Die Platte besteht aus passiv getrocknetem Baulehm und Chinaschilf. (Quelle: Claytec)

Forschung 2023-04-20T07:30:14Z Lehmplatten aus dem Gewächshaus

Der Lehmbauspezialist Claytec hat ein energiesparendes Produktionsverfahren entwickelt, bei dem Platten aus einer speziellen Pflanzen-Lehm-Mischung im Gewächshaus durch Sonnenkraft trocknen. Einsetzbar sind die Produkte wie Gipskartonwände. Die Verfahrensentwicklung wurde durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt mit rund 82.000 Euro gefördert.

Die neue Lehmplatte ist nicht zuletzt auch deshalb ein sehr nachhaltiges Produkt, weil der Hersteller Claytec aus dem nordrhein-westfälischen Viersen alle Rohstoffe aus der unmittelbaren Umgebung beziehen kann. Im benachbarten Rhein-Kreis Neuss fand man nicht nur eine Kiesgrube, bei deren Betrieb Baulehm als Nebenprodukt anfällt, sondern – nur 200 Meter entfernt – auch eine Anbaufläche für Chinaschilf, das sich bestens als Pflanzenzugabe eignet. Mehr noch: Im dortigen Örtchen Steinforth-Rubbelrath gibt es auch ein zuletzt brachliegendes Gewächshaus, in dem früher Blumenzwiebeln getrocknet wurden, das nun für die Plattentrocknung verwendet wird.

Kurze Wege und passive Solartrocknung

Die Trocknung soll in diesem alten Gewächshaus stattfinden. (Quelle: Claytec)

Um herauszufinden, welche Zusammensetzung sich am besten zur Herstellung einer vergleichsweise leichten, aber stabilen Lehmplatte für den Innenausbau eignet, hat der auf Lehmbau spezialisierte Entwickler und Claytec-Geschäftsführer Peter Breidenbach unterschiedliche Pflanzen-Lehm-Gemische ausprobiert. „Die besten Testergebnisse im Vergleich zu Stroh, Hanf und Bambus lieferten gehäckselte Miscanthus-Fasern, zu Deutsch: Chinaschilf“, fasst er die erste Phase des Entwicklungsprojekts zusammen.

„Der Bausektor ist ein besonders energie- und ressourcenintensiver Wirtschaftszweig“, weiß Breidenbach, der deshalb nach nachhaltigeren Prozessen sucht. Das kann nur gelingen, wenn es neben der Baustoff-Herstellung auch die Rohstoff-Gewinnung, den Transport der Materialien und die Entsorgung umfasst. Breidenbach: „Mit unserem regionalen Ansatz der kurzen Wege mindern wir den Energieeinsatz ebenso wie den Treibhausgasausstoß, wodurch das Verfahren klimafreundlicher ist als andere.“

Die Pflanzenfasern in der Lehmplatte haben nach Angaben des Claytec-Geschäftsführers sogar einen positiven Effekt, da sie klimaschädliches Kohlendioxid aus der Atmosphäre in Form von Kohlenstoff binden. Vor allem wird die Treibhausgasbilanz des Verfahrens aber durch die passive Trocknung im Gewächshaus positiv beeinflusst. „Es wird nur sehr wenig Energie benötigt und die stammt aus regenerativer Erzeugung“, betont Breidenbach. „Wenn die Sonne im Frühjahr scheint, können wir starten.“

Einfach aber effizient

Die leichten, aber stabilen Innenausbau-Platten lassen sich wie Gipskartonwände einsetzen. (Quelle: Claytec)

Im Gewächshaus wird die Lehm-Pflanzen-Mischung auf perforierte Formbleche aufgetragen und mechanisch geglättet. „In einem 13 m langen und mit schwarzer Folie abgedeckten Tunnel trocknen gestapelte Formbleche mit Lehmplatten“, sagt Breidenbach. Programmierte Roboter sind nach seinen Worten erforderlich, um die 40 kg schweren Formbleche zu bewegen. Und Industrieventilatoren sorgen für die Umluft. Doch trocken werden die Platten vor allem durch die Gratisleistung der Sonne, die das Gewächshaus aufheizt, so Breidenbach.

Übliche Verfahren zur Baustoffherstellung sind häufig auf Gasversorgung angewiesen, „müssen jetzt aber wegen der Energiekrise energetisch effizienter werden“, sagt Sabine Djahanschah, Leiterin des Referats Architektur und Bauwesen der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die das Projekt mit rund 82.000 Euro gefördert hat. Die Pflanzen-Lehm-Mischung als Baustoff könnte nach ihren Worten Aufwind bekommen, denn sie habe ein deutliches Treibhausentlastungspotenzial durch den hohen Pflanzenanteil und die Kreislaufführung. „Die Platten können wiederverwendet oder der Lehm zum Beispiel als Lehmmörtel wiederverwertet werden – ohne Rohstoffverlust“, ergänzt Peter Breidenbach.

Anwendungstests haben nach Claytec-Angaben zudem die Praxistauglichkeit der neuen Platten belegt. Sie seien wie Gipskartonplatten einsetzbar, was sie auch wirtschaftlich interessant mache. „Das neue Verfahren klingt einfach, beinhaltet aber sehr viel innovative und effizienzsteigernde Entwicklungsleistung“, sagt abschließend Sabine Djahanschah.

zuletzt editiert am 17. Mai 2024