Erfordert der Klimawandel bessere Konzepte zum Schutz von Menschen in Innenräumen? Eindeutig ja – meinen Tunga Salthammer (Fraunhofer WKI) und Lidia Morawska (Queensland University of Technology). In einem Fachartikel kommen die beiden zu dem Schluss, dass die Anpassung von Gebäuden an klimabedingte Risiken nicht weiter hinausgezögert werden dürfe, da Gesundheitsrisiken für Alte, Kinder und Kranke sonst deutlich steigen würden.
Nach Ansicht von Salthammer und Morawska werden Innenräume in Wohnungen, Büros, Schulen und anderen Gebäuden künftig viel stärker als heute als Schutzräume gegen extreme Wetterereignisse dienen müssen – insbesondere für vulnerable Gruppen wie ältere Menschen, Patienten und Kinder. Ohne verbesserte Schutzkonzepte erwarte die Menschen infolge der sich verändernden klimatischen Bedingungen im Außenbereich mehr Hitzestress und Feuchtigkeit auch in Gebäuden. Hinzu kämen vermehrte Luftschadstoffe – beispielsweise durch mehr Ozon am Boden oder giftigen Rauch infolge von Waldbränden.
Gemeinsamer Fachartikel
Tunga Salthammer und Lidia Morawska wissen, wovon sie sprechen. Der studierte Chemiker Salthammer vom Fraunhofer-Institut für Holzforschung (Fraunhofer WKI) gilt als weltweit anerkannter Fachmann auf dem Gebiet der Innenlufthygiene. Die polnischstämmige Physikerin Lidia Morawska hat an der australischen Queensland University of Technology das „Labor für Aerosole in der Umwelt“ gegründet und forscht dort seit Jahren zu den Auswirkungen sehr feiner Teilchen in der Luft auf die menschliche Gesundheit.
Wie beeinflusst der Klimawandel die Innenraumluft, und was folgt daraus? Ihre Erkenntnisse zu diesem Thema haben Salthammer und Morawska kürzlich in einem gemeinsamen Fachartikel mit dem Titel „The Rapid Progress of Climate Change Requires Effective Concepts for Protecting People Indoors“ zusammengefasst. Der Beitrag wurde im Februar 2026 in der Fachzeitschrift „ WIREs Climate Change “ veröffentlicht und kann auf deren Website als kostenloses PDF heruntergeladen werden.
Die Zeitschrift WIREs Climate Change wird vom amerikanischen Wiley-Verlag (John Wiley & Sons) in fachlicher Kooperation mit den britischen Wissenschaftsorganisationen „Royal Meteorological Society“ und „Royal Geographical Society“ herausgegeben.
Klimaresiliente Gebäude
Salthammer und Morawska machen in ihrem Beitrag deutlich, dass die Auswirkungen des Klimawandels erhöhte Anforderungen an die Schutzfunktion von Gebäuden notwendig machen. Künftige Gebäude müssen demnach Menschen vor den sich veränderten Naturgefahren schützen und eine gute Innenraumluftqualität sicherstellen. Dabei sollten sie ihren Energiebedarf möglichst aus nachhaltigen Quellen decken, um die Erderwärmung nicht weiter zu verschärfen.

Die Autoren beziehen sich in ihren Ausführungen auf den jüngsten Bericht des Weltklimarats. Demnach wird die globale Erderwärmung bis zum Jahr 2100 voraussichtlich mindestens 2,7 °C betragen – also weit über dem 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens liegen. Gleichzeitig soll sich die „Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation“ abschwächen. Dabei handelt es sich um das Strömungssystem im Atlantischen Ozean, das bisher für das milde Klima in Europa mitverantwortlich ist, indem es warmes Oberflächenwasser nach Norden und kaltes Tiefenwasser nach Süden transportiert.
Die voraussichtliche Erderwärmung und die Veränderungen des Strömungssystem zusammen könnten laut Salthammer und Morawska in unseren Breitengraden zu drastischeren Klima- und Wetterereignissen führen als bisher angenommen. Das wiederum hätte auch Auswirkungen auf die Innenraumluftqualität von Gebäuden, in denen Menschen leben, arbeiten und Schutz suchen.
„Trotz der Unsicherheiten in den Szenarien und Modellen ist es dennoch unerlässlich, die Gesellschaft auf die möglichen Folgen vorzubereiten“, schreiben Salthammer und Morawska in ihrem Text. Im Klartext: Damit die Lebensqualität in unserem Wohn- und Arbeitsumfeld so bleibt, wie wir es bisher gewohnt sind, müssen Gebäude möglichst bald an die zu erwartenden Szenarien des Klimawandels angepasst werden. Man könnte auch sagen: Die Welt von morgen braucht nicht nur klimaresiliente Wälder, sondern auch klimaresiliente menschliche Behausungen.
Überraschend langsame Anpassung
Salthammer und Morawska fordern insbesondere einen verbesserten Hitzeschutz und moderne Lüftungssysteme für Gebäude – außerdem eine zuverlässige Überwachung der Raumluftqualität. Technisch sei all dies bereits heute möglich, doch die praktische Umsetzung finde bisher nur „überraschend langsam“ statt. Wenn die Anpassung von Gebäuden an klimabedingte Risiken aber nicht rechtzeitig gelänge, drohten wachsende Gesundheitsrisiken vor allem für besonders gefährdete Gruppen wie ältere Menschen, Kinder und Kranke.
Die Autoren beklagen einen „Teufelskreis“. Der Klimawandel verschlechtere die Außenbedingungen – zum Beispiel durch häufigere Hitze- oder auch Kältewellen, Starkregenereignisse und Stürme. Nicht angepasste Gebäude wiederum – mit unzureichender Dämmung und Verschattung – benötigen unter diesen Umständen besonders viel Energie zum Heizen und Kühlen. Dabei kommen oft fossile Energiequellen zum Einsatz, was die Erderwärmung und den Klimawandel weiter antreibt.
Steigende Außentemperaturen würden im Sommer vielerorts auch die Raumluft auf kritische Temperaturen erwärmen und damit die Lebensqualität im Innenbereich empfindlich verschlechtern und zu mehr Hitzetoten führen. Eine heiße Raumluft nehme aber auch mehr Wasserdampf auf. Die erhöhte Raumluftfeuchtigkeit kann dann unter bestimmten Umständen die Bildung von Schimmelpilzsporen oder anderer mikrobiologischer Kontaminationen begünstigen. Mit einer besseren Dämmung und Verschattung von Gebäuden könne man die genannten Probleme weitgehend in den Griff bekommen – glauben Salthammer und Morawska. Bisher geschehe in diesem Bereich aber viel zu wenig.
Mechanische Lüftungs- und Filtersysteme
Die Forschenden weisen zudem darauf hin, dass es künftig in vielen Weltregionen immer häufiger notwendig werden könnte, die natürliche Fensterlüftung einzuschränken und stattdessen auf mechanische Lüftungssysteme mit Ventilator und gegebenenfalls auch Luftfiltertechnik zu setzen. Der Grund dafür ist die Zunahme von Luftschadstoffen, die der Klimawandel vor allem durch längere Hitzeperioden mit sich bringe.
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In manchen Regionen und zu manchen Zeiten könne es künftig unausweichlich werden, Innenräume zumindest zeitweise komplett von der Außenluft abzuschirmen, um die Bewohner vor dem Eindringen gesundheitsschädigender Substanzen von draußen zu schützen. Das kann beispielsweise bodennahes Ozon sein – entstanden durch intensive Sonneneinstrahlung – oder auch giftiges Kohlenmonoxid und Feinstaub, die durch hitzebedingte Waldbrände vermehrt in die Atmosphäre gelangen.