RM Rudolf Müller
Montage von Gipskartonplatten

Gipskartonplatten sind der „Allrounder“ im Trockenbau, der vor allem für Wand- und Deckenbekleidungen sowie für nicht tragende Zwischenwandkonstruktionen verwendet wird. Fotos: Knauf Gips

 
Trockenbau
06. August 2013 | Artikel teilen Artikel teilen

Gipskartonplatten: Der Klassiker im Trockenbau

Die Gipskartonplatte erscheint uns heute als der „Klassiker“ des trockenen Innenausbaus – dabei hat sie in Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg allmählich größere Verbreitung gefunden. Mittlerweile ist sie allerdings auch hierzulande der am häufigsten verwendete Plattenwerkstoff für raumbegrenzende, nicht tragende Wand- und Deckenbauteile.

Die USA sind das Mutterland des modernen Trockenbaus. Dort hatte der Erfinder und Unternehmer Augustine Sackett im Jahr 1894 das Patent für einen neuartigen Plattenwerkstoff angemeldet. Dieser bestand aus einem Gipskern, der beidseitig mit mehreren Lagen Karton beschichtet war. Damit war die Gipskartonplatte geboren.

Sackett hatte die Platte als Verkleidung für die Innenseiten von Gebäude-Außenwänden erfunden- und damit als eine neue Form von Trockenputz. Im 19. Jahrhundert hatten die Amerikaner ihre Häuser noch oft von innen mit Holzbrettern verkleidet, die dann mit Gips beschichtet wurden. Sacketts Erfindung versprach eine Vereinfachung bei der Verarbeitung, da die neuen Gipskartonplatten fix und fertig aus der Fabrik kamen und nur noch mithilfe von Gipsbatzen auf den Wanduntergrund geklebt werden mussten. Außerdem hatte das Material Vorteile gegenüber dem Werkstoff Holz – insbesondere, weil der Gipskern nicht brennbar ist.

Bei Feuchtebelastung quillt Gips zudem weniger stark auf als Holz, und es droht kein Schädlingsbefall wie bei feuchtem Holz. Gleichwohl eignen sich auch Gipskartonplatten nicht für stärkere Feuchtebelastungen und sollten daher nur im Innenbereich verwendet werden. Bei starker Feuchtigkeit kommt es zur Zersetzung des Gipskerns, und die Kartonschicht bildet schon bei hoher Luftfeuchtigkeit einen Nährboden für Schimmel aus.

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten

Gipskartonplatten werden auch heute noch oft als Trockenputz direkt auf Massivwände aufgeklebt. Darüber hinaus haben sich die Platten als universell einsetzbare „Allrounder“ für unterschiedlichste Trockenbaukonstruktionen etabliert. Ein Haupteinsatzgebiet ist der Bau von leichten, nicht tragenden Innenwänden, bei denen das Material als Beplankung auf Unterkonstruktionen verwendet wird. Auch abgehängte Decken und Dachschrägen werden sehr häufig mit den Platten verkleidet.

Weitere Anwendungen sind zum Beispiel so genannte Verkofferungen für die Verkleidung von Stützen, Trägern, Elektroleitungen oder Sanitärinstallationen. Oft werden für solche Anwendungen spezielle Gipskartonplatten eingesetzt, die zum Beispiel besondere Feuer-, Schall- oder Feuchteschutzanforderungen erfüllen. Auch als Unterbodenmaterial kommen Gipskartonplatten gelegentlich zum Einsatz, allerdings bestehen „Trockenstriche“ weitaus häufiger aus den stabileren Gipsfaserplatten.

Später Durchbruch in Europa

Wer heute von Trockenbau spricht, hat meist Gipskartonplatten im Kopf. Das Material hat andere Beplankungswerkstoffe – insbesondere die auf Holzbasis – weitgehend verdrängt. Augustine Sackett musste allerdings lange auf den Durchbruch seiner Erfindung warten. Er wurde selbst zum Unternehmer und betrieb eine Plattenfabrik – jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Erst um 1910 war der Markt reif für die industrielle Produktion im größeren Rahmen. Ein paar Jahre später verkaufte Sackett seine Produktionsanlagen an die Firma US-Gypsum (USG), wo er als Direktor angestellt wurde. USG ist heute der größte amerikanische Gipsplattenhersteller.

Auf dem europäischen Festland begann die industrielle Produktion von Gipskartonplatten sogar erst 1938 mit einem Werk im lettischen Riga. Aus dem Begriff „Rigaer Gips“ wurde später der Firmen- und Markenname Rigips. In Deutschland begann der Siegeszug des kartonummantelten Gipses sogar erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Rohstoffe und Herstellung

Gipskartonplatte im Detail

Ein Gipskern, der beidseitig mit Karton ummantelt ist – das ist seit fast 120 Jahren die „Rezeptur“ der Gipskartonplatte.

Gipskartonplatten bestehen auch heute noch aus Stuckgips, der beim Brennen von kristallwasserhaltigem Gipsstein (Calciumsulfat-Dihydrat) entsteht, und aus mehreren Papierlagen, die ohne Klebstoff zu Karton verpresst werden. Neben Naturgipsstein kommt als Rohstoff schon seit längerem auch so genannter REA-Gips zum Einsatz. Dieser entsteht in großer Menge in den Rauchgasentschwefelungsanlagen (REA) von Kohlekraftwerken. Es handelt sich um ein Nebenprodukt, das bei der Entschwefelung der Kraftwerksabgase mithilfe von natürlichem Kalk anfällt. Das Geniale: REA-Gips hat die gleiche chemische Zusammensetzung und die gleichen Eigenschaften wie Naturgips.

Die Kartonummantelung der Platten umhüllt die Vorder- und Rückseite des Gipskernes sowie beide Längskanten. Die Querkanten sind produktionsbedingt dagegen nicht mit Karton überzogen und geben die Sicht auf den Gipskern frei. Der Karton hat eine entscheidende Bedeutung für die Festigkeit der Produkte, er nimmt zum Beispiel Zugkräfte auf, die auf die Platten einwirken.

Ein Material – zahlreiche Vorteile

Gipskartonplatten haben im Trockenbau heute eine dominante Stellung erreicht. Ein Grund dafür ist, dass die Platten vergleichsweise kostengünstig produziert werden können. Sie haben zudem ein geringes Gewicht und lassen sich einfach und schnell verarbeiten. Da der Gipskern noch etwa 20 % Kristallwasser enthält, das bei Hitzeeinwirkung verdampft, bieten die Platten zudem bereits bei relativ geringer Dichte einen gewissen Feuerschutz. Bei höheren Brandschutzanforderungen müssen allerdings Spezialplatten verwendet werden, deren Feuerschutz durch Zusätze optimiert wurde. Außerdem ist Gipskarton ein Material mit relativ geringer Wärmeleitfähigkeit. Daher bleiben die raumseitigen Oberflächen der Platten relativ warm, was sich positiv auf das Raumklima auswirkt.

Ein weiterer großer Vorteil besteht darin, dass die Eigenschaften der Platten durch zusätzliche Füllstoffe, Imprägnierungen oder Beschichtungen beeinflussbar sind. So können die Hersteller heute unterschiedlichste Spezialplatten anbieten, die zum Beispiel einen erhöhten Feuchte-, Schall-, Brand- oder auch Strahlenschutz ermöglichen.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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