Digitalisierung und Künstliche Intelligenz erobern nun auch die Welt der Entwässerungstechnik. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man auf die jüngsten Messeauftritte von Branchenunternehmen wie Birco und Hauraton schaut. Vor allem beim Sammeln und Weiterverwenden von Niederschlagswasser wird zunehmend das Ziel eines ganzheitlichen Regenwassermanagements beschworen, das auch digitale Steuerungs- und Überwachungsmechanismen umfasst.
Systeme zur Versickerung und/oder Zurückhaltung von Regenwasser ( Rigolen , Regenwasserspeicher ) werden bisher in der Regel nicht kontinuierlich überwacht. Schon gar nicht digital fernüberwacht. Zwar gibt es durchaus Anbieter am Markt, die derartige Funktionen schon seit Längerem anbieten, aber allgemeiner Stand der Technik war es bislang jedenfalls nicht.
Digitalisierungspläne kurz vor Umsetzung
Dabei hätte es durchaus Vorteile, wenn Informationen über betriebsrelevante Faktoren wie die Abflussleistung und der Füllstand, eine mögliche Verstopfung der Filtertechnik oder ein kritisch hoher Schlammstand jederzeit in Echtzeit vorlägen und mögliche Probleme nicht erst auffallen, wenn das Entwässerungssystem bereits überläuft.

Tatsächlich scheint das Thema mittlerweile in der Branche angekommen zu sein. Gründe dafür dürften die zunehmende Bedeutung von Entwässerungstechnik in Zeiten vermehrter Starkregenereignisse im Allgemeinen, der Trend zur dezentralen Versickerung im Besonderen (Stichwort: gesplittete Abwassergebühr ) und natürlich der technische Fortschritt bei Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz sein.
Jedenfalls war das Thema digitales Regenwassermanagement auf der diesjährigen IFAT in München – der Weltleitmessse der Wasser-, Abwasser-, Abfall- und Rohstoffwirtschaft – durchaus ein Trendthema. So versprach der Entwässerungsrinnen-Hersteller Hauraton „Neue Wege im ganzheitlichen Regenwassermanagement“ und kündigte in diesem Zusammenhang auf der Messe im Mai den Start einer Technologie-Partnerschaft mit dem Digitalisierungsspezialisten Awatree an.
Auch Birco präsentierte auf der IFAT ein intelligentes System zur digitalen und ganzheitlichen Steuerung der kostbaren Ressource Regenwasser. Der Rinnenhersteller hat sogar schon einen Namen dafür: Rainmesh – was so viel wie „Regen-Netz“ bedeutet. Auf der Münchner Messe gewährte Birco einen ersten Einblick in Technik und Funktionalität dieser KI-basierten Innovation.
Birco präsentiert „Rainmesh“
Hinter Rainmesh steht nach Angaben von Birco ein vernetztes System von Hard- und Software, das die Verwendung von Regenwasser intelligent steuert. Das von Dach- und Verkehrsflächen aufgefangene Regenwasser wird aufgefangen und in Zisternen gespeichert. Soweit alles wie gehabt. Neu ist, dass die an die Regenwasserspeicher angeschlossenen Verbraucher – zum Beispiel Rasenflächen oder Gemüse- oder Blumenbeete – mit Feuchtesensoren ausgestattet sind, die den Wasserbedarf aktuell in Echtzeit ermitteln.
Das KI-gesteuerte Rainmesh-System hat nun die Aufgabe, das gespeicherte Regenwasser zum richtigen Zeitpunkt genau dorthin zu leiten, wo es am meisten gebraucht wird. Für diese Aufgabe der Priorisierung wird es auch mit aktuellen Wetterdaten und Regenprognosen versorgt. Laut Birco vernetzt Rainmesh all diese Informationen in einem lernenden System, dass die angeschlossenen Wasserverbraucher je nach Bedarf und Verfügbarkeit so gut wie möglich zu versorgen versucht.
Gerade in Zeiten zunehmender Wetterextreme – Starkregenereignisse auf der einen, längere Hitzeperioden auf der anderen Seite – könne das System laut Birco einen Beitrag dazu leisten, die gravierenden Unterschiede zwischen den Extremen auszugleichen. Ein Prototyp des Systems mit zwei vernetzten Regenwasserspeichern (Zisternen) wurde bereits auf dem Firmengelände in Baden-Baden realisiert. Aktuell laufen letzte Tests, und schon bis Ende dieses Jahres soll Rainmesh nach Herstellerangaben die Marktreife erreichen.
Das System lässt sich flexibel an unterschiedliche Aufgabenstellungen anpassen. Die Technik ist sowohl im privaten Haushalt mit nur einer Zisterne einsetzbar als auch bei größeren Projekten mit zahlreichen, miteinander verbundenen Regenwasserspeichern. Mögliche Einsatzgebiete seien beispielsweise komplette Wohnquartiere sowie Sport- und Freizeitanlagen, aber auch die Landwirtschaft. Das System lässt sich über das Smartphone überwachen und steuern. Derzeit ist es nur IOS-kompatibel, eine Android-Entwicklung ist aber in Planung.
Hauraton und Awatree kooperieren
Auch bei der Kooperation von Hauraton und Awatree geht es im Kern um die Digitalisierung und Fernüberwachung von Entwässerungstechnik und Regenwasserspeichern. Awatree soll in diesem Zusammenhang Sensoren entwickeln, die sich in Rinnen und Regenwasserspeichern unterbringen lassen und Parameter wie die Temperatur, die Qualität und Füllstand des Regenwassers in Echtzeit messen.

Der Einsatz solcher Sensoren allein führt allerdings noch nicht zu einem ganzheitlichen Regenwassermanagement. Das System muss auch in der Lage sein, die gesammelten Daten zu verarbeiten, mit aktuellen Wetterdaten abzugleichen und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten – zum Beispiel die präventive Leerung eines Regenwassertanks bei Starkregen. Damit das möglich ist, bedarf das System nicht nur passiv messende Sensoren, sondern auch so genannte Aktoren, die automatische Aktionen auslösen können. Auch die soll Awatree für die Entwässerungstechnik von Hauraton entwickeln.
Die Vorteile eines digitalen Regenwassermanagements betreffen nicht zuletzt auch das Thema Wartung. Indem das System Echtzeitdaten über Quantität und Qualität des gesammelten Regenwassers und den Zustand der Entwässerungstechnik bereitstellt, lassen sich mögliche Betriebsstörungen und daraus resultierende Folgeschäden frühzeitig erkennen und bestenfalls verhindern, außerdem können Wartungen zielgenauer durchgeführt werden. „Bisher wird nach Wartungsintervallen gehandelt, obwohl die Anlage dies möglicherweise noch gar nicht nötig hat“, erläutert Marcus Reuter, Vorsitzender der Hauraton-Geschäftsleitung. „Mit den realen Analysedaten kann dann gezielt agiert werden, wenn der Bedarf da ist.“
Vertriebspartnerschaft mit Premier Tech
Hauraton agierte bislang überwiegend als „reiner Entwässerer“ am Markt. Regenwasserspeicher machten nur einen Randbereich des Sortiments aus. Doch auch hier geht der Entwässerungsspezialist nun neue Wege. Auf der IFAT wurde nämlich auch eine Vertriebspartnerschaft mit dem kanadischen Hersteller Premier Tech verkündet, der als Erfinder moderner Kunststoff-Flachtanks für die unterirdische Regenwasserspeicherung gilt.

Als erstes Ergebnis der Zusammenarbeit wurden zwei großvolumige Regenwassertanks von Premier Tech in das Hauraton-Produktsortiment aufgenommen (Produkte „Neo Standard“ und „Neo X“), die Speicherkapazitäten von 10.000 bis 55.000 Litern ermöglichen. „Die Flachtanks von Premier Tech ergänzen unsere Produkte in puncto Wasserrückhaltung ideal“, findet Marcel Flattich, Hauraton-Geschäftsführer für Vertrieb und Marketing. „Sie lassen sich perfekt mit unseren anderen Produktlösungen kombinieren und mit Sensorik durch Awatree ausstatten.“
Die Tanks eignen sich sowohl für die Rückhaltung von Regenwasser als auch für dessen anschließende gesteuerte Weiterleitung. „Möglich sind etwa die gedrosselte Einleitung in die Kanalisation, eine Kombination aus Regenwasserrückhaltung und Speicherung oder aber eine reine Speicherung zur späteren Regenwasserverwendung“, erläutert Flattich.