Vorgefertigtes Fassadenmodul für die serielle Sanierung eines Wohnblocks in Bochum.  (Quelle: Roland Grimm)

Plus 2023-12-06T10:44:31.188Z Studie zur Modulbauweise

Der Markt für serielles Bauen mit vorgefertigten Bauteilen oder Raumzellen wird in den nächsten Jahren stark wachsen. Das ist eine zentrale Botschaft der Kurzstudie „ Modulbau – das Bauen von morgen “, die die Münchner Unternehmensberatung S&B Strategy im Juli veröffentlicht hat. Ihr Untertitel lautet: „Wie serielles Bauen die Bauindustrie transformiert“.

Deutschland braucht dringend mehr Wohnungsneubau, zugleich ist ein Großteil des Gebäudebestands schlecht gedämmt und müsste eigentlich so schnell wie möglich energetisch saniert werden. Es gibt also viel zu tun für die Baubranche, doch Fachkräftemangel und inflationsbedingte Preissteigerungen bremsen die notwendigen Aktivitäten derzeit aus.

Laut S&B Strategy muss die gesamte Bauindustrie ihre Produktivität massiv steigern, um den gestiegenen Herausforderungen gerecht werden zu können und den Gebäudebestand in die politisch gewünschte CO2-Neutralität zu überführen. Die konventionelle Bauweise stoße unter anderem aufgrund des steigenden Fachkräftemangels und der lahmenden Digitalisierung an ihre Grenzen.

Wertschöpfung im Werk

Je nach Grad der Vorfertigung unterscheidet die Studie verschiedene Varianten des seriellen Bauens.  (Quelle: Studie / S&B Strategy)

In ihrer neuen Studie „Modulbau – Das Bauen von morgen“ setzen die Unternehmensberater ihre Hoffnungen auf einen deutlichen Aufschwung des seriellen und modularen Bauens. Dieses Marktsegment verzeichne bereits starkes Wachstum – wenn auch bislang von einem geringen Basisniveau aus. Haupttreiber für die neuen Bauweisen sind laut Studie steigende Baukosten bei konventioneller Bauweise und Verzögerungen durch den Fachkräftemangel, aber auch staatliche Förderprogramme.

Bei der seriellen Bauweise wird die Wertschöpfung von der Baustelle in die Werksproduktion vorverlagert. Das spart Zeit, führt zu weniger Fehlern und verringert unterm Strich den Arbeitskräftebedarf. Die stärker standardisierten Arbeitsabläufe sorgen zudem für eine effizientere Zusammenarbeit der verschiedenen Gewerke. Dies gibt mehr Planungssicherheit und verringert das Risiko für Bauverzögerungen – zumindest in der Theorie.

Bei einer konsequenten Umsetzung des serielles Bauens hält S&B Strategy Produktivitätssteigerungen von bis zu 75 % für möglich. Die konventionelle Bauweise stehe dagegen für eine hohe Komplexität und einen hohen Arbeitsaufwand auf der Baustelle und sei daher weniger produktiv.

Unter modularem Bauen verstehen die Autoren eine Vielzahl an Bauweisen. Das Spektrum reicht vom nur kurzfristig genutzten Container über temporäre Gebäude mit Standzeiten bis zu 60 Monaten bis hin zu dauerhaften Hausbauten, die aus vorgefertigten Einzelmodulen zusammengesetzt sind. Die Modulbauweise steht für ein Plus an Produktivität und ist laut Studie geeignet, um die Kluft zwischen steigender Nachfrage nach Bauleistungen und Fachkräftemangel überwinden zu helfen.

Angesichts der ungebrochen hohen Nachfrage und fehlendem Fachpersonal prognostiziert S&B Strategy bis 2030 ein starkes Wachstum serieller Bauweisen in Deutschland. „Unternehmen, die sich bereits heute auf die serielle Bauweise fokussieren, sind in der Regel profitabler als der Gesamtmarkt und verzeichnen gleichzeitig ein überproportionales Umsatzwachstum“, sagt Florian Moll, Senior Manager bei S&B Strategy.

Serielles und modulares Bauen

Auch der Systembau gehört laut Studie zum seriellen Bauen. (Quelle: Studie / S&B Strategy)

Über serielles Bauen und die Modulbauweise haben wir auf BaustoffWissen bereits mehrfach berichtet. Die Begriffe überschneiden sich inhaltlich und werden in der Praxis oft synonym verwendet oder zumindest nicht trennscharf voneinander unterschieden. Wir wollen an dieser Stelle daher noch einmal festhalten, dass serielles und modulares Bauen streng genommen nicht dasselbe sind.

Der Begriff des seriellen Bauens steht ganz allgemein für die Errichtung standardisierter Gebäude oder Gebäudebauteile, die – nachdem sie einmal geplant wurden und eine Typengenehmigung erhalten haben – sich an verschiedenen Orten „in Serie“ bauen lassen.

Einigt man sich auf diese Begriffsdefinition, dann bedeutet das zugleich, dass seriell errichtete Gebäude nicht zwangsläufig aus großformatigen Bauteilen bestehen müssen, die im Herstellerwerk vorgefertigt und auf der Baustelle nur noch montiert werden. In der Praxis ist dies aber meist der Fall. Die serielle Bauweise wird zur Modulbauweise, wenn es sich bei den vorgefertigten Bauteilen nicht um flächige Wand- oder Deckenbauteile, sondern um dreidimensionale Raumzellen handelt, die auf die Baustelle geliefert und dort nach dem Baukastenprinzip zusammenfügt werden.

In der Studie von S&B Strategy wird das modulare Bauen als eine Variante des seriellen Bauens eingeordnet. Weitere Varianten sind der Fertigteilbau – also die Vorfertigung von Gebäudebauteilen wie zum Beispiel Wänden und Decken – sowie der so genannte Systembau. Die unterschiedlichen Varianten unterscheiden sich im jeweiligen Grad der Vorfertigung (siehe Grafik).

Unter Systembau versteht die Studie den vorab konfektionierten Einbau zusammenhängender Gebäudekomponenten, insbesondere im Bereich der technischen Gebäudeausrüstung. Beispiele dafür sind vorgefertigte Schaltschränke, Sanitärwände, Dachmodule mit integrierter Photovoltaik, Fertigbäder oder auch Fertig-Heizungsräume.

Gewaltige Veränderungen

Die knapp 40-seitige Studie kann man im Internet kostenlos downloaden.

Wenn Produktivitätssteigerungen von bis zu 75 % pro Projekt winken, warum geht dann nicht schon längst ein viel stärkerer Ruck in Richtung Vorfertigung durch die Baubranche? Warum sind serielles und modulares Bauen hierzulande nicht schon längst Standard? Vermutlich, weil die notwendigen Umstellungen so gewaltig sind.

Nach Angaben von S&B Strategy wird serielles Bauen die Anforderungsprofile für sämtliche Beteiligte entlang der Wertschöpfungskette Bau deutlich verändern. Alle müssen umdenken, um ihre Produktivität zu steigern. Wichtig sei nicht nur ein allgemeines Verständnis der Möglichkeiten seriellen Bauens, sondern auch einheitliche Standards entlang der Wertschöpfungskette und enge Zusammenarbeit aller Beteiligten bei der Umsetzung.

Bei einem hohen Grad an Vorkonfektionierung ab Werk müssten zum Beispiel Hersteller und Zulieferer viel stärker in die Bauausführung eingebunden werden als bisher. Das setzt nicht zuletzt eine stärkere Digitalisierung und Vernetzung der Baubranche voraus – Stichwort BIM. Planungskomplexität und -kompetenz (inklusive Systemsupport) werden deutlich zunehmen müssen, damit die Ausführenden auf der Baustelle genau wissen, welche Produkte sie wann verbauen müssen.

Die nur langsam fortschreitende Digitalisierung im Bauwesen nennen die Studienautoren als einen wesentlichen Grund dafür, dass das Baugewerbe schon seit Längerem hinter der Produktivitätsentwicklung anderer Branchen zurückgefallen ist. Als einen weiteren Grund dafür nennen sie „die fragmentierte Wertschöpfungskette der Bauindustrie, welche von vielen Einflussnehmern geprägt ist und folglich keine zentrale, dominante Kraft aufweist, um Produktivitätssteigerungen zu treiben“.

Das Potenzial seriellen Bauens für Produktivitätssteigerungen ist nach Angaben von S&B Strategy immens. Um es allerdings voll auszuschöpfen, müsse die gesamte Bauindustrie enger zusammenrücken und künftig Hand in Hand arbeiten. „Der größte Vorteil der seriellen Bauweise liegt in der verkürzten Bauzeit“, sagt Studienautor Christoph Blepp. „Im modularen Bau sind Zeitersparnisse von bis zu 30 % möglich, und im Systembau kann sogar eine bis zu viermal schnellere Installation erreicht werden.“

zuletzt editiert am 27. Februar 2024