Laut Umweltbundesamt wurden in Deutschland 2023 rund 10 % weniger Treibhausgase emittiert als im Vorjahr. Auch im Gebäudesektor gab es eine Emissionsminderung – das Minus betrug hier aber nur 7,5 %. Neben dem Verkehrssektor bleibt der Gebäudebereich gleichwohl das Sorgenkind der „Klimawende“. Die laut Klimaschutzgesetz erlaubte maximale Jahres-Emissionsmenge hat der Sektor nämlich auch 2023 erneut überschritten.
Das bundesdeutsche Klimaschutzgesetz legt für jedes einzelne Jahr bis 2030 verbindlich fest, um wieviel Tonnen die jährlich emittierten Treibhausgasmengen in den sechs Sektoren Energiewirtschaft, Industrie, Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft sowie Abfallwirtschaft (und Sonstiges) mindestens abnehmen müssen. Über das allgemeine Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2045 hinaus gibt es also auch verbindliche Ziele bis 2030.
Stärkster Rückgang seit 1990
Für den Gebäudesektor sieht das Gesetz vor, dass die Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um rund zwei Drittel sinken. 2030 sollen Deutschlands Häuser damit insgesamt nur noch 67 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent emittieren.

Hintergrund: Zu den klimaschädlichen Treibhausgasen zählen nicht nur Kohlendioxid (CO2), sondern auch eine Reihe weiterer Gase wie etwa Methan, Distickstoffoxid, Schwefelhexafluorid, Stickstofftrifluorid, teilfluorierte Kohlenwasserstoffe und perfluorierte Kohlenwasserstoffe. Das Treibhauspotenzial all dieser Gase ist aber nicht gleich groß. So trägt etwa Methan 28-mal stärker zur Erderwärmung als CO2. Die Maßeinheit „CO2-Äquivalent“ berücksichtigt das, indem sie sämtliche Gase anhand ihres individuellen Treibhauspotenzials erfasst. Dabei wird das Treibhauspotenzial von CO2 mit 1 angegeben, während andere Gase als ein Vielfaches davon in die Berechnung einfließen.
Insgesamt wurden 2023 in Deutschland in allen sechs Sektoren rund 674 Mio. Tonnen Treibhausgase freigesetzt (hier und im Folgenden sind stets CO2-Äquivalente gemeint). Das waren 76 Mio. oder 10,1 % weniger als 2022. Dies ist der stärkste Rückgang seit 1990. Als Gründe dafür nennt das Umweltbundesamt (UBA) den gestiegenen Anteil erneuerbarer Energien und einen Rückgang der fossilen Energieerzeugung, aber auch eine gesunkene Energienachfrage bei Wirtschaft und Verbrauchern.
Tatsächlich konnte der Sektor Energiewirtschaft 2023 die größten klimarelevanten Erfolge vorweisen. Die Treibhausgasemissionen sanken hier gegenüber dem Vorjahr um rund 51,8 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalente. Das entspricht einem Minus von 20,1 %. Selbstverständlich war das nicht. „Mit Ausbruch des Kriegs gegen die Ukraine hatten viele die Sorge, dass wir eine Renaissance der Kohle und anderer fossiler Energieträger sehen werden“, erläutert UBA-Präsident Dirk Messner. Das es anders gekommen ist, wertet er als „großen Schritt“.
Sorgenkinder Verkehr und Gebäude
„Aber nicht in allen Sektoren stehen wir glänzend da“, ergänzt Messner. „Vor allem der Verkehrssektor bleibt weiter ein großes Sorgenkind.“ Im Vergleich zu 2022 sanken die Verkehrsemissionen zwar um 1,2 % (rund 1,8 Mio. Tonnen), damit lagen sie aber gleichwohl rund 13 Mio. Tonnen über der nach dem Klimaschutzgesetz für 2023 zulässigen Jahresemissionsmenge von 133 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalente.

2022 waren die Verkehrsemissionen sogar noch leicht angestiegen. Und auch letztes Jahr haben sie zumindest im Pkw-Verkehr zugenommen. Der leichte Rückgang für den Gesamtsektor hängt nämlich vor allem mit einem schwächeren Güterverkehr zusammen. Ursache dafür ist wiederum die aktuelle Wirtschaftsschwäche Deutschlands.
Der Verkehr ist aber nicht das einzige Sorgenkind beim Klimaschutz. Der Gebäudesektor gehört ebenfalls dazu – auch wenn die Verfehlungen hier etwa weniger gravierend sind. Immerhin emittierten Deutschlands Häuser im letzten Jahr 8,3 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalente weniger als im Vorjahr (–7,5 %). Doch mit den verbliebenen rund 102 Mio. Tonnen hat der Sektor die gesetzliche Zielvorgabe trotzdem erneut überschritten – diesmal um rund 1,2 Mio. Tonnen.
Dass der Gebäudesektor die Emissionen immerhin um 7,5 % senken konnten, liegt laut UBA nicht zuletzt an der milden Witterung im Winter 2023 und an den höheren Verbraucherpreisen. Auch der Zubau an Wärmepumpen habe sich positiv ausgewirkt. Gleichwohl erwartet das Umweltbundesamt, dass der Gebäudesektor seine Emissionsziele bis 2030 voraussichtlich um 32 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalente verfehlen wird. Im Verkehrssektor wird bis 2030 sogar eine kumulierte Minderungslücke von 180 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalenten prognostiziert.
Klimaziele bis 2030 erreichbar?
Trotzdem ist man beim UBA zuversichtlich, dass Deutschland seine Klimaziele bis 2030 zumindest sektorübergreifend erreichen kann, wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien weitergeht wie zuletzt. Der Grund für den vorsichtigen Optimismus hängt damit zusammen, dass andere Sektoren ihre Emissionsziele aktuell übererfüllen. Das gilt vor allem für die Energiewirtschaft, in geringerem Maße aber auch für die Sektoren Industrie, Landwirtschaft und Abfallwirtschaft. Laut UBA-Prognose könnten bis 2030 die Emissionsziele sektorübergreifend sogar um 47 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalente übererfüllt werden.
Diesbezüglich skeptischer äußerte sich jüngst der unabhängige Expertenrat für Klimafragen (ERK). Das fünfköpfige Gremium, das alljährlich die UBA-Emissionsdaten prüft, verwies Mitte April darauf, dass der starke Emissionsrückgang der Energiewirtschaft im letzten Jahr vor allem auf die stark gesunkene Verstromung von Kohle zurückzuführten sei. Ein wichtiger Grund dafür sei die schwächere Stromnachfrage der energieintensiven Industrie gewesen, ausgelöst durch einen starken Produktionsrückgang. Sowohl das Emissionsminus in der Energiewirtschaft als auch das im Industriesektor wären demnach zu großen Teilen auf die temporäre Konjunkturschwäche der deutschen Wirtschaft zurückführen und weniger auf eine tatsächliche Dekarbonisierung dieser Sektoren.
Auch die Organisation Agora Energiewende weist darauf hin, dass etwa die Hälfte der jüngsten Emissionsminderungen auf kurzfristigen Effekten wie krisenbedingten Produktionsrückgängen und dem geringeren Stromverbrauch beruhe. Nach Ansicht der Berliner Denkfabrik ist daher ein Großteil der Emissionseinsparungen 2023 weder industrie- noch klimapolitisch nachhaltig. Die Emissionen könnten jederzeit konjunkturbedingt wieder steigen. „Für dauerhafte Emissionseinsparungen muss die Bundesregierung 2024 die Lücken in der Klimapolitik schließen – insbesondere im Verkehrs- und Gebäudebereich“, hieß es bereits im Januar in einer Pressemitteilung von Agora Energiewende.