Bauen dauert in Deutschland zu lange und ist zu teuer. Eine Ursache dafür sind langwierige Genehmigungs- und Planungsprozesse. Die Bauindustrie fordert Reformen und die Einführung eines wirkungsvollen „Bauturbos“. Ein im Auftrag des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie erstelltes Gutachten fragt nun, was Deutschland diesbezüglich von anderen Ländern lernen kann, und benennt die aus Branchensicht wesentlichen Hebel für einen echten Bau-Turbo.
Das Mitte Mai veröffentlichte Gutachten „Internationale Produktivitätsunterschiede in der Bauwirtschaft – Was kann Deutschland von seinen Nachbarn lernen?“ (Link zum PDF hier ) wurde vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) erstellt. Die 35-seitige Publikation basiert auf Interviews mit internationalen Bauexperten und Unternehmensbefragungen. Nach Angaben des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, der das Gutachten in Auftrag gegeben hat, werden darin „Hebel identifiziert, die einen echten Bau-Turbo in Deutschland zünden und die Produktivität der Unternehmen steigern könnten“.
Hintergrund: Bau-Turbo
Bevor wir auf diese Hebel näher eingehen, wollen wir in einem Exkurs kurz beleuchten, was mit dem Begriff Bau-Turbo eigentlich gemeint ist. Vor kurzem hat das Thema wieder an Aktualität gewonnen: Die neue Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) hat nämlich Mitte Mai im Bundestag angekündigt, bereits während der ersten 100 Tage ihrer Amtszeit einen „Wohnungsbau-Turbo“ einzuführen.
Am 18. Juni hat das Bundeskabinett dann tatsächlich einen Bau-Turbo als Teil des „ Gesetzentwurfs zur Beschleunigung des Wohnungsbaus und zur Wohnraumsicherung “ beschlossen. Der Gesetzentwurf befindet sich nun im parlamentarischen Verfahren. Ein Inkrafttreten wird im Herbst 2025 erwartet.
Kern des geplanten Bau-Turbos ist ein neuer § 246e im Baugesetzbuch . Wenn die Gemeinde zustimmt, soll es im Wohnungsbau künftig grundsätzlich möglich sein, von den bisher geltenden Vorschriften des Planungsrechts weitgehend abzuweichen. Insbesondere soll die Notwendigkeit der Erstellung umfangreicher Bebauungspläne künftig entfallen können. Das spart Zeit, Arbeit und Geld, denn in Deutschland dauert es oft mehrere Jahre, bis der Bebauungsplan für ein geplantes Projekt vorliegt.
Wichtig: Der geplante Bau-Turbo soll nur für den Wohnbau gelten, nicht allgemein für das Bauen. Wenn durch neue Wohngebiete auch neue soziale und kulturelle Einrichtungen wie beispielsweise Kitas notwendig werden, soll der Bau-Turbo für diese aber ebenfalls anwendbar sein. Die Turbo-Regelungen sollen zudem bis zum 31. Dezember 2030 befristet sein und nur mit expliziter Zustimmung der zuständigen Gemeinde angewendet werden dürfen. Sie gelten im Übrigen nicht nur für Wohnneubauten, sondern auch für Erweiterungen bestehender Wohnhäuser wie etwa Aufstockungen beziehungsweise für bisherige Nichtwohngebäude, bei denen eine Umnutzung zu Wohnzwecken geplant ist.
Wenn der geplante Bau-Turbo wie geplant im Herbst auch vom Bundestag beschlossen wird, handelt es sich gewissermaßen um einen Turbo mit einjähriger Verspätung. Gesetzliche Rahmenbedingungen für einen Bau-Turbo, der Kommunen in die Lage versetzt, Bauprojekte schneller durchzusetzen, sollten nämlich eigentlich schon Ende 2024 kommen. Bereits die Ampel-Regierung hatte eine entsprechende Reform des Baugesetzbuches beschlossen, doch der Gesetzentwurf scheiterte im Bundestag, nachdem die FDP aus der Regierung ausgeschieden war.
Deutschland hat ein Produktivitätsproblem
Zurück zum vom Hauptverband der Deutschen Bauindustrie beauftragten IW-Gutachten. In diesem werden ebenfalls einige Hebel diskutiert, durch die Bauen in Deutschland schneller und günstiger werden könnte – auch wenn der Begriff Bau-Turbo im Gutachten gar nicht auftaucht.
Die Experten-Interviews und Unternehmensbefragungen des IW haben insbesondere bestätigt, dass die Produktivität der deutschen Bauwirtschaft heute deutlich schlechter ist als in vielen europäischen Nachbarländern. Vor allem im Vergleich zu Ländern wie den Niederlanden und Dänemark schneidet Deutschland schlecht ab. Vor allem in den 2010er-Jahren machten diese Länder Fortschritte bei der Arbeitsproduktivität im Bausektor. Sie hängten damit Deutschland ab, wo die Produktivität im Durchschnitt der Jahre 2011 bis 2019 rückläufig war.
Und Besserung scheint erstmal nicht in Sicht. Die im Zeitraum Oktober bis Dezember 2024 durchgeführten Unternehmensbefragungen des IW ergaben jedenfalls, dass auch größere Baufirmen in Deutschland nicht damit rechnen, dass sich ihre Produktivität in den nächsten fünf bis zehn Jahren merklich verbessern wird.
Bürokratische Hemmnisse
Die Autoren des Gutachtens vertreten die These, dass systematische Unterschiede bei der Bauproduktivität verschiedener Länder auf unterschiedliche Rahmenbedingungen zurückführbar sind. Und sie halten die „Regulierung und Bürokratie“ in Deutschland als das mit weitem Abstand größte Hemmnis für die hiesige Bauproduktivität. Erst danach würden andere Faktoren folgen – wie etwa der Mangel an Fachkräften, der geringe Grad der Digitalisierung (Stichwort „ BIM “) oder die Unsicherheiten bezüglich der Dekarbonisierung der Baubranche.

Unterstrichen wird dies durch die Unternehmensbefragung, bei der fast drei Viertel der Firmen, die zukünftig von einer eher schwachen Produktivitätsentwicklung in ihrem eigenen Betrieb ausgehen, die stark produktivitätshemmenden Effekte von Regulierungsauflagen, Bürokratie und Reportingpflichten als entscheidenden Faktor nennen.
Von den Nachbarländern mit höherer Bauproduktivität unterscheidet sich Deutschland insbesondere durch seine auf DIN-Normen basierenden strikten Baustandards. Diese schreiben für viele Bauanwendungen sehr konkrete Lösungen vor, was laut IW-Gutachten Innovationen unterbinde. Der Wettbewerb der Unternehmen beschränke sich aufgrund dieser Rahmenbedingungen nur auf den Preis für einen gegebenen Standard, die Suche nach besseren und innovativen Lösungen wird erst gar nicht aufgenommen.
In Ländern mit einer mehr zielorientierten Regulierung können Planer und Baufirmen dagegen oft selbst entscheiden, wie sie vorgegebene Mindeststandards oder Ziele erreichen. Nach Ansicht des IW werden dadurch Anreize gesetzt, bessere und günstigere Lösungen zur Erreichung der Ziele zu finden. Laut Gutachten hat dieser Unterschied zwischen einer zielorientierten Regulierung und einer standardorientierten Regulierung einen sehr großen Einfluss auf die unterschiedliche Entwicklung der Bauproduktivität in den verschiedenen Ländern.
Vorteile der integrierten Planung
In Deutschland laufen Planung und Bau traditionell getrennt voneinander ab. Architekten planen unabhängig, die Bauunternehmen führen aus. Laut IW-Gutachten trägt auch das zur schwachen Bauproduktivität bei: „In den Niederlanden sind Architekten oftmals Angestellte der Projektentwickler, weshalb Planung und Bau von Anfang eng koordiniert werden, um so effizienteres Bauen zu ermöglichen. (...) In Dänemark wird die von Architekten geleitete Bauplanung zunehmend ersetzt durch globale, Multi-Skill-Ingenieur-Teams mit eingebundenen Architekten, um Friktionen im Bau zu vermeiden“.
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Laut Gutachten ist eine solche integrierte Planung in der Regel produktiver. Entscheidend dafür sei gar nicht, dass Architekten ihre Unabhängigkeit verlieren, sondern dass Planung und Bau als „kommunizierende Röhren“ permanent in Verbindung stehen. Bei der Identifikation von Umsetzungsproblemen sind dann nämlich Plananpassungen viel schneller möglich.