Mit Mörtel verlegte Fliesen sind ein robuster und langlebiger Belag. Der feste Verbund zwischen Fliese und Kleber hat aber auch Nachteile: Ein Rückbau ist in der Regel mit Lärm, Staub und jeder Menge Bauschutt verbunden. Bauchemiehersteller Ardex will das ändern. Mit der neuen Mörtel-Technologie „Circu-Tec“ sollen sich Fliesen später einfach wieder ablösen und zirkulär erneut verlegen oder recyceln lassen.
„Bislang war zirkuläres Bauen mit Fliesen in der Breite nicht möglich“, sagt Ardex-Geschäftsführer Lukas Hädicke. „Wir freuen uns darauf, das Thema mit der Circu-Tec-Technologie jetzt schnell und flächendeckend voranzubringen.“
Der Wittener Hersteller spricht von einer „Revolution in der Fliesenverlegung“, die Fliesen kreislauffähig mache – „ohne Kompromisse bei Qualität und Verarbeitung“. Mit Circu-Tec verlegte Fliesen an Wand und Boden könne man selbst Jahre später einfach wieder vom Untergrund ablösen und dann zirkulär erneut verlegen oder recyceln. Das sei nicht nur nachhaltig, sondern spare im Sanierungsfall auch viel Aufwand, Lärm und Bauschutt.
Einsatzbereiche und -grenzen
Circu-Tec eignet sich laut Hersteller für alle gängigen keramischen Fliesen aus Steingut, Steinzeug und Feinsteinzeug , wobei der Mörtel bis zu einer Zahnung von 12 mm aufgetragen werden darf. Einschränkungen gibt es beim Format: Nach Ardex-Angaben lassen sich mit Circu-Tec nämlich nur Beläge bis zu einer Größe von 0,36 m2 sicher verlegen. Das trifft etwa auf Produkte im gängigen Format 60 x 60 cm zu. Der Mörtel eignet sich also für kleine bis mittlere Fliesengrößen – nicht aber für die in den letzten Jahren so beliebten Großformate . Außerdem ist der Fliesenkleber für normal belastete Wohnbereiche konzipiert, nicht für Flächen mit größerer Feuchtebelastung.

Verarbeiten lässt sich der neue Mörtel genauso wie herkömmlicher Fliesenkleber. „Bei der Fliesenverlegung ändert sich im Grundsatz nichts“, bestätigt Sven Brändlein, stellvertretender Leiter der Ardex-Anwendungstechnik, der auch gelernter Fliesenlegermeister ist. „Circu-Tec hat dieselben hervorragenden Verarbeitungseigenschaften, wie man es von unseren anderen Mörtelprodukten gewohnt ist. Das war uns bei der Entwicklung besonders wichtig.“
Die einfache Rückbau- und Wiederverwendbarkeit hilft nicht nur Staub, Lärm und Müll, sondern auch wertvolle Arbeitszeit zu sparen. „Das ist eine absolute Win-Win-Situation für alle Beteiligten, von institutionellen und privaten Bauherren über Architekten und Planer bis hin zu den Verarbeitenden“, findet Geschäftsführer Hädicke.
Da es sich um einen ganz neuen Fliesenkleber-Typ handelt, existiert natürlich derzeit noch keine anwendbare Produktnorm. Um dennoch Rechtssicherheit für alle Beteiligten zu gewährleisten, stellt Ardex auf Anfrage eine Vorlage für eine Sonderkonstruktionsvereinbarung bereit.
Zwei Produktvarianten
„Circu-Tec spart enorm viel CO2 ein“, erläutert Dr. Patrick Pues, der bei Ardex für neue Technologien und Ökobilanzierung in der Forschung & Entwicklung verantwortlich ist. „Zum einen natürlich, weil die Fliesen wiederverwertet oder recycelt werden können, zum anderen, weil die Circu-Tec-Produkte selbst mit deutlich weniger Zement auskommen. Dadurch haben sie einen kleineren CO2-Fußabdruck.“

Das gilt insbesondere für den mit Circu-Tec ausgestatteten Trockenmörtel „Ardex C8“. Dieses Produkt enthält ein neues Bindemittel , das ohne Zement auskommt. Der Hersteller empfiehlt es für trockene, normal belastete Wohnbereiche. Nach Ardex-Angaben fällt bei der Herstellung dieses Mörtels 70 % weniger CO2 an als bisher beim niedrigsten Branchenstandard für Fliesenkleber üblich. Er ist im Übrigen auch für Fußbodenheizungen geeignet und zudem sehr emissionsarm (EMICODE: EC 1).
C8 benötigt allerdings eine saugende Seite – entweder die Fliese oder der Untergrund. Wenn stattdessen eine Verlegung von nicht-saugfähigen Fliesen auf nicht-saugfähigem Untergrund vorgesehen ist, kommt das Produktsystem C8+R zum Einsatz. Dabei handelt es sich um die zweite Variante des Circu-Tec-Mörtels, die Ardex zur Markteinführung präsentiert.
C8+R ist zudem das Mittel der Wahl für die Fliesenverlegung in normal belasteten Wohnbereichen, in denen gleichwohl ein gewisses Maß an Feuchtebelastung zu erwarten ist. Ardex empfiehlt dieses Produkt für Flächen bis zur Wassereinwirkungsklasse W1-I („mäßige Wassereinwirkung“). Für höhere Feuchtebelastungen eignet sich die Circu-Tec-Technologie bislang offenbar nicht.
Bei Ardex C8+R handelt es sich um ein zweikomponentiges Produkt. Es entsteht durch Mischung des C8-Mörtels mit der reaktiven und zementhaltigen Komponente CR im Mengenverhältnis 3:1. Da der CR-Zusatz Zement enthält, hat dieses Produkt einen höheren CO2-Fußabdruck als der reine C8-Mörtel. Gleichwohl gibt es nach Ardex-Angaben eine CO2-Einsparung von 44 % im Vergleich zum bisher niedrigsten Branchenstandard für Fliesenkleber.
Einfacher Rückbau
Das Revolutionärste an Circu-Tec ist allerdings der einfache Rückbau. Nach Ardex-Angaben lassen sich die Fliesen mit normalem Werkzeug und oft in einem Stück – also in heilem Zustand – zurückbauen. „Diese Fliesen können dann tatsächlich wieder eingesetzt werden“, erklärt Lukas Hädicke. Doch auch wenn Fliesen beim Rückbau zerstört werden, hat der neue Mörtel den Vorteil, dass sich Produktrückstände leicht von der Fliesenrückseite entfernen lassen. Aus den sortenreinen Fliesenresten kann man dann wieder neue Fliesen herstellen.
Bei kleineren Formaten reicht es für den Rückbau der ersten Fliese, die Fugen drumherum aufzuschneiden und die Fliese dann mit einem gebogenen Spachtel zu entfernen. Bei größeren Formaten kann es notwendig sein, die erste Fliese aufzuschneiden oder zu brechen. Für den weitere Rückbau empfiehlt Ardex ein mechanisches Stemmeisen, doch auch andere Werkzeuge sind möglich. Circu-Tec-Rückstände auf der Fliese lassen sich mit einem Spachtel abschaben. Ein vorheriges Anfeuchten der Rückstände erleichtert diesen Vorgang.
Der Rückbau ist laut Ardex umso leichter, je weniger saugfähig und je dicker die Fliese ist. Hilfreich ist zudem ein stabiler Untergrund. Fliesen auf weichen Untergründen wie beispielsweise Gipskartonplatten lassen sich nicht zerstörungsfrei ablösen. Gleichwohl sind auch in diesem Fall ein einfacher Rückbau und ein Recycling der abgelösten Fliesenreste möglich.
Kooperation mit Mosa
In den Benelux-Ländern hat Ardex die Circu-Tec-Produkte schon etwas früher eingeführt. Der offizielle Vermarktungsstart in Deutschland war Anfang 2026. Zu diesem Anlass hat Ardex eine Kooperation mit dem holländischen Fliesenhersteller Mosa vereinbart, dessen Fliesensortiment fast vollständig „ Cradle-to-Cradle Gold “-zertifiziert ist. Gemeinsam haben die beiden Hersteller das „ Re-Tile System “ entwickelt, bei dem Mosa unter bestimmten Bedingungen Fliesen, die mit Circu-Tec verlegt wurden, zurücknimmt und wieder dem Kreislauf zuführt. In Deutschland wird dieses Rücknahmesystem durch Concular , dem Lösungsanbieter für zirkuläre Gebäudewirtschaft, unterstützt.
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Rückbaubare und damit kreislauffähige Fliesenbeläge sind übrigens grundsätzlich kein völlig neues Thema. Bisher standen dabei aber Systeme zur trockenen Verlegung von Fliesen im Fokus. Der deutsche Fliesenproduzent Agrob Buchtal hat zum Beispiel 2018 mit „Dry-Tile“ ein System zur trockenen Verlegung von keramischen Bodenfliesen ohne Fliesenkleber auf den Markt gebracht. Weitere Infos zu diesem Produkt bietet der BaustoffWissen-Beitrag „ Keramikfliesen trocken verlegen “.
Dry-Tile ist aber wie gesagt ein Verlegesystem ohne Fliesenkleber, und Agrob Buchtal hat es zudem vor allem für Bodenflächen im Einzelhandel, in Verwaltungs- und Bürogebäuden oder auch in Warenlagern entwickelt. Kurzum: für Bodenprojekte, bei denen die Fliese aufgrund langer Trocknungszeiten oder schlechter Rückbaubarkeit bisher selten im Fokus steht.
Das Neue am rückbaubaren Ardex-System ist, dass mit Circu-Tec auch die nasse Fliesenverlegung kreislaufähig wird. Zudem steht nun auch ein zirkuläres System für normale Wohnbereiche zur Verfügung.