Verlegung von WRG-Zuluftleitungen im Bodenbereich.  (Quelle: VfW – Bundesverband für Wohnungslüftung)

Plus 2023-12-06T08:59:45.763Z Energiesparen mit Wohnraumlüftungen

Bereits 2022 hatte der Bundesverband für Wohnungslüftung eine Studie veröffentlicht, die ein hohes Energie-Einsparpotenzial im Gebäudebereich durch den Einsatz von Wohnraumlüftungssystemen mit Wärmerückgewinnung verdeutlichte. Jetzt hat der Verband mit einer Nachfolgestudie nachgelegt.

Über die erste Kurzstudie haben wir auf BaustoffWissen bereits im Beitrag „Vorteile der Wärmerückgewinnung“ informiert (Oktober 2022). Mit der Erarbeitung der damaligen Studie hatte der Bundesverband für Wohnungslüftung (VfW) das Dresdener Institut für Technische Gebäudeausrüstung (ITG) beauftragt, das nun auch für die im Mai 2023 erschienene Nachfolgestudie zuständig war. Diese trägt den Titel „Wohnungslüftung mit Wärmerückgewinnung als nachhaltige Schlüsseltechnologie der Wärmewende – Klimaschutz und Nachhaltigkeit“.

Der VfW versteht sich als Sprachrohr der deutschen Wohnraumlüftungsbranche. Zu den vorrangigen Zielen des in Berlin ansässigen Verbands gehört es, durch Öffentlichkeitsarbeit dafür zu werben, dass die Wohnraumlüftung stärker in das Gebäudeenergiegesetz (GEG) sowie in die Bundesförderung Effiziente Gebäude (BEG) verankert wird.

69 % weniger Heizungsenergie möglich

Beispiel Neubau: Im Vergleich zur Fensterlüftung verspricht ventilatorgestützte WRG-Technik deutliche Einsparungen. (Quelle: VfW – Bundesverband für Wohnungslüftung)

Bereits die vor einem Jahr veröffentlichte ITG-Studie (die so genannte „Äquivalenzstudie“) hatte gezeigt, dass Wohnraumlüftungen mit Wärmerückgewinnung (WRG) zu hohen Energieeinsparungen beitragen können. Durch die ventilatorgestützten Lüftungsanlagen mit ihren Wärmetauschern in den Zu- und Abluftkanälen lassen sich nämlich Lüftungswärmeverluste deutlich reduzieren und damit auch Heizungskosten senken.

Die 17-seitige Nachfolgestudie (kostenloser PDF-Download hier ) enthält neue Berechnungen, mit denen der VFW untermauern möchte, dass die Wohnraumlüftung das Potenzial hat, eine Schlüsselrolle zur Erreichung der Klimaziele im Gebäudebereich zu spielen.

Nach Angaben des VfW ist mit WRG-Systemen im Neubau eine Reduktion von Treibhausgasen sowie von Primär- und Endenergieeinsatz für Heizungen um jeweils bis zu 69 % erreichbar. Die Zahl bezieht sich auf einen Vergleich der fachgerechten Nutzung von WRG-Lüftungstechnik mit der klassischen Fensterlüftung. Bei Gebäuden ohne Wärmerückgewinnung erfolgen mindestens 50 % der Wärmeverluste über das Lüften, auch wenn es sich ansonsten um gut gedämmte, energieeffiziente Gebäude handelt.

Im Gebäudebestand sieht die Studie durch Nachrüstung von WRG-Lüftungen ein Einsparpotenzial von bis zu 20 % bei Treibhausgasen und Heizenergie. Allerdings ist der durchschnittliche Energieverbrauch pro Quadratmeter bei Altbauten auch viel höher. In absoluten Zahlen ist das Einsparpotenzial pro Quadratmeter deshalb sogar noch deutlich höher als im Neubau. Die Studie nennt hier eine mögliche Endenergieeinsparung von jährlich bis zu 24,1 kWh pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Im Neubau wären maximal 5,2 kWh erreichbar.

WRG-Ausstattung bislang unbefriedigend

Aus Sicht des VfW hat die Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung nur Vorteile. (Quelle: VfW – Bundesverband für Wohnungslüftung)

Das deutsche Klimaschutzgesetz schreibt vor, dass im Gebäudesektor bis 2030 eine Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen um 35 Mill. Tonne pro Jahr erreicht wird. Laut der neuen Studie könnten allein moderne Wohnungslüftungssysteme die jährlichen Emissionen um etwa 2 Mio. Tonnen senken, wenn es bis 2030 gelänge, zumindest 10 % der Wohnungen mit WRG-Systemen auszustatten.

Um dieses Ziel zu erreichen, müsste man in den kommenden sieben Jahren jeweils 500.000 Wohnungen mit WRG-Lüftung ausstatten. Zuletzt waren es aber nur etwa 100.000 Wohnungen pro Jahr – gleichbedeutend mit jeder dritten Wohnung im Neubau. In diesem Jahr sieht es nach VfW-Angaben bisher so aus, dass wegen des Einbruchs beim Neubau eher noch weniger Wohnungen mit WRG-Ausstattung hinzukommen.

In seiner zweiten Kurzstudie hat das ITG unter anderem berechnet, was mit WRG-Lüftungen an Energieeinsparungen möglich wäre, wenn der Ausstattungsgrad des Gebäudebestands bis zum Jahr 2045 auf 45 % ansteigen würde. Ergebnis: Eine Endenergie-Einsparung von bis zu 42.000 Gigawatt im Jahr wäre durchaus realistisch. Das entspricht der Energiemenge, die jährlich von zwei bis drei Kohlekraftwerksblöcken geliefert wird. Die Einsparungen würden die Heizkosten der Bundesbürger um insgesamt 3,4 bis 5,7 Mrd. Euro pro Jahr reduzieren. Und der deutsche CO2-Ausstoss würde sich um bis zu 11 Mio. Tonnen vermindern.

Politische Weichenstellungen unverzichtbar

Ralf Lottes ist Geschäftsführer des Bundesverbandes für Wohnungslüftung. (Quelle: VfW – Bundesverband für Wohnungslüftung)

Die beschriebenen Einsparpotenziale sind allerdings nach Angaben des VfW nur erreichbar, wenn die Politik entsprechende Weichenstellungen vornimmt. Der Verband fordert zum einen, dass WRG-Systeme bei der Konzeptionierung von energieeffizienten und schadstofffreien Gebäuden stärker berücksichtigt werden.

Zweitens müsse die Abwärmenutzung durch WRG mit der Nutzung von regenerativer Energie durch zum Beispiel Photovoltaik oder Wärmepumpen (Umweltwärme) gleichgestellt werden. Nach Ansicht des VfW ist Wärmerückgewinnung sogar effizienter als die Nutzung von erneuerbarer Energie aus der Umgebung, weil der Aufwand für den Energietransport und zusätzliche Umwandlungsprozesse geringer sei.

Drittens sei eine attraktivere Förderung von Lüftungssystemen mit WRG notwendig – sowohl im Neubau als auch bei Sanierungen. „Wir halten es für eine verpasste Gelegenheit für die Wärmewende, dass im GEG 2023 die Lüftung mit Wärmerückgewinnung nicht behandelt wird“, sagt VfW-Geschäftsführer Ralf Lottes. „Zur Zielerreichung müssen alle in der Praxis hilfreichen Optionen auch tatsächlich genutzt werden.“

zuletzt editiert am 28. Februar 2024