Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik hat auf der Messe BAU 2025 ein biodiverses Grünfassadensystem vorgestellt, das nicht nur das Mikroklima in Städten verbessert, sondern auch mehr Lebensraum und Nahrung für Insekten und Vögel bietet als klassische Extensivbegrünungen. Die so genannte „Wilde Klimawand“ wurde vom Fraunhofer IBP in Zusammenarbeit mit drei weiteren Forschungspartnern entwickelt.
Der Klimawandel belastet Mensch und Umwelt. Vor allem in Städten leidet die Bevölkerung im Sommer unter hohen Temperaturen und der zunehmenden Trockenheit. Zugleich führt die fortschreitende Flächenversiegelung im urbanen Raum dazu, dass es für Insekten und Vögel schwieriger wird, genug Nahrung sowie Unterschlupf- und Nistmöglichkeiten zu finden. Die
Förderung heimischer Artenvielfalt
Das Fraunhofer IBP hat nun in Zusammenarbeit mit dem Institut für Akustik und Bauphysik der Universität Stuttgart, dem Institut für Landschaftsplanung und Ökologie (ebenfalls Universität Stuttgart) und den Grünfassadenexperten der Helix Pflanzensysteme GmbH eine biodiverse Grünfassade entwickelt. Deren Bepflanzung besteht aus relativ hochwüchsigen heimischen Wildstauden, Gräsern, Wiesenblumen und Beikräutern wie Löwenzahn, Disteln und Klee.

„Unsere Grünfassade wirkt sich positiv auf das Mikroklima in Städten aus“, berichtet Dr. Pia Krause, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an dem Projekt mitarbeitet. „Die bepflanzte Oberfläche kühlt die Bauteiloberfläche effektiv ab und schafft so einen Beitrag zur Reduzierung des urbanen Hitzeinseleffektes. Auch die Verdunstungsleistung der Grünfassade ist mit ungefähr 720 Litern an einem heißen Sommertag sehr hoch.“
Neben der klimaregulierenden Ausgleichsfunktion unterstützt die Wilde Klimawand auch das Wachstum der heimischen Pflanzenwelt. „Herkömmliche Systeme setzen oft auf nicht-heimische Arten und monokulturelle Systeme“, erläutert Melina Wochner, die das Projekt ebenfalls als wissenschaftliche Mitarbeiterin unterstützt. „Wir wollten aber bewusst einen anderen Weg gehen und haben deshalb heimische Pflanzen gesucht, die in der Vertikale wachsen können und zugleich Insekten sowie Vögeln einen Lebensraum und Nahrung bieten.“
Nahrung und Unterschlupf für Insekten, Vögel und andere Tiere stellt die „Wilde Klimawand“ nicht nur in Form der üppigen Bepflanzung dar. Auch vorgefertigte Habitat-Systeme für Insekten, Vögel oder auch Fledermäuse sind bereits im System integriert – zum Beispiel „Insektenhotels“ und Nistkästen, aber auch Totholz, das einen wichtigen Lebensraum für viele Insekten darstellt. Auch Kästen mit ungewaschenem Sand werden in die Fassade integriert. In diese sollen sich bodennistende Wildbienenarten eingraben.
Testfassade in Stuttgart-Vaihingen
„Der Verlust von Biodiversität und der Klimawandel sind die großen Herausforderungen unserer Zeit“, betont Pia Krause. „Wir erhoffen uns, dass wir mit der Wilden Klimawand einen Lösungsbaustein entwickeln, um den Folgen des Klimawandels sowie dem Artenverlust im Urbanen aktiv entgegenzuwirken.“
Auf dem Fraunhofer Campus in Stuttgart-Vaihingen wurde das Grünfassadensystem bereits in der Praxis erprobt. Bislang verlief dieser Test offenbar erfolgversprechend. Bereits wenige Monate nach Installation der Wilden Klimawand haben sich dort bereits Amseln, Grünfinken, Blaumeisen und eine Vielzahl von wichtigen Bestäuber-Insekten wie beispielsweise Wildbienen eingenistet. Die Bauzeit für die über 200 m2 große Fläche betrug durch das modulare System nur vier Tage.
Die Wildstauden, Kräuter und Gräser für die Fassade auf dem Stuttgarter Campus wurden zunächst in der Horizontalen im Gewächshaus vorkultiviert, bis sie eine ausreichende Größe für den Umzug in die Vertikale erreicht hatten. „Nach etwa drei Monaten können wir die Pflanzen in das wandgebundene System einsetzen“, erklärt Hans Müller, Geschäftsführer der Helix Pflanzensysteme GmbH.
Zwischen Extensiv- und Intensivbegrünung
Bei einer biodiversen Begrünung handelt es sich um eine aufgewertete Extensivbegrünung mit erhöhter Pflanzenvielfalt. Besonders in Städten trägt dies zu mehr Artenschutz und -vielfalt bei, da eine Biodiversitätsbegrünung einen besseren Lebensraum für Insekten und Vögel darstellt als die klassische Extensivbegrünung. Zugleich handelt es sich aber noch nicht um eine Intensivbegrünung . Die biodiverse Variante liegt irgendwo zwischen Extensiv- und Intensivbegrünung.
Bei einem waagerechten Biodiversitätsgründach kommen oft noch zusätzliche Bausteine hinzu – etwa kleinere Erdhügel (als Rückzugsmöglichkeit für frost- und trockenheitsempfindliche Bodentiere), kleinere Mulden (als Tränke für Tiere) oder auch Totholz und Steine (als Versteck und Nisthilfe für Tiere). Bei einer vertikalen Biodiversitäts-Fassade sind viele solcher Elemente natürlich nicht realisierbar.
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Für die Wilde Klimawand auf dem Fraunhofer-Campus kamen die Grünwandsysteme „ Biomura “ und „ Elata “ des Projektpartners Helix Pflanzensysteme zum Einsatz. Die Bewässerung läuft vollautomatisiert über ein Tröpfchen-Schlauchsystem, das zwischen der Fassade und den Pflanzelementen verbaut ist. Der Wasserverbrauch lässt sich damit exakt an die Bedürfnisse der Bepflanzung und an die klimatischen Gegebenheiten anpassen.
Pflegeaufwand
Ob der Pflegeaufwand für die Grünfassade mit herkömmlichen Systemen vergleichbar ist, erforschen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebenfalls im Rahmen des Projekts. „Wir erwarten, dass im Vergleich zu monokulturellen Grünfassaden etwas mehr Sorgfalt beim Rückschnitt der Bepflanzung nötig sein wird“, berichtet Helix-Geschäftsführer Müller. Vertrocknete und abgestorbene Pflanzen müssen beispielsweise behutsam zurückgeschnitten werden, um bestehende Habitatstrukturen nicht zu zerstören.
Erstmals öffentlich präsentiert wurde die Wilde Klimawand am Stand der Fraunhofer-Allianz Bau auf der Messe BAU vom 13. bis 17. Januar in München. Gefördert wird das Forschungsprojekt vom Stuttgarter Klima-Innovationsfonds sowie vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Weitere Informationen zum Projekt bietet die Website des Fraunhofer IBP (Direktlink hier ).