Ein hellblaues Citroen 2CV Auto (Ente) parkt vor einer charmanten, ockerfarbenen historischen Hausfassade mit weißen Holzfensterläden und kleinen Blumenkästen.
Alte Sprossenfenster sind oft nur einfach verglast. (Quelle: Pixabay)

Bauelemente 2026-08-11T07:00:00Z Einfachglas zu Dämmglas aufarbeiten

Auch historische Fenster müssen – so gut wie möglich – energetisch saniert werden, wenn Klimaneutralität im Gebäudesektor Wirklichkeit werden soll. Das ist umso schwieriger, je mehr der Denkmalschutz die Erhaltung der ursprünglichen Optik fordert. Kann man historisches Einfachglas in modernes Wärmedämmglas verwandeln, ohne die alten Fensterprofile auszutauschen? Man kann – mit handwerklichem Geschick und der richtigen Methode.

Ein solche Methode bietet die 1978 gegründete Glasmanufaktur Sollingglas aus dem niedersächsischen Derental bei Holzminden. Das mittelständische Unternehmen hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich historische Verglasungen zerstörungsfrei ausbauen und schonend reinigen sowie nach einem erfolgreichen Qualitätscheck als Bestandteil einer Isolierverglasung wiederverwenden lassen. Besonderer Clou: Die Isoliergläser werden wieder in die originalen Fensterrahmen eingesetzt.

Re-Use statt nur Recycling

Bei Restaurierungsprojekten wird historisches Fensterglas häufig ersetzt, obwohl es grundsätzlich auch weiter genutzt werden könnte. Gründe dafür sind oft die Annahme einer zu hohen Materialempfindlichkeit sowie fehlende etablierte Verfahren für die Wiederverwendung. Während ein Glasaustausch klar definierten Normen und Abläufen folgt, erfordert der „Re-Use“-Ansatz eine objektspezifische Bewertung. Die Folge ist, dass bei der Sanierung historischer Fenster bisher meist nur die Rahmen aufbereitet werden, nicht jedoch das Glas.

Thermische Vorbehandlung der historischen Fensterprofile im Ofen.
Thermische Vorbehandlung der historischen Fensterprofile im Ofen. (Quelle: Sollingglas)

Die Aufarbeitung von historischem Einfachglas zu Wärmedämmglas ist definitiv eine Herausforderung. „Der gesamte Prozess ist anspruchsvoll und erfordert Erfahrung, Abstimmung und Zeit“, räumt Heiko Schanze ein. Der Geschäftsführer der Sollingglas Bau und Veredelungs GmbH & Co. KG findet aber, dass es sich lohnt: „Während ein Recycling auf die stoffliche Verwertung abzielt, bietet der Re-Use einen deutlich höheren Mehrwert in Bezug auf Authentizität und die Ressourcenschonung.“ Hinzu kommt, dass viele historische Gläser aufgrund ihrer Zusammensetzung gar nicht für heutige Recyclinganlagen infrage kommen und deshalb im Fall eines Ausbaus auf der Deponie landen.

Ob historisches Glas für ein Re-Use infrage kommt, wird bereits in der frühen Projektphase entschieden. Wird diese Lösung nicht von Beginn an berücksichtigt, ist die Umsetzung im weiteren Projektverlauf meist nur noch schwer möglich. Damit kommt Bauherren, Denkmalbehörden, Planungsbüros und ausführenden Handwerksbetrieben eine wichtige Entscheidungsfunktion zu. Aus Sicht von Sollingglas sollten sie historisches Glas viel häufiger als erhaltenswerte und bewertbare Bausubstanz betrachten.

Dass die wärmetechnische Aufbereitung und Wiederverwendung von alten Fenstern mit Einfachverglasung kein theoretisches Konstrukt, sondern eine handwerklich beherrschbare Option ist, zeigt ein aktuelles Sanierungsprojekt von Sollingglas, in dessen Rahmen rund 100 Jahre alte Fenster eines historischen Gebäudes energetisch ertüchtigt wurden. Dabei ging es nicht nur darum, die Holzrahmen der insgesamt 50 Fenster zu erhalten, sondern auch um ein Re-Use der mundgeblasenen Einfachgläser.

Handwerkliches Verfahren

„Am Anfang steht die genaue Kartierung der Scheiben und Fenster – erkennbare Fehler werden eingezeichnet“, erläutert Heiko Schanze das Sollingglas-Verfahren. „Anschließend werden die Fensterprofile in den Ofen gelegt und in einem sanften Temperaturanstieg auf die ideale Ausglasungs-Temperatur gebracht. Das Ausglasen und Entfernen von Kitt-Resten lässt sich nach der gezielten thermischen Vorbehandlung per Hand erledigen. Wichtig ist, dass die Scheiben gekennzeichnet und fenstergenau dokumentiert werden, um sie später sicher zuordnen zu können.“

Nahaufnahme einer Hand, die mit einem professionellen Glasschaber Farbreste oder Schmutz von einer flach liegenden Glasscheibe entfernt.
Nach der Entnahme folgen die Reinigung und Bewertung der Gläser. (Quelle: Sollingglas)

Nach dem Ausbau erfolgt die technische Bewertung der alten Einfachgläser– so auch beim Projekt mit den 100 Jahre alten Fenstern. „Die in diesem Fall mundgeblasenen Scheiben unterscheiden sich deutlich von den gezogenen Industriegläsern des frühen 20. Jahrhunderts – in ihrer Materialzusammensetzung, Struktur, Dicke, Oberflächenbeschaffenheit und ihrem Spannungszustand. Diese Faktoren entscheiden, ob ein Glas zur Wiederverwendung geeignet ist”, erklärt Heiko Schanze.

Historische Einfach-Scheiben, welche die Eignungsprüfung zum Re-Use erfolgreich bestanden haben, werden bei Sollingglas anschließend schonend gereinigt und bei Bedarf nasschemisch behandelt, um optimale Voraussetzungen für die Weiterverarbeitung zu schaffen. Heiko Schanze betont: „Vor allem ein sauberer, haftfähiger Rand ohne tiefergehende Risse ist die Voraussetzung für die erfolgreiche Weiterverarbeitung zu Isolierglas und auch für die langfristige Gebrauchstauglichkeit.“

Nach der Aufarbeitung werden die weniger als 3 mm starken historischen Scheiben mit einem 4 mm breiten Abstandhalter und wärmedämmbeschichteten Innenscheiben zu rund 10 mm schlanken Isoliergläsern mit Edelgasfüllung kombiniert. Mit Argon-Füllung erreichen diese Verglasungen einen U-Wert von Ug-Wert = 2,5 W/m²K, mit Krypton-Füllung sind es 1,9 W/m²K.

Anschließend werden die Isoliergläser in die restaurierten und an die größere Glasdicke angepassten Fensterprofile eingebaut. „Auch hier ist handwerkliche Präzision gefragt, um Spannungen zu vermeiden und die Langlebigkeit des Gesamtsystems sicherzustellen“, betont Schanze. Aber lohnt sich denn der ganze Aufwand? Der Sollingglas-Geschäftsführer glaubt an die optischen Vorteile der aufbereiteten Verglasungen. Historisches Glas verleihe Fassaden und Innenräumen ein lebendiges Erscheinungsbild, während modernes Floatglas oft kalt und unpassend wirke und die Fenster in der Außenansicht wie dunkle Löcher aussehen lasse.

Prüfung als Grundlage

Bei der Eignungsprüfung werden sichtbare Schäden wie Risse oder Kantenverletzungen ebenso berücksichtigt wie innere Spannungen und der Zustand der Glasoberfläche. Die Bewertung erfolgt auf Grundlage von spannungsoptischen Messungen im polarisierten Licht sowie mit Schattenbildprojektionen (Bestrahlung des Glases mit parallelem Licht). Auf dem Schatten, den das bestrahlte Glas wirft, lassen sich selbst feinste Fehler erkennen. Wobei oberflächliche Kratzer, Schlieren oder leichte Korrosionserscheinungen nicht bedeuten, dass das Einfachglas für ein Re-Use automatisch ausgeschlossen wäre.

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zuletzt editiert am 11. August 2026
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