Gestapelt ergeben die Sechseckröhren eine Bienenstock-Optik. (Quelle: Edward Beierle)

Plus 2024-09-12T07:00:00Z Leben im Sechseck

Das 2023 fertiggestellte Wabenhaus im Münchner Stadtteil Riem ist ein für viele Beobachter sicher provokanter Wohnneubau, der radikal mit den gewohnten quaderförmigen Bauweisen bricht. Das ungewöhnliche Betonhaus soll eine neue Art des Wohnens ermöglichen – und zwar nicht nur in München. Eine serielle Fertigung ist in Planung. Energetisch erreicht der Neubau Passivhausstandard – auch aufgrund des Einsatzes von „Isokörben“ im Bereich der Balkonanschlüsse.

Für das Baufeld an der Den-Haag-Straße im Stadtteil München-Riem hatte sich die Bauherrin Wogeno München eG einen städtebaulich besonderen Beitrag vorgenommen: Es sollte ein experimenteller Wohnbau entstehen, der einen Kontrast zu den gleichförmigen Bestandsbauten des Viertels setzt. Tatsächlich bricht der Entwurf von Architekt Peter Haimerl auf ungewohnte Weise mit den standardisierten „Schachtelbau“-Gebäuden: „Wir wollten bewusst andere Wohn- und Raumkonfigurationen anbieten. Die in der Natur weit verbreitete Hexagonal-Struktur erlaubt vielfältige Kombinationsmöglichkeiten von Raumeinheiten, Clustern und räumlichen Verflechtungen“.

Wabenstruktur innen und außen

Vorgelagerte Fassaden in Wabenstruktur sind in der Architektur nichts Neues. Das Münchner Wabenhaus geht aber einen Schritt weiter: Peter Haimerl erklärt die Hexagonal-Struktur zum Bauprinzip auch für die Innenräume. Das Gebäude besteht aus durchgesteckten Sechseckröhren, die zu einem großen Cluster gestapelt eine Art Bienenstock ergeben.

Die Hexagonal-Struktur setzt sich auch im Inneren der Wohnungen fort. (Quelle: Edward Beierle)

Die Wabe als Symbol für gemeinschaftliches Wohnen biete sich an, um Wohnlandschaften zu beleben und miteinander zu verweben – findet der Architekt: „Die Zeiten haben sich geändert und mit ihr unsere Art zu wohnen. Es geht nicht mehr darum, Bücherschränke aufzustellen, sondern optimale atmosphärische Wohnräume zu schaffen.“

Die Flächennutzung im Wabenhaus ist innovativ und fließend: Jeder Raum ragt in einen anderen hinein, Wände verschwinden oder werden zu Verbindungstreppen und Raumtaschen. Senkrechte Wände oder ein klassisches Treppenhaus gibt es nicht.

Standardmäßig bildet eine Wabe eine Wohnung. Es gibt aber auch größere Wohnungen, die über zwei Geschosse reichen und aus mehreren Waben bestehen. In diesen werden kleinere Wohneinheiten und eine Groß-WG realisiert. Im Erdgeschoss ist ein Quartiersladen für die Hausgemeinschaft und das Stadtviertel geplant, den die Bewohner betreiben und nutzen.

Split-Level-Bauweise

„Durch die Sechseckform ergibt sich eine Split-Level-Bauweise mit mehreren, auf halber Etagenhöhe zueinander versetzten Ebenen“, erläutert Projektleiter und Geschäftsführer Thomas Beck vom verantwortlichen Planungsbüro a.k.a. ingenieure Beck Hintermann v. Kameke Part GmbB aus München. „Die Trennung der versetzten Halbgeschosse erfolgt dabei – sechseckbedingt – über schräge und nicht über senkrechte Wände.“

Die Betonbalkone wurden mit Isokörben angeschlossen. (Quelle: Edward Beierle)

Die Waben bestehen aus horizontalen Ortbetondecken und schrägen Beton -Halbfertigteilen. Der Vielfalt und Variabilität sind dabei fast keine Grenzen gesetzt. Die Umsetzung des Wabenhauses erfolgte in konventioneller Massivbauweise. Eine spezielle Konstruktion erforderte lediglich der Anschluss der Balkone, über die jede Wabe nach West und Ost verfügt.

Den zuverlässigen Anschluss der Fertigteilbalkone an die Waben sichert das tragende Wärmedämmelement Schöck Isokorb . Darüber hinaus trennt es die Bauteile thermisch, sodass Wärmebrücken auf ein Minimum reduziert werden.

Verankerung der Balkone

Die Fertigteilbalkone sind 3 m breit und 1,5 m tief. „Um sie an den Waben zu verankern, mussten wir sie mit so genannten Schenkeln ausführen“, erklärt Thomas Beck. Diese Schenkel streben rechts- und linksseitig nach unten, in einer Tiefe von 1,50 Meter und einer Länge von 2,70 Meter.

Zum Einsatz kamen die Isokorb-Varianten XT Typ H (links) und XT Typ Q-P (rechts). (Quelle: Schöck Bauteile GmbH)

Dadurch reduzierte sich jedoch die übliche Anschlusslänge an die Fassade, und das Gesamtgewicht des Balkons erhöhte sich – mit weitreichenden Folgen für den Balkonanschluss, wie Thomas Beck berichtet: „Zur Übertragung der Kräfte reichte der klassische Isokorb, den wir ansonsten bei unseren Projekten immer einsetzen, daher nicht aus.“

Verschiedene Überlegungen, die Balkone stattdessen beispielsweise in Stahl auszuführen, wurden aus wirtschaftlichen wie auch aus ästhetischen Gründen verworfen. Die individuelle Lösung fanden die Tragwerksplaner schließlich im tragenden Wärmedämmelement Isokorb XT Typ Q-P in Kombination mit dem Isokorb XT Typ H. Rund 200 Stück Isokorb wurden insgesamt zum Anschluss der 22 Balkone und Vordächer eingesetzt.

Die Komi-Lösung beim Wabenhaus funktionier konkret so: Der Typ Q-P nimmt positive Querkräfte bei punktueller Auflagerung auf, Typ H dagegen ist für Horizontalkräfte parallel und senkrecht zur Dämmebene zuständig. Typ H darf nur in Verbindung mit anderen Isokorb-Typen, die auch Querkräfte übertragen, eingesetzt werden.

Dämmung im Passivhausstandard

Neben dem statisch sicheren Anschluss der Balkone sorgt der Schöck Isokorb im Wabenhaus als tragendes Wärmedämmelement zusammen mit der konventionellen Dämmung für eine sehr hohe Energieeffizienz des Neubaus. Trotz Beton als Baustoff wird der Passivhausstandard erreicht.

Auch wenn sich das Wabenhaus in der Den-Haag-Straße bereits durch seine ausgefalle Architektur hervorhebt – die konventionelle Massivbauweise war von Anfang an „nur“ als Pilotprojekt geplant und trägt deshalb den Namen „Mama“. Eine serielle Fertigung ist in Planung. Wer also „raus aus der Schachtel und rein in die Wabe“ möchte, kann dies künftig voraussichtlich auch außerhalb Münchens tun. Die Wohnungen im Pilothaus sind übrigens bereits alle reserviert.

zuletzt editiert am 06. September 2024
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