Die Dekarbonisierung der Gebäudebeheizung soll künftig auch durch mehr Fernwärmenutzung vorankommen. Fernwärme in Deutschland ist bislang aber noch teuer und als Wärmequelle dominiert die fossile Kraft-Wärme-Kopplung. Beides könnte sich ändern, wenn es gelänge, den Drittzugang klimafreundlicher Wärmeerzeuger in das vorhandene deutsche Fernwärmenetz zu erleichtern. Die Deutsche Energie-Agentur hat dazu ein Drei-Stufen-Konzept vorgelegt.
Laut Wärmeplanungsgesetz müssen Deutschlands Kommunen bis spätestens Mitte 2028 eine Wärmeplanung vorlegen, aus der unter anderem hervorgeht, in welchen Gebieten der jeweiligen Kommune künftig ein Fernwärmenetz angeboten wird. Nach den Plänen des Gesetzgebers soll Fernwärme im Jahr 2045 ein Viertel des Energiebedarfs im Gebäudesektor decken. Zugleich soll der Wärmesektor weitgehend dekarbonisiert, also auf erneuerbare Energiequellen umgestellt werden. Ein erleichterter Drittzugang zu vorhandenen Fernwärmenetzen könnte helfen, beide Ziele zu erreichen.
Fernwärme überwiegend fossil
„Ein erleichterter Drittzugang zur Fernwärme kann die Dekarbonisierung der Wärmenetze beschleunigen und zugleich Kosten senken“, bestätigt Corinna Enders, Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur ( dena ). „Der Drittzugang bietet die Chance, den Wettbewerb bei der erneuerbaren Wärmeversorgung zu stärken sowie privates Kapital für die Energiewende zu aktivieren.“

In Deutschland werden aktuell 14 % der Haushalte durch die vorhandenen etwa 3.800 Fernwärmenetze versorgt. Als Anbieter treten in der Regel Netzbetreiber wie die örtlichen Stadtwerke oder große Energieunternehmen wie E.ON, Vattenfall und EnBW auf, die oft über lokale Fernwärme-Monopole verfügen. Der weitaus größte Anteil des Fernwärmeangebots wird allerdings aus Prozessen fossiler Kraft-Wärme-Kopplung bezogen (2022: 66 %). Er entsteht bei Verbrennungsprozessen, die zugleich Strom und Wärme, aber eben auch klimaschädliche CO2-Emissionen erzeugen.
Um bessere Voraussetzungen zur Erschließung neuer Potenziale für den deutschen Fernwärmemarkt zu schaffen, hat die dena in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut für Fertigungstechnik und angewandte Materialforschung (Fraunhofer IFAM) sowie der Beratungsfirma EERA Consulting ein Konzept für den Drittzugang von klimafreundlichen Wärmeerzeugern in das vorhandene deutsche Fernwärmenetz erarbeitet, das im März auf der dena-Website veröffentlicht wurde (Direktlink hier ).
Großes Drittanbieter-Potenzial
Die dena sieht in Deutschland offenbar noch viel ungenutztes Potenzial für ein größeres und klimafreundlicheres Fernwärmeangebot – insbesondere durch die Einbindung von Drittanbietern in vorhandene Großnetze lokaler Monopolisten. Zur Steuerung und Überwachung der Prozesse des Drittzugangs bedarf es aus Sicht der Energie-Agentur eine Regulierungsbehörde als neutrale Instanz, zu deren Aufgaben unter anderem auch die Berechnung des Einspeisungstarifs (Referenzpreis) gehören müsste.
Als potenzielle Drittanbieter gelten vor allem externe Akteure, die Wärme aus erneuerbaren Energien oder aus Abwärme anbieten können. Typische Drittanbieter wären demnach zum Beispiel die Betreiber großer Solarthermie -, Geothermie - und Biomasseanlagen und natürlich Industriebetriebe mit größeren Abwärmeprozessen. Sie sollen ihre Wärme künftig zu einem geregelten Tarif in die vorhandenen Netze einspeisen.
Für das EU-Mitglied Deutschland ist die Vereinfachung des Drittzugangs übrigens nicht nur ein „Nice-to-have“, sondern im Grunde ein „Must-have“. Denn auch die 2023 von der Europäischen Union verabschiedete Revision der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (Renewable Energy Directive III = RED III) fordert eine solche Vereinfachung. Außerdem sieht das deutsche Wärmeplanungsgesetz vor, dass Fernwärmeversorger bis zum Jahr 2030 eine 30%-Quote für klimaneutrale Wärme erreichen müssen. Bis 2040 sollen es 80 % sein.
Doch wie lässt sich ein leichterer Drittzugang für klimafreundliche Wärmeerzeuger vor Ort in den Kommunen praktisch umsetzen? Genau dazu liefert das dena-Konzept Antworten. Es zeigt auf, wie Drittanbieter in Zukunft systematisch und diskriminierungsfrei Zugang zu vorhandenen Fernwärmenetzen erhalten könnten. Eingebunden werden sollen dabei zum Beispiel auch moderne Bürgerenergiegenossenschaften.
Dreistufiges Konzept
Das Ziel besteht also darin, erneuerbare Wärmequellen und Abwärme stärker in die Versorgung einzubinden und so nicht nur die Bezugskosten von Fernwärme zu senken – durch eine Erhöhung des Angebots –, sondern auch die Dekarbonisierung der Gebäudebeheizung zu beschleunigen.
Zur Erreichung dieses Ziels schlägt das dena-Konzept ein dreistufiges Vorgehen vor. Aufbauend auf den Ergebnissen der kommunalen Wärmeplanung (KWP) soll der örtliche Fernwärmeversorger zunächst eine strukturierte Marktabfrage durchführen (Stufe 1). Dabei geht es darum, erstmal alle möglichen Wärmeanbieter zu identifizieren und die technischen Merkmale ihrer potenziellen Wärmequellen abzufragen. Potenzielle Drittanbieter können ihre Vorschläge und Pläne für Wärmeerzeugungsanlagen einreichen.
Anschließend folgt eine „Ergebniskonsolidierung“ (Stufe 2). In dieser Phase kommen Fernwärmeversorger, Drittanbieter und Kommune zu einem Round Table zusammen, besprechen gemeinsam die Vorschläge der Drittanbieter und vereinbaren technisch und wirtschaftlich realisierbare Erzeugungsportfolios. Zugleich berechnet die Regulierungsbehörde einen fairen Preis für eingespeiste Wärme. Per Vorauswahl werden zudem alle technisch oder ökonomisch nicht sinnvollen Angebote aussortiert.
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Auf Stufe 3 geben dann die noch im Rennen befindlichen Drittanbieter verbindliche Angebote für den Einspeisepreis ihrer Wärme ab. Daraufhin erfolgt eine wettbewerbliche Auswahl der besten Lösungen, wobei neben dem Preis und der Klimafreundlichkeit auch Faktoren wie Netzanschluss und Versorgungssicherheit zu berücksichtigen sind. „Die Einführung solcher marktlicher Strukturen würde das Angebot klimaneutraler Wärme stärken“, glaubt Corinna Enders: „Wir sollten keine Zeit verlieren. Alle Akteure brauchen schnell Planungssicherheit und die Anpassung der entsprechenden Regularien“.