Visualisierung der geplanten GeZero-Anlage am Standort Geseke. (Quelle: Heidelberg Materials)

Panorama 2024-03-12T08:00:00Z Dekarbonisierte Zementwerke?

Heidelberg Materials plant das erste dekarbonisierte Zementwerk in Deutschland. Im nordrhein-westfälischen Geseke sollen ab 2029 CO2-Emmissionen zunächst abgeschieden und später unterhalb der Nordsee gespeichert werden. An seinem Standort im norwegischen Brevik ist der Baustoffkonzern schon weiter. Dort will man bereits Ende 2024 Zement auf Basis der CCS-Technologie produzieren.

Als Bindemittel in Beton und Mörtel ist Zement allgegenwärtig im modernen Bauwesen. Bei der Produktion von klassischem Zementklinker gelangen bisher allerdings große Mengen CO2 in die Umwelt. Der Zement- und Betonhersteller Heidelberg Materials will diesen Automatismus künftig durchbrechen. Dafür setzt er auf dekarbonisierte Zementwerke, bei denen die CO2-Emissionen mithilfe von CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage) zunächst abgeschieden und dann unterirdisch gespeichert werden.

In Deutschland ist CCS bisher weitgehend verboten, vor allem, weil die Risiken einer dauerhaften Speicherung im Erduntergrund nicht ausreichend erforscht sind. In jüngster Zeit scheint sich allerdings auch hierzulande die Einsicht durchzusetzen, dass die Klimawende ohne CO2-Speicherung nicht mehr rechtzeitig gelingen kann. Die Ampel-Regierung will daher in Kürze eine neue „Carbon Management Strategie“ vorlegen. Es ist damit zu rechnen, dass die Anwendung von CCS-Technologien künftig weniger restriktiv geregelt wird als bisher.

Inbetriebnahme für 2029 geplant

Heidelberg Materials jedenfalls plant bereits sein erstes CCS-Projekt in Deutschland. Das Vorhaben „GeZero“ wird im nordrhein-westfälischen Geseke verwirklicht, wo der Baustoffkonzern bisher ein herkömmliches Zementwerk betreibt. Der Bau der CO2-Abscheideanlage soll 2026 beginnen, die Inbetriebnahme ist für 2029 geplant. Die Anlage könnte dafür sorgen, dass künftig pro Jahr rund 700.000 Tonnen Kohledioxid nicht mehr in die Atmosphäre gelangen. Der EU-Innovationsfonds fördert das Projekt mit 191 Millionen Euro.

Geplant ist, das abgeschiedene Kohlendioxid zunächst nach Wilhelmshaven zu bringen, wo das Gas- und Ölunternehmen Wintershall Dea ab 2027 einen „CO2-Hub“ als Zwischenlager betreiben will. Von dort soll es dann zur dauerhaften Lagerung in Speicherstätten der Nordsee transportiert werden. Der Transfer von Geseke nach Wilhelmshaven soll zunächst per Bahn erfolgen – bis zur Fertigstellung der geplanten Pipeline-Infrastruktur.

„Mit rund einem Drittel der bundesweiten Zementproduktion ist Nordrhein-Westfalen ein zentraler Standort der Branche“, sagt Mona Neubaur, Nordrhein-Westfalens grüne Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie. „Deshalb freut es uns, dass mit der ersten kohlenstofffreien Zementanlage in Geseke im Kreis Soest ein Leuchtturmprojekt für eine nachhaltige und klimaneutrale Zukunft in der Zementindustrie entsteht.“

Pilotprojekt in Brevik

Im norwegischen Brevik ist ein solcher „Leuchtturm“ sogar bereits im Bau. An seinem dortigen Standort hat Heidelberg Materials nach eigenen Angaben die weltweit erste CO2-Abscheideanlage für ein industrielles Zementwerk errichtet. Die mechanische Fertigstellung der Anlage ist für Ende 2024 geplant. Nach der Inbetriebnahme sollen dort jährlich 400.000 Tonnen CO2 abgeschieden werden, was 50 % der Emissionen des Werks entspricht.

Das Zementwerk im norwegischen Brevik. (Quelle: Heidelberg Materials)

Die CO2-Emissionen, die direkt in der Zementproduktion entstehen, sollen in Brevik tatsächlich zu 100 % mithilfe von CCS-Technologie „eingefangen“ werden. Die so entstehenden Zemente wären also echte Null-Emissions-Produkte – ganz ohne Ausgleich durch außerhalb der Wertschöpfungskette des Unternehmens generierte Zertifikate. Diese Zemente will Heidelberg Materials künftig unter der neuen Marke „evoZero“ vermarkten.

Da die CCS-Technologie die chemische Zusammensetzung und Leistung des Zements nicht verändert, kann der Hersteller sein gesamtes Zementportfolio unter der neuen Marke anbieten: vom klassischen Portlandzement der höchsten Festigkeitsklasse bis hin zu CEM III.

Zum Hintergrund: Die DIN EN 197-1 unterscheidet fünf Hauptzementarten (CEM I bis V). Während bei der Herstellung von Portlandzement (CEM I) besonders viele CO2-Emissionen anfallen, da er fast ausschließlich aus reinem Zementklinker besteht, handelt es sich bei den Zementarten CEM II–V um Produkte, bei denen der Klinker bereits zum Teil durch Ersatzstoffe wie Kalkstein, Schiefer, Puzzolan , Silikastaub, Hüttensand (Nebenprodukt der Stahlproduktion) oder Flugasche (Nebenprodukt der Steinkohleverstromung) substituiert wurde. Die Herstellung solcher Zemente verursacht weniger CO2-Emissionen als reiner Portlandzement.

Marke „evoZero“

„Die CO2-Abscheidung und Speicherung ist eine bahnbrechende Technologie für die Baustoffindustrie, und wir sind Vorreiter bei ihrer großtechnischen Anwendung“, sagt Dr. Dominik von Achten, Vorstandsvorsitzender von Heidelberg Materials. Bis evoZero-Produkte nicht nur in Norwegen, sondern auch in Deutschland und weiteren europäischen Ländern hergestellt werden wird es aber noch eine Weile dauern. Um die Marke „evoZero“ gleichwohl bereits in Kürze in ganz Europa anbieten zu können, hat sich Heidelberg Materials ein spezielles Vertriebskonzept ausgedacht.

Sommer 2023: Erfolgreiche Installation des Absorbers in Brevik. (Quelle: Heidelberg Materials)

Demnach wird der evoZero-Zement von Beginn an in zwei Varianten erhältlich sein. Neben dem Produkt, das direkt aus dem norwegischen CCS-Werk stammt („evoZero Carbon Captured Brevik“), sollen Kunden aus anderen europäischen Ländern eine evoZero-Variante ordern können, die aus einem Zementwerk in ihrer Nähe geliefert wird. Obwohl traditionell hergestellt, sollen die Kunden auch für dieses Produkt ein CO2-Zertifikat erhalten, das einen „Net-Zero-Fußabdruck“ ausweist.

Wie das? Ganz einfach: Für künftige „evoZero“-Bestellungen, die nicht in Brevik hergestellt werden, sollen gleichwohl CO2-Einsparungen aus dem norwegischen Werk angerechnet werden können. Die Kalkulation und Anrechnung der Einsparungen sei durch Blockchain-Technologie transparent und rückverfolgbar – heißt es bei Heidelberg Materials. Die Mechanismen zur Anrechnung habe man von einem unabhängigen Zertifizierer überprüfen lassen.

zuletzt editiert am 08. März 2024
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