Die Universität Hohenheim hat Ende Juli einen „Raum der Stille“ eingeweiht. Er soll als Ort der Erholung im hektischen Universitätsalltag dienen und steht allen Universitätsangehörigen zur Verfügung. Die Wohlfühl-Atmosphäre wird nicht zuletzt von den verwendeten Baustoffen geprägt. Die Wände bestehen aus Hanfkalk.
Steckdosen und WLAN sucht man in diesem Raum vergebens. Die Einrichtung ist schlicht, das Tageslicht gedämpft. Wer eintritt, hält unweigerlich einen Moment inne: Was für ein Kontrast zum lebhaften Treiben vor der Mensa, zu den Vorlesungen im benachbarten Audimax oder zum Online-Meeting, das eben noch im Büro stattfand.
Ab dem kommenden Wintersemester steht der Raum der Stille allen Universitätsangehörigen offen. Organisatorisch und auch räumlich ist er dem Büro für Gleichstellung und Diversität in der Emil-Wolff-Straße 30 zugeordnet.
Lang gehegtes Herzensprojekt
Feierlich eingeweiht wurde der Raum am 25. Juli. Über das Gesicht von Prof. Dr. Ute Mackenstedt (Foto: 3.v.r) huschte an diesem Tag immer wieder ein Lächeln. Die Gleichstellungsbeauftragte der Universität Hohenheim und ihre Mitarbeiterinnen im Büro für Gleichstellung und Diversität haben sich über zehn Jahre für das Projekt stark gemacht. Dass die Umsetzung nun geklappt hat, ist nicht zuletzt ihrem unermüdlichen Einsatz und der engen Zusammenarbeit mit der Hochschule für Technik Stuttgart (HFT Stuttgart) zu verdanken.

Die architektonische Gestaltung und bauliche Umsetzung erfolgte in enger Zusammenarbeit mit Studierenden der HFT Stuttgart. Das Ergebnis überzeugt: „Studierende und Beschäftigte der Universität Hohenheim werden sich hier wohlfühlen und die Ruhe finden, die wir im hektischen Universitätsalltag oft vermissen“, ist sich Prof. Dr. Mackenstedt sicher. Der Ort überzeugt durch ein angenehmes Raumklima sowie eine gute Schall- und Wärmedämmung. Die spürbare Wohlfühl-Atmosphäre ist kein Zufall. Es liegt an der besonderen Bauweise mit Nutzhanf: 100 % schadstofffrei, 100 % recyclingfähig.
Genauer gesagt bestehen die Wände aus Hanfkalk – eine Mischung aus Hanfschäben, Kalk und Wasser. Das Gemisch wurde auf der Baustelle schichtweise in eine Schalung gefüllt und mechanisch verdichtet. Der Baustoff ist wärmedämmend, kreislauffähig, schwer entflammbar, schimmelresistent, unattraktiv für Schädlinge und schadstofffrei – ideal für wohngesunde und langlebige Innenräume. Neben den optischen Reizen des Materials führt die offenporige Oberfläche zu einer Verbesserung der Raumakustik.
Abgerundet wird das Raumerlebnis durch Sitzbänke aus Eiche und eine selbst gestaltete Leuchte. Vom Entwurf, über die Planung bis zur Umsetzung waren Studierende des Studiengangs Innenarchitektur der HFT Stuttgart beteiligt. Geleitet wurde das Projekt von Prof. Jens Betha, den Sabine Wiesend während ihrer Zeit als Lehrbeauftragte an der HFT Stuttgart unterstützt hat. Finanzielle Unterstützung gab es von der Universitätsstiftung Hohenheim und vom Universitätsbund, ergänzt durch zentrale Mittel der Universität sowie des Büros für Gleichstellung und Diversität.
Ein Raum für alle
Die Campus-Gemeinschaft der Universität Hohenheim ist geprägt von Studierenden und Beschäftigten aus aller Welt – mit unterschiedlichen Kulturen, Religionen, sozialen Hintergründen und Fähigkeiten. Digital Natives der Generation Z treffen auf erfahrene Professorinnen und Professoren, die ihre Forschung selbst über den Ruhestand hinaus fortsetzen. Auch in ihrer familiären und gesundheitlichen Situation, ihrer geschlechtlichen Identität oder darin, wen sie lieben, unterscheiden sich die Universitätsangehörigen.
„Diese Vielfalt ist eine Bereicherung – bringt aber auch unterschiedliche Bedürfnisse mit sich“, betont Prof. Dr. Mackenstedt. „Der neue Raum der Stille soll dazu beitragen, diesen besser gerecht zu werden. Als neutraler Ort ist er bewusst keiner Religion oder Weltanschauung zugeordnet. Alle Universitätsangehörigen sollen sich hier willkommen fühlen – sei es zur Entspannung und Erholung, zur Meditation oder zum stillen Gebet.“
Der Raum der Stille ist der erste Raum auf dem Campus, der mit Hanfwänden veredelt wurde. Eingeweiht wurde er passenderweise im Rahmen des Hanf- und Saflor-Feldtags der Landessaatzuchtanstalt – eine Universitäts-Einrichtung für Forschung und Entwicklung im Bereich der Pflanzenzüchtung. An diesem Tag gaben Forschende der Universität Hohenheim und ihre Partner Einblicke in aktuelle Praxisprojekte, die das enorme Zukunftspotenzial der traditionsreichen Kulturpflanze Hanf verdeutlichen.
Nutzhanf – der vergessene Tausendsassa
Ob als Superfood, Speiseöl, Heilpflanze, Faserlieferant oder nachhaltiger Baustoff: Hanf erlebt in den letzten Jahren eine Renaissance. Über Jahrhunderte hinweg wurde die vielseitige Kulturpflanze in Europa angebaut. Doch im 20. Jahrhundert ging ihre Nutzung aus wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gründen stark zurück – und damit auch die Verfügbarkeit von Saatgut und das praktische Anbauwissen.
Tatsächlich ist Nutzhanf anspruchsvoll: Die Pflanzen werden bis zu 5 m hoch, entziehen dem Boden viele Nährstoffe und können nur mit Spezialmaschinen geerntet werden. Auch die Züchtung ist komplex, denn je nach Einsatzbereich sind unterschiedliche Eigenschaften gefragt: etwa ein hoher Ölgehalt, viel Biomasse oder feine Fasern.
„Spezialisierte Zuchtprogramme sind jedoch aufwändig und kostenintensiv – und damit ein Risiko für privatwirtschaftliche Unternehmen“, erläutert Dr. Patrick Thorwarth, Leiter der Landessaatzuchtanstalt an der Universität Hohenheim. „Die Landessaatzuchtanstalt übernimmt hier eine wichtige Rolle: Denn wir verfügen über das nötige wissenschaftliche Know-how, umfassende Kenntnisse entlang der gesamten Wertschöpfungskette und über alle behördlichen Genehmigungen für den Zuchtprozess.“
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