Ein Radlader bewegt einen großen Haufen von gipshaltigem Bauschutt in einer Lagerhalle.
Gipshaltige Abfälle müssten viel häufiger recycelt werden. (Quelle: Saint-Gobain Rigips GmbH)

Plus 2025-05-28T07:00:00Z Gipsrecycling in Deutschland

Gips lässt sich beinahe unbegrenzt recyceln. Doch in der Praxis passiert noch zu wenig, da wichtige Rahmenbedingungen nicht stimmen. Aktuell liegt die Recyclingquote in Deutschland bei unter 10 %. Das sollte sich möglichst bald ändern, sonst könnte die gipsverarbeitende Branche ein Rohstoffproblem bekommen.

„Gips ist das einzige natürliche mineralische Material, das nach der Aufbereitung und Verwendung als Baustoff durch Recycling und anschließendes Calcinieren in seinen ursprünglichen Zustand als Roh- beziehungsweise Baustoff zurückgebildet werden kann“, sagt Dipl.-Ing. Holger Ortleb, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Gipsindustrie ( BV Gips ). Gips sei für das Recyceln ganz hervorragend geeignet, weil man ihn fast sortenrein zurückgewinnen könne.

Laut BV Gips hat die gipsverarbeitende Industrie in den letzten 20 Jahren stetig mehr Recyclinggips aus externen Recyclinganlagen verarbeitet. Nur 2022 gab es mal einen kurzfristigen Einbruch der Nachfrage. Gipsrecycling in Deutschland nimmt also kontinuierlich zu, allerdings nur langsam. Schätzungen zufolge liegt die Recyclingquote irgendwo zwischen 5 und 10 %. Sicher: Längst nicht alle Gipsabfälle sind überhaupt recyclingfähig. Trotzdem dürfte die aktuelle Quote auch die Gipsindustrie nicht zufriedenstellen.

Notwendig – nicht hinreichend

Mehr Gipsrecycling wäre notwendiger denn je, weil der deutschen Gipsindustrie ansonsten schon bald Rohstoffengpässe drohen. Aktuell ist es nämlich so, dass etwa die Hälfte der hierzulande verbrauchten Gipsmenge so genannter REA-Gips ist. Dieser „technische Gips“ fällt als nützliches Nebenprodukt bei der Rauchgasentschwefelung in Kohlekraftwerken an. Doch Kohle und Kohlekraftwerke werden in Deutschland bald der Vergangenheit angehören, und dann entfällt diese gewichtige Rohstoffquelle für Gipsprodukte.

Ein Laptop auf einem Holztisch zeigt ein Diagramm mit einer Datenanalyse. Eine Person zeigt mit dem Finger auf den Bildschirm.
2023 hat sich die Einsatzmenge von Recyclinggips aus externen Recyclinganlagen um 13.000 Tonnen erhöht. (Quelle: Bundesverband der Gipsindustrie)

Eine Alternative wäre ein verstärkter Naturgipsabbau. Deutschland verfügt über große natürliche Vorkommen. Die Erschließung neuer Abbaugebiete wird wohl auch kommen. Auf das Potenzial des Gipsrecyclings sollte man deshalb gleichwohl nicht verzichten. Allein schon deshalb, weil eine solche Gipsgewinnung durch Kreislaufwirtschaft auf breite gesellschaftliche Akzeptanz stoßen dürfte. Die Ausweitung des Naturgipsabbaus dagegen ist ein Reizthema, das regelmäßig Widerstände und Naturschutzvorbehalte auslöst.

2023 fielen in Deutschland etwa 741.000 Tonnen gipshaltige Bauabfälle an. Nach Schätzungen des BV Gips war etwa die Hälfte davon wirtschaftlich und technisch recyclingfähig – also etwa 370.000 Tonnen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Auch wenn die gesamte recyclingfähige Abfallmenge tatsächlich recycelt worden wäre, hätte das bei Weitem nicht zur Deckung des jährlichen Gesamtbedarfs ausgereicht. Die gipsverarbeitende Industrie in Deutschland verschlingt nämlich rund 10 Mio. Tonnen Gips pro Jahr – Tendenz steigend.

Trotzdem ordnet auch der BV Gips das Recycling von Gips – neben der Rohstoffgewinnung aus dem heimischem Bergbau – als eine wichtige Säule in der nationalen Rohstoffversorgung ein. Unter optimalen Bedingungen könnte Gipsrecycling zehn bis maximal 15 % des Gipsbedarfs in Deutschland decken. Diese Größenordnung nannte jedenfalls Prof. Dr. Jörg Wagner von der Hochschule Nordhausen beim diesjährigen „Innovationstag heimische Gips-Rohstoffe“. Von einem so hohen Recyclingvolumen ist die Branche hierzulande aber noch meilenweit entfernt.

Recyclingprozesse für Gipskartonplatten

Recyclinggips entsteht vor allem bei der Aufbereitung von Gipskartonplatten , dem Massenbaustoff des trockenen Innenausbaus. Gewisse Mengen fallen bereits als Abfall bei der Plattenherstellung oder bei der Verarbeitung auf der Baustelle an. Die mit Abstand größten Menge liefern jedoch der Abriss und die Sanierung von Altgebäuden.

Blick in eine Gipsrecyclinganlage.
Blick in eine Gipsrecyclinganlage. (Quelle: BV Gips / Dr. H.-J. Kersten)

Gipskartonplatten lassen sich in der Regel gut recyceln. Die Kartonummantelung wird vom Gipskern entfernt und dieser dann wiederverwendet. Dieser Recyclingprozess hat allerdings zwei Voraussetzungen. Zunächst einmal müssen alte Platten bei Abriss- und Sanierungsarbeiten sortenrein gesammelt und dem Recycling zugänglich gemacht werden. Ein wirtschaftliches Recycling erfordert zudem eine ausreichende Anzahl bundesweiter Gipsrecyclinganlagen. Beide Voraussetzungen sind hierzulande noch nicht erfüllt.

Ende 2024 gab es bundesweit nur vier Recyclinganlagen für Gipskartonplatten. Doch selbst die konnten ihre Kapazität gar nicht ausschöpfen, weil schlichtweg zu wenig Altplatten bei ihnen abgeliefert wurden. Der größte Teil ausgedienter Gipskartonplatten landet in Deutschland eben nach wie vor auf der Mülldeponie. Anders als zum Beispiel in Österreich ist das hierzulande weiterhin erlaubt. Dass die meisten Abbruchunternehmen das Material bevorzugt zur nächsten Deponie bringen, kann man ihnen aus wirtschaftlichen Gründen kaum zum Vorwurf machen. Es gibt ja kaum regional verfügbare Recyclinganlagen.

Damit das Recycling von Gipsplatten und anderen gipshaltigen Baustoffen hierzulande vorankommt, wäre es sicher hilfreich, wenn die hiesigen Deponiepreise für Gipsabfälle nicht so niedrig wären. Zugleich bräuchte es weitaus mehr Gipsrecyclinganlagen. Und nicht zuletzt wären auch veränderte rechtliche Rahmenbedingungen notwendig. In Berlin dürfen Gipsplatten – sofern sie frei von Anhaftungen und mineralischen Störstoffen sind – schon seit Anfang 2024 nicht mehr auf Deponien abgegeben werden. Solche regionalen Regelungen sind hierzulande bislang aber noch die Ausnahme.

Neues Verfahren von re:unit

Ein ganz neues Verfahren zur Wiederverwendung alter Gipskartonplatten hat sich die 2022 gegründete re:unit GmbH ausgedacht. Das zur Essener Greyfield Group gehörende Unternehmen will alte Platten aus Bestandsgebäuden massenhaft aufarbeiten und als qualitätsgeprüfte Re-Use-Produkte verkaufen. Das Besondere: Die Altplatten werden nicht in ihre Einzelbestandteile zerlegt, sondern für die Wiederverwendung sozusagen nur „renoviert“. Ihr „Produktstatus“ bleibt während des gesamten Verfahrens erhalten.

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Die Re-Use-Platten von re:unit stehen laut Hersteller für eine nahezu hundertprozentige Einsparung an klimaschädlichen Treibhausgasen bei der Herstellung. Außerdem erfordert die spezielle Aufbereitung auch keinen erneuten Ressourcenverbrauch an Gips, Karton und Wasser. Um eine ausreichende Qualität des Ausgangsmaterials gewährleisten zu können, will re:unit zudem ein Netzwerk mit regionalen Partnern aufbauen, die die Aufgabe übernehmen, alte Gipskartonplatten aus Bestandsimmobilien zu beschaffen. Diese Partner werden von re:unit geschult und erhalten nach bestandener Prüfung eine „Erntelizenz“.

zuletzt editiert am 22. Mai 2025