Eine vorgefertigte Fassadenwand in Modulbauweise wird auf einer Baustelle montiert.
Beim seriellen Sanieren werden ganze Gebäudebauteile vorgefertigt. (Quelle: Roland Grimm)

Plus 2024-12-11T08:00:00Z Studie zum seriellen Sanieren

Mit dem verschärften Klimaschutzgesetz von 2021 hat sich Deutschland verpflichtet, seinen Gebäudebestand schon bis zum Jahr 2045 treibhausgasneutral zu machen. Nach Angaben von Munich Strategy und eco2nomy müsste dafür bis zum Zieljahr auch ein Großteil der deutschen Mehrfamilienhäuser energetisch saniert werden. In einer gemeinsamen Studie empfehlen die Beratungshäuser dafür das Instrument der seriellen Sanierung. Damit seien bis zu 20 % der Kosten einsparbar.

Die im Oktober veröffentlichte Kurzstudie „Serielles Sanieren – Kostensenkungen, Effizienzgewinne und neue Branchenstrukturen durch industrielle Vorfertigung in der Sanierung“ betont, dass serielles Sanieren eine zentrale Rolle spielen muss, um das Ziel der Klimaneutralität im Gebäudesektor zu erreichen. „Ohne industrielle Vorfertigung und optimierte Bauprozesse werden wir die notwendige Sanierungsrate nicht bewältigen können“, so Dr. Martin Handschuh, Branchenexperte bei eco2nomy . Das Stuttgarter Unternehmen berät Wohnungs- und Immobilienunternehmen sowie Kommunen bei der wirtschaftlichen Umsetzung der Dekarbonisierung großer Gebäudebestände.

Sanierungsrate von 3 % notwendig

Laut den Berechnungen der Studie müssen bis 2045 in über 70 % der Mehrfamilienhäuser Heizungsanlagen oder Fernwärmeanschlüsse erneuert werden. Zudem fallen bei mehr als 60 % der Gebäude Dämmmaßnahmen und der Austausch von Bauteilen der Gebäudehülle an. Dies erfordert laut Studie eine Sanierungsrate von 3 % jährlich. Aktuell ist Deutschland davon weit entfernt. 2023 wurde hierzulande nicht einmal eines von hundert Gebäuden saniert. Die Quote energetischer Sanierungen lag nur bei kümmerlichen 0,7 %.

Grafik des spezifischen Energieverbrauchs von Gebäuden über die Jahre mit hervorgehobenem Bereich für serielle Sanierung.
Der „Sweet Spot“ für serielles Sanieren liegt auf unsanierten Gebäuden aus den 1950er- bis 1970er Jahren – mit mehreren Etagen und einfachen Fassaden. (Quelle: eco2nomy)

Gleichwohl hält die Studie daran fest, dass Treibhausgasneutralität bei Mehrfamilienhäusern bis 2045 nach wie vor möglich ist. Die erforderliche Sanierungsrate von jährlich 3 % sei ein realistisches Szenario, wenn die Bau- und Immobilienbranche konsequenter auf serielle Sanierungen setzen würde. „Die serielle Sanierung ermöglicht es, effizienter und kostengünstiger zu sanieren, was angesichts des Fachkräftemangels und der niedrigen Produktivität in der Bauwirtschaft unerlässlich ist“, betont Dr. Martin Handschuh von eco2nomy.

Nach den Berechnungen der Studie lassen sich durch serielle Vorfertigung von Sanierungs-Bauteilen im Vergleich zu konventionellen Sanierungsprozessen bis zu 20 % der Kosten einsparen. „Durch die Vorfertigung wird der Baustellenaufwand erheblich reduziert und die Produktivität durch industrielle Skaleneffekte gesteigert, ohne dass mehr Handwerker benötigt werden“, erklärt Dr. Constantin Greiner, Bauexperte von Munich Strategy . Das Münchner Unternehmen hat sich auf Managementberatung für mittelständische Unternehmen aus den Branchen Bau, Maschinenbau und Nahrung/Verpackung spezialisiert.

Hohes Potenzial

Eine weitere Aussage der Untersuchung ist, dass in Deutschland jährlich Gebäude mit bis zu 120.000 Wohneinheiten seriell saniert werden könnten. Der Fokus liege dabei auf unsanierten Mehrfamilienhäusern aus den 1950er- bis 1970er-Jahren, die sich aufgrund ihrer Bauweise besonders gut für die serielle Sanierung eignen.

Kriterien für die Tauglichkeit zur seriellen Sanierung seien beispielsweise eine Wohnfläche von über 1.000 m2, eine Geschossanzahl von zwei bis acht Etagen, einfache Kubaturen und Fassadenstrukturen, eine leichte Anfahrbarkeit des Grundstücks sowie das Fehlen von Denkmalschutz- oder Ensembleschutz-Regeln. Rund 20 % der Gebäude im Mehrgeschosswohnbau erfüllen laut Studie diese Kriterien, was einem Potenzial von 10.000 bis 15.000 Mehrfamilienhäusern beziehungsweise 80.000 bis 120.000 Wohneinheiten pro Jahr entspräche.

Umsetzung optimieren

Die Studie weist ferner darauf hin, dass bei vielen Pilotprojekten zur seriellen Sanierung die Erwartungen der Auftraggeber bislang nur teilweise erfüllt würden. „Derzeitige Angebote für serielles Sanieren erfüllen noch nicht die Anforderungen der Kunden“ – heißt es in der Studie. „Es gibt Optimierungspotenzial sowohl in Bezug auf die Ausgestaltung der Angebote und die Preise als auch in Bezug auf die Interaktion mit Kunden“, erläutert Dr. Martin Handschuh. „Wichtig ist es, Kundentransparenz zu bieten, für gute und wohlüberlegte Entscheidungen.“

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Eine bessere Koordination zwischen Immobilienunternehmen, Herstellern und Sanierungsspezialisten ist laut Studie entscheidend, um das volle Potenzial der seriellen Sanierung auszuschöpfen. Dr. Constantin Greiner von Munich Strategy: „Nur wenn alle Beteiligten in einem integrierten Prozess zusammenarbeiten, können wir die Effizienzgewinne realisieren.“

Voraussetzung für die angestrebte Effizienzsteigerung bei der Gebäudesanierung sei ein Ökosystem von Anbietern, die in einem integrierten Prozess arbeiten. Das ermögliche schnittstellenreduziertes Arbeiten, klare Verantwortlichkeiten und Lerneffekte, die zur weiteren Optimierung des Sanierungsprozesses führen.

zuletzt editiert am 26. November 2024