Das Umweltberatungsinstitut EPEA bietet Materialpässe für alle Gebäudetypen. (Quelle: EPEA)

Plus 2023-12-14T09:32:52.313Z Was sind Gebäuderessourcenpässe?

Die Bundesregierung plant in dieser Legislaturperiode die Einführung des „digitalen Gebäuderessourcenpasses“. Er gilt als Grundvoraussetzung dafür, dass Abrissgebäude künftig effektiv als Rohstofflager für neue Bauten nutzbar werden. Die Pässe könnten sich zudem als wirkungsvolles Lenkungsinstrument erweisen, um bei Neubauten Ressourcenschonung und Kreislauffähigkeit als verpflichtendes Kriterium für die Materialwahl zu etablieren.

In den Industrieländern verursacht keine Branche mehr Abfall als die Bauwirtschaft. Bei Umbau- oder Abrissarbeiten landen Materialien wie Beton , Gips oder Kies meist auf der Deponie, obwohl sie für neue Bauvorhaben dringend benötigt und teuer bezahlt werden.

20 bis 30 % der gesamten Baukosten eines Gebäudes machen die Materialkosten aus. Die Wiederverwertung von Altbaustoffen für neue Gebäude würde also nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch Sinn machen. Die Politik fordert daher die Einführung der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Doch bevor die funktionieren kann, gibt es noch viel zu tun.

Flächendeckende Einführung wahrscheinlich

„Aktuell sind nicht einmal 10 % der Neu- und Bestandsbauten für den Rückbau konzipiert“, weist Dr. Peter Mösle auf ein Grundproblem hin. Mösle ist Geschäftsführer des 1987 gegründeten Umweltberatungsinstituts EPEA , das heute ein Tochterunternehmen des Bau- und Immobilienberaters Drees & Sommer SE ist.

Die neue Drees & Sommer-Zentrale in Stuttgart wurde mittels Materialpass kreislauffähig optimiert. (Quelle: Jürgen Pollak)

Ursprünglich gegründet wurde die EPEA GmbH übrigens von Michael Braungart – dem Vordenker der Kreislaufwirtschafts-Idee Cradle to Cradle („Von der Wiege zur Wiege“). Herkömmliche Wärmedämmverbundsysteme ( WDVS ) etwa sind eher das Gegenteil dieser Idee, weil sie aus verschiedenen, auf untrennbare Weise miteinander verbundenen Stoffen bestehen. Nach Ansicht der EPEA gehen die Rohstoffe bei solchen Systemen eher „von der Wiege ins Grab“.

„Damit es mit der nahtlosen Weiterverwertung klappt, brauchen wir zuerst einmal Transparenz, was in unseren Häusern überhaupt drinsteckt und was wir besser machen können, um CO2-Emissionen und Primärmaterial einzusparen“, erläutert Dr. Peter Mösle. „Deshalb brauchen wir flächendeckend Materialpässe für Gebäude“. Die EPEA selbst hat in den letzten acht Jahren bereits rund 100 solcher „Circularity Passport Buildings“ für alle Arten von Gebäuden erstellt – und diese dabei stetig weiterentwickelt.

Die flächendeckende Einführung von Gebäudematerialpässen – auch Ressourcenpässe genannt – scheint zumindest für Neubauten ausgemachte Sache. Die Ampel-Koalition hat sich zumindest in ihrem Koalitionsvertrag bereits auf die Einführung eines „digitalen Gebäuderessourcenpasses“ geeinigt. Laut EPEA wird die Bau- und Immobilienbranche durch geplante Regulierungsmaßnahmen in Europa und Deutschland früher oder später zu Materialkreisläufen gezwungen werden. Schließlich soll es in absehbarer Zukunft normal sein, Abrissgebäude als Rohstofflager für neue Bauten zu nutzen. Voraussetzung dafür sind Gebäudematerialpässe.

Materialwahl rückt in den Fokus

„Die Einführung eines digitalen Materialausweises wird die Bauwirtschaft so grundlegend verändern wie die Einführung des Energieausweises vor 20 Jahren, da erstmals Ressourcenschonung und Kreislauffähigkeit als verpflichtendes Kriterium in die Materialwahl einfließt“, prognostiziert Peter Mösle.

Es soll künftig normal werden, Abrissgebäude als Rohstofflager für neue Bauten zu nutzen. (Quelle: Roland Grimm)

Zum Hintergrund: Energieausweise bieten Nutzern und potenziellen Käufern von Gebäuden Informationen darüber, wie hoch der Energieverbrauch des Hauses im laufenden Betrieb ist. Die Bausubstanz selbst dagegen spielt beim Energieausweis keine Rolle. Mit der Einführung von Gebäudematerialpässen würde sich das ändern. Statt den Blick nur auf die Gebäudenutzung zu richten, würde der gesamte Lebenszyklus von Gebäuden verstärkt in den Fokus gerückt.

Die große Bedeutung, die Peter Mösle einer solchen Einführung beimisst, basiert auf der Annahme, dass positive Werte in Gebäudematerialpässen künftig bei vielen Neubauten Voraussetzung für Förderungen, Finanzierungen oder Zertifizierungen sein werden. Diese Annahme äußert die EPEA in ihrer Veröffentlichung „Ressourcen- und Materialpässe als zentrale Zukunftsinstrumente der Baubranche und wie deren Anwendung zum Mehrwert wird“ von Oktober 2023. Darin analysiert das Umweltberatungsinstitut 50 der von ihr selbst ausgestellten „Circularity Passports“.

Ein Ergebnis der Analyse ist, dass die untersuchten Materialpässe bisher ausschließlich Gebäuden mit Holz- oder Holzhybridkonstruktionen ein sehr gutes Zeugnis ausstellen. Zugleich seien solche Tragkonstruktion aber kein Garant für gute Ergebnisse. Laut EPEA kommt es auch darauf an, Produkte von Herstellern mit hoher Materialgesundheit und Kreislauffähigkeit auszuwählen. „Eine reine materialtypenbasierte Optimierung genügt hier nicht“, sagt Pascal Keppler, Leiter Digital Services bei EPEA.

Die Auswertung der 50 Circularity Passports zeigt zudem, dass sich massive Bauteile wie etwa Stahlbeton am meisten auf das Gesamtergebnis im Materialpass auswirken. Pascal Keppler: „Wer bei seinem Bauvorhaben auf eine RC-Gesteinskörnung, einen recyclingfähigen Verbau, CO2-armen Zement oder auf nachwachsende CO2-Speichermaterialien wie Holz setzt, erzielt im Materialpass ein sehr gutes Ergebnis.“

Was steht in den Pässen?

In den letzten Jahren haben bereits verschiedene Organisationen digitale Material- oder Ressourcenpässe entwickelt und in der Praxis erprobt. Die dabei entstandenen Gebäudedokumentationen haben alle gemeinsam, dass sie Informationen darüber enthalten, welche Rohstoffe in welcher Menge in einem Gebäude verbaut wurden. Auch woher die jeweiligen Baumaterialien stammen und ob sie nach dem Gebäudeabriss für andere Gebäude wiederverwendet werden können, ist eine wichtige Information, die ein „guter“ Materialpass enthalten sollte.

In der EPEA-Analyse heißt es: „Egal ob Materialpass, Material Passport oder Ressourcenpass: Alle diese Namen beschreiben zusammenfassende Informationen über die Materialität von Gebäuden und deren Kreislauffähigkeit. Diese dienen – genau wie der Energieausweis – zum einen zur Dokumentation des gebauten Zustandes, zum anderen aber auch als Planungsinstrument, welches Planungsteams die Möglichkeit gibt, Gebäude anhand messbarer Kennwerte zu optimieren.“

Nun sind Gebäudematerialpässe eine relativ neue Idee, die bislang nicht standardisiert wurde. Bislang bieten unterschiedliche Anbieter mehr oder weniger unterschiedliche Passmodelle an. Insofern ist die Frage, was eigentlich in so einem Pass steht, eben doch nicht so eindeutig zu beantworten. Solange es keine einheitlichen Standards gibt, kommt es auf das jeweilige Modell an. „Wir brauchen aber unbedingt einen gesetzlichen Rahmen für einen einheitlichen Standard“, fordert EPEA-Geschäftsführer Peter Mösle.

Nach Ansicht der EPEA sollte ein Materialpass mindestens folgende Informationskategorien umfassen: Materialtypen und -mengen, CO2-Fußabdruck der Materialien, Materialherkunft und Materialverwertung. So steht es in der oben genannten Analyse. Zudem sollten Ökobilanzen als integraler Teil von Materialpässen verstanden werden und nicht als separates Werkzeug. Die Dokumente sollten zudem auch Auskunft darüber geben, wie hoch der Materialanteil aus erneuerbaren oder recycelten Quellen ist. Ferner empfiehlt die EPEA Infos zu Schadstoffgehalt, Recyclingfähigkeit, Trennbarkeit der Materialien sowie zur Demontierbarkeit der Bauteile.

zuletzt editiert am 14. Dezember 2023