Die Sektoren Gebäude und Verkehr verfehlen ihrer Klimaziele seit Jahren. Und jetzt spielt nicht mal mehr der Wald mit. Laut der jüngsten Bundeswaldinventur ist er mittlerweile von einer Kohlenstoff-Senke zur Kohlenstoff-Quelle geworden. Aus Sicht des Naturschutzes und der Biodiversität zeigt die 4. Bundeswaldinventur allerdings auch positive Entwicklungen.
Den Ergebnisbericht zur jüngsten Bundeswaldinventur präsentierte Cem Özdemir, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, letzte Woche. Die Inventur wird alle zehn Jahre durchgeführt und gilt als zentrales Instrument zur Erfassung und Analyse des Zustands sowie der Entwicklung der Wälder in Deutschland. Sie wird von einer Vielzahl von Akteuren unter der wissenschaftlichen Leitung des Thünen-Instituts (TI) für Waldökosysteme realisiert und dient als Datengrundlage für die Entwicklung einer nachhaltigen Forstwirtschaft und der nationalen Waldpolitik.
41,5 Mio. Tonnen weniger CO2 gespeichert
Die 4. Bundeswaldinventur zeigt, dass die Wälder in Deutschland mittlerweile nicht mehr wie erwartet zur Speicherung des klimaschädlichen Treibhausgases CO2 beitragen. Seit 2017 hat sich der Kohlenstoffvorrat im Wald um 41,5 Mio. Tonnen verringert. Nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ist der Wald, lange Zeit als Kohlenstoff-Senke geschätzt, in den letzten Jahren aufgrund der Klimakrise und ihrer Folgen zur Kohlenstoff-Quelle geworden. Das bedeutet, der überwiegende Abgang durch Stürme und Dürre sowie Käferbefall ist größer als der Zuwachs an lebender Biomasse.

Insgesamt zeige die Bundeswaldinventur zwar eine leicht positive Waldflächenentwicklung in Deutschland – heißt es in einer BMEL-Pressemitteilung. Der Holzvorrat allerdings sei, nachdem er bis 2017 angestiegen war, aufgrund der Dürre und deren Folgen seit 2018 wieder auf das Niveau von 2012 zurückgefallen. Immerhin: Aus Sicht des Naturschutzes und der Biodiversität zeigt die Bundeswaldinventur auch positive Entwicklungen. Die Totholz-Menge ist im Vergleich zur letzten Inventur um ein Drittel angestiegen. Zudem hat die Naturnähe zugenommen, es gibt mittlerweile eine größere Baumartenmischung.
„Die Bundeswaldinventur bestätigt, dass die bisherigen Anstrengungen für einen klimaangepassten Wald richtig sind, wir aber noch viel Arbeit vor uns haben.“, kommentiert Cem Özdemir. „Dennoch ist der Wald zur Kohlenstoff-Quelle geworden. Es braucht Geduld und Ausdauer, um dies durch den Umbau der Wälder wieder umzukehren.“ Der eingeschlagene Weg zu stabilen, arten- und strukturreichen Wäldern müsse konsequent weitergegangen werden. Waldbauliches Handeln müsse sich den neuen klimatischen Herausforderungen anpassen. Denn der Klimawandel bedrohe nicht nur die Vitalität der Wälder, sondern auch ihre Funktion als wirtschaftliche Grundlage vieler Betriebe.
Der Wald in Zahlen
Laut der 4. Bundeswaldinventur beträgt die deutsche Waldfläche aktuell 11,5 Mio. Hektar (+15.000 Hektar seit 2012). Der Holzvorrat ist allerdings auf 3,6 Mrd. m3 Holz zurückgegangen. 2017 waren es noch 3,8 Mrd. m3. Aufgrund von Stürmen, Trockenheit sowie der darauffolgenden Kalamitäten sowie einem um 16 % rückläufigen Zuwachs ist der Vorrat wieder auf das Niveau von 2012 gesunken.
Alarmierend ist das Ausmaß der Kalamitäten, also Schäden durch Naturgewalten wie Dürre, Sturm oder Borkenkäferbefall . 2 Mio. Hektar Wald sind davon derzeit betroffen. Auf 34 % der Kalamitätsflächen fand keine forstliche Nutzung statt, auf 20 % wurden die abgestorbenen Bäume flächig genutzt.
Die Zunahme des Totholzanteils um 32 % ist sowohl ein positives als auch ein negatives Zeichen. Totholz ist wichtig für die Biodiversität und bietet Lebensraum für viele Arten. Allerdings ist der Anstieg vor allem auf Klimaschäden zurückzuführen.
79 % der Wälder sind Mischwälder (+2 % seit 2012). Mischwälder bieten eine höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber Schädlingen und Krankheiten sowie eine bessere Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel. Der Anteil der Laubbäume liegt mittlerweile bei 48 %, die restlichen 52 % entfallen auf Nadelbäume . Der Anstieg des Anteils an Laubbäumen ist nach Überzeugung des BMEL ermutigend, da dies die Resilienz gegen das sich verändernde Klima steigere.