Deutschland soll bereits 2045 klimaneutral sein – auch der Gebäudesektor. Dafür müsste das Sanierungstempo hierzulande aber deutlich zulegen. Bei S&B Strategy hat man diesbezüglich erhebliche Zweifel. Die bauaffine Münchner Unternehmensberatung hält das ambitionierte Ziel allenfalls für erreichbar, wenn die Produktivität im Bausektor drastisch gesteigert würde.
„Das wirkliche Nadelöhr liegt in der begrenzten Angebotskapazität – es fehlen schlichtweg die erforderlichen Handwerker, um die Sanierungsarbeiten umfänglich durchzuführen“, sagt Fabio P. Meggle, Manager bei S&B Strategy und Co-Autor der im Juni 2024 veröffentlichten Kurzstudie mit dem provokanten Titel „ Klimaneutralität erst 2075+? “. „Damit bedrohen die Kapazitätsengpässe im Handwerk die gesamte Klimastrategie Deutschlands.“
Laut S&B Strategy kann die Lösung des Problems nicht „mehr Personal“ sein. Das Handwerk könne den tatsächlichen Bedarf schlichtweg nicht decken. Nach Berechnungen der Studienautoren würde es unter aktuellen Bedingungen noch über 100 Jahre dauern, bis alle zu sanierenden Fassaden in Deutschland energetisch saniert sind.
Zwei Hebel zur Emissionssenkung
Um einem klimaneutralen Gebäudesektor näherzukommen, müsste vor allem der CO2-Ausstoß während der langjährigen Gebäudenutzung viel schneller und deutlicher sinken als bisher. Zur Zielerreichung stehen hier grundsätzlich zwei Hebel zur Verfügung. Entweder ersetzt man mit fossilen Brennstoffen betriebene Heizungen durch Alternativen wie die strombetriebene Wärmepumpe, oder man versucht, durch eine Dämmung der Gebäudehülle den Energiebedarf für die Wärmeerzeugung zu senken.

„In Europa und vor allem in Deutschland gehen wir einen Sonderweg, denn wir fokussieren uns nicht nur auf die Elektrifizierung der Wärmeerzeugung und die CO2-Reduktion der Stromerzeugung, sondern zusätzlich noch auf die Reduktion des Energiebedarfs durch den Einsatz von Dämmungen“, sagt Christoph Blepp, Managing-Partner bei S&B Strategy. Das Ziel der Klimaneutralität sei daher ohne umfassende Sanierung nicht realisierbar.
Das Tempo der Gebäudesanierung ist in Deutschland aber viel zu gering. Nach Angaben von S&B Strategy wurden hierzulande rund 15,7 Mio. Wohngebäude seit ihrer Errichtung noch gar nicht oder nur teilweise energetisch saniert. Ein wesentlicher Grund dafür sind die hohen Kosten. „Grundsätzlich gibt es neben den hohen Energiekosten wenig Gründe, warum jemand seine Heizung, Fassade, das Dach, die Fenster usw. erneuern sollte und dafür über 100.000 Euro investieren sollte“, erläutert Florian Moll, Senior Manager bei S&B Strategy. „Selbst eine Förderung von bis zu 70 % lässt dann noch einen hohen Selbstbeteiligungsbetrag offen.“
Sanierungsziele meilenweit entfernt
Mit anderen Worten: Investitionen in die Gebäudesanierung sind für viele Hausbesitzer einfach zu teuer und rentieren sich nicht – oder zumindest nicht schnell genug. „Durch die Bedrohung durch den Klimawandel haben wir aber ein gesellschaftliches Interesse, die Klimaneutralität im Gebäudesektor so schnell wie möglich zu erreichen“, ergänzt Florian Moll. „Wir sprechen von einer sehr hohen Summe, die vom Steuerzahler getragen werden muss.“

Gleichwohl droht Deutschland an der großen Herausforderung zu scheitern, weil schlichtweg das Personal fehlt, um die Sanierungen anzugehen. „Bei Fenstern und Wärmepumpen sind wir auf einem guten Weg, hier wurde schon viel angestoßen, und mit großen Kraftanstrengungen sind die Sanierungsziele bei diesen beiden Gewerken zwar sehr ambitioniert, können aber erreicht werden“, so Christoph Blepp. „Bei Dach und Fassade sind wir jedoch meilenweit von einem Szenario entfernt, die Sanierungsziele bis 2045 zu schaffen.“
Laut S&B Strategy muss deshalb deutlich in die Steigerung der Produktivität investiert werden, denn nur so sei der Output pro Handwerker auf der Baustelle zu erhöhen. Bei diesem Vorhaben müssten Politik, Gesellschaft und Wirtschaft an einem Strang ziehen, denn in vielen Fällen seien es regulatorische Hürden in Gestalt bestehender Normen oder baurechtlicher Regelungen, die Produktivitätssteigerungen im Baubereich behindern.
Konkret heißt es in der Studie, dass ab sofort eine jährliche Produktivitätssteigerung von 10 % vonnöten wäre, damit beispielsweise die Ziele bei der Fassadensanierung schon bis 2045 erreicht werden könnten. Ähnlich sähe es im Dachbereich aus. Nicht ganz so dramatisch sei die Situation bei den Fenstern, weil in Deutschland fast zwei Drittel der Fensterfläche bereits energetisch saniert wurde. Auch im Bereich der Heizungstechnik halten die Autoren der Studie die Modernisierungsziele für „fast komplett“ erreichbar, obwohl bis 2045 fast in 80 % aller deutschen Wohn- und Nichtwohngebäude noch eine Heizungssanierung aussteht.
Mehr Produktivität – aber wie?
Was bedeutet mehr Produktivität im Bausektor? Im Kern geht es darum, dass der Handwerker für einzelne Sanierungsmaßnahmen in Zukunft deutlich weniger Zeit benötigt als bisher. Der Sanierungsprozess muss sich beschleunigen, indem Handwerker in derselben Zeit mehr Projekte erledigen können als bisher. Auch für den Heizungsaustausch wäre ein entsprechender Produktivitätsschub natürlich sinnvoll.
Als größten Hebel für mehr Produktivität hat die Studie die Produktebene ausgemacht. Schlüssel sei eine Ausweitung der Vorkonfektionierung. Sprich: mehr Vorfertigung kompletter (Wand-/Decken-)Bauteile beziehungsweise Raummodule im Produktionswerk, also eine Verlagerung der Bautätigkeit von der Baustelle ins Fertigteilwerk. Dadurch könne man die Bauzeiten um mindestens 20 % verringern.
Als zweiten großen Hebel auf Produktebene nennt die Studie eine „Integration des gesamten Bauzyklus von Design bis Schlüsselübergabe inklusive Standardisierung und Industrialisierung (Building-as-a-Product)“. Das setzt genügend professionelle Marktanbieter voraus, die ein derartiges „Bauen aus einer Hand“ auch umsetzen können. Auf Prozessebene wirbt die Studie unter anderem für eine flächendeckende Nutzung von BIM und die Einführung von Robotik, die künftig mindestens 30 % der Arbeitszeit einzelner Mitarbeiter ersetzen könnte.
Doch bis all das kommt, scheint es noch ein beschwerlicher Weg: „Die Bauindustrie ist unglaublich fragmentiert und durchzogen von Normen, Regularien, Interessen großer Stakeholder in Wirtschaft und Politik“, sagt Christoph Blepp. „Wir brauchen einen neuen Modus, um Sanierung und Neubau eigentlich komplett neu zu denken und zu realisieren.“ Und ist das alles bis 2045 zu schaffen? „Nichts ist unmöglich, aber ich bezweifle, dass wir diese Aufgabe mit diesem Modus in etwas über 20 Jahren meistern können“, so Blepp.