branchen – etwa in der Automobilindustrie – auch schon angewendet.
In der Baustoffbranche und insbesondere im Baustoffhandel ist das aber noch weitgehend Zukunftsmusik. Immerhin: Seite Mitte 2012 gibt es die VDI-Richtlinie 4464, die eine Hilfestellung für den Aufbau und Betrieb von RFID-Anwendungen im Zusammenhang mit Flurförderzeugen verspricht.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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