Firmenchef Joachim Puhm fordert mehr Kreislaufwirtschaft bei Big Bags. (Quelle: Puhm GmbH)

Panorama 2023-11-13T12:06:48.591Z Big Bags recyceln

In der Baustoffbranche haben sich Big Bags als kostengünstige und flexible Großpackmittel bewährt. Die riesigen Kunststoffsäcke dienen beispielsweise bei Abbrucharbeiten zum Transport von recycelbarem Bauschutt. Dabei werden Altbaustoffe in der Regel in nagelneue Big Bags aus Primärkunststoff gefüllt. Aber ist das nicht inkonsequent? Kann man nicht auch Big Bags aus Recyclingmaterial herstellen? Man kann. Der österreichische Verpackungshersteller Puhm macht es vor.

Mit ihren Schlaufen sehen Big Bags ein bisschen wie riesige Einkaufstaschen aus. Ein händisches Tragen ist allerdings praktisch ausgeschlossen, zumindest wenn man die großen Säcke mit Schüttgütern , Pflaster- und Mauersteinen oder mineralischem Bauschutt befüllt. Die Schlaufen erfüllen aber dennoch ihren Zweck: Es handelt sich nämlich um Hebeschlaufen, in die Gabelstaplerfahrer die Gabeln ihrer Flurförderzeuge hineingreifen lassen. Auf diese Weise lassen sich die Transportsäcke, auch wenn sie mit tonnenschweren Materialien gefüllt sind, einfach von A nach B bringen oder auf einer Europalette abstellen.

Abfall in Abfall verpacken?

Big Bags bestehen aus extrem reißfestem Kunststoff , ihre standardmäßig vier Hebeschlaufen sind fest in die Seitennähte des Sacks eingenäht. Das ist auch notwendig, denn manche dieser Großpackmittel sind für ein Maximalgewicht bis zu zwei Tonnen zugelassen. Solche Lasten wiederum kommen schnell zusammen, wenn zum Beispiel auf Abbruchbaustellen Bauschutt für die Entsorgungsdeponie – oder besser: für den Recyclingprozess – verladen wird.

„Viele Unternehmen investieren eine Menge, um Abbruchmaterialien und Reststoffe zu sortieren und zu sammeln, doch verpackt werden diese dann wieder in Primärmaterial“, sagt Joachim Puhm, Geschäftsführer der Puhm GmbH aus Drasenhofen in Niederösterreich, die Big Bags und Foliensäcken in unterschiedlichen Größen und Varianten herstellt. Was er damit meint: Altbaustoffe bereitet man heute glücklicherweise immer häufiger für eine Wiederverwertung auf, transportiert werden sie zwischenzeitlich aber meist in Big Bags aus nagelneuem Primärkunststoff.

Wäre es nicht besser, wenn das Prinzip der Kreislaufwirtschaft auch für das Transportmittel gelten würde? Wenn man also neue Big Bags künftig aus alten Big Bags herstellen würde? Dann könnte man Abfall sozusagen wieder in Abfall verpacken. Eine weitere Kreislaufwirtschaftslücke wäre geschlossen.

Zwar gibt es in etlichen Branchen bereits Recycling-Systeme für Big Bags, doch meist wird das Altmaterial nicht wieder für Big Bags, sondern für andere, in der Regel minderwertigere, Kunststoffprodukte verwendet. Andere Anbieter wiederum arbeiten alte Bigs Bags zur Wiederverwertung auf, indem sie noch voll funktionstüchtige Exemplare auswählen und mit Spezialmaschinen reinigen (zum Beispiel www.worldbag.com/de ). Dabei entstehen aber keine neuen Big Bags.

Dass die Idee „Neue Big Bags aus alten“ bisher nur selten umgesetzt wird, hat natürlich Gründe. Es handelt sich eben um Transportmittel, die sehr tragfähig und reißfest sein müssen, minderwertige Sekundärrohstoffe scheiden daher für ihre Herstellung aus. Hinzu kommt, dass Säcke aus Primärkunststoff nach wie vor sehr kostengünstig sind. Die Aufbereitung von Recyclingmaterial ist in der Regel teurer. Aus rein ökonomischen Gründen spricht also wenig für recycelte Big Bags.

Hochwertige Recycling-Big-Bags

Die Puhm GmbH hat sich davon nicht abschrecken lassen. „Wir haben es in wenigen Wochen Entwicklungszeit geschafft, hochwertige 100-%-Recycling-Big-Bags für Asbest und Mineralwolle herzustellen, ohne Primärkunststoff zu verwenden“, berichtet Joachim Puhm. Man könne solche Verpackungen mit den aktuellen technischen Möglichkeiten ohne weiteres aus Recyclingmaterial herstellen, betont der Firmenchef.

Auch die 100-%-Recycling-Big-Bags können bis zu zwei Tonnen Material aufnehmen. (Quelle: kohl.agency)

Ausgangsmaterial für Puhms „rPP Big Bag“ sind tatsächlich alte, gebrauchte beziehungsweise kaputte Big Bags. Diese werden zu einem grauen Polypropylen-Regranulat (rPP) verarbeitet, und aus diesem Material produziert die Firma dann wieder neue Big Bags. Voraussetzung für diese Verfahrensweise ist allerdings eine sorgfältige Vorsortierung von geeignetem Recyclingmaterial. Der Altkunststoff muss sauber, sortenrein und qualitativ weiterhin hochwertig sein. Störstoffe sind restlos zu entfernen. Big Bags, in denen zuvor gefährliche Materialien transportiert wurden, scheiden aus.

Kommt das richtige Recyclingmaterial zum Einsatz, müssen sich die Recycling-Säcke nicht vor den Produkten aus Primärkunststoff verstecken. „Unser Big Bag aus rPP weist alle Qualitätsmerkmale wie ein Big Bag aus Neuware auf“, betont Puhm. „Er ist genauso stabil, ist für sämtliche Lasten und Chargen geeignet und kann bis zu zwei Tonnen Material aufnehmen.“

Künftig will der Geschäftsführer die Säcke auch mit QR- Codes versehen lassen. Dadurch sollen Kunden und Benutzer vielfältige Informationen jederzeit abrufen können: von Daten zur Herkunft und Verarbeitung über Angaben zur Recyclingfähigkeit und zum Recyclinganteil bis hin zu den möglichen Anwendungen des jeweiligen Transportsacks.

Politik fordert Recycling

Mit Blick auf die aufwändige Vorsortierung kann man sich leicht vorstellen, dass herkömmliche Verpackungen aus Primärkunststoff billiger herstellbar sind als recycelte Ware. „Im Sinne der Kreislaufwirtschaft sollten Argumente wie Nachhaltigkeit, kürzere Transportwege und Erhaltung der Wertschöpfung wichtiger sein als Kostenfaktoren“, entgegnet Joachim Puhm.

Den Blick allein auf die aktuellen Kosten hält der Geschäftsführer offenbar für kurzsichtig. Viele seiner Kunden würden die Kreislaufwirtschaft bereits beim Wort nehmen und sich sowohl für die „Herkunft“ ihrer Verpackungen als auch die Existenz nachhaltiger Alternativen interessieren. „Wer es mit der Kreislaufwirtschaft wirklich ernst meint, der muss auch seine Verpackungsmaterialien im Blick behalten“, sagt Puhm. „Es sind die nachhaltigen Pioniere, die bald einen großen Vorsprung haben werden.“

Dafür spricht, dass sich die politischen Rahmenbedingungen in Europa aktuell ändern. So schreibt etwa die im Entwurf vorliegende künftige EU-Verpackungsverordnung Rezyklat-Einsatzquoten für Kunststoffverpackungen vor: Ab 2030 müssen diverse Sorten bereits einen Mindestanteil von 35 % an Rezyklaten beinhalten, bis 2040 sollen diese Anteile dann sogar auf bis zu 65 % steigen. Was also heute noch als zu teuer gelten mag, könnte morgen schon verpflichtender Standard sein.

zuletzt editiert am 13. November 2023