RM Rudolf Müller
Nach außen öffnende Drehflügelfenster

Es gibt auch Drehflügelfenster, die nach außen öffnen. Foto: Rosel Eckstein / www.pixelio.de

Bauelemente
03. Juni 2014 | Artikel teilen Artikel teilen

Fassadenfenster: Übersicht über die Öffnungsmechanismen

In Deutschlands Wohnungen erfolgt das Stoßlüften meist über Drehflügelfenster. Dass der Flügel dabei in den Raum gezogen wird, erscheint uns selbstverständlich. Dabei gibt es in Wirklichkeit eine Reihe von Alternativen zum Drehbeschlag – nicht nur für Fenster im Dachbereich, sondern auch für die Fassade. Und selbst das Öffnen nach innen ist keineswegs überall die Regel. In vielen Teilen der Welt werden Fenster nämlich standardmäßig nach außen geöffnet.

Der mit Abstand am meisten verbreitete Fassadenfenstertyp in Deutschland ist das Drehflügelfenster, insbesondere die Variante mit Drehkipp-Beschlag. Der heißt so, weil man den Flügel wahlweise komplett öffnen oder auch nur auf Kippstellung einstellen kann. Damit das funktioniert, verfügt das Fenster über zwei Beschlagsysteme. Einerseits befinden sich rechts oder links am Fensterrahmen Bandbeschläge (Scharniere), die den Flügel tragen, wenn man ihn in den Raum schwenkt. Anderseits ist auch der waagerechte untere Teil des Rahmens mit Bändern versehen. Diese fixieren das Fenster, wenn der Flügel um etwa 15 Grad in den Raum gekippt wird.

Drehkipp-Beschläge werden übrigens seit 1935 industriell gefertigt. Die Idee stammt vom Erfinder Wilhelm Frank, der auch das Unternehmen gründete, aus dem der heutige Beschlagspezialist Roto Frank AG hervorgegangen ist. Übrigens gibt es auch einfache Drehflügelfenster, die nicht kippbar sind, und auf der anderen Seite auch reine Kippfenster. Letztere findet man vor allem in älteren Gebäuden häufig als Oberlichter über Fenster oder Türen.

Auswärts öffnende Fenster

Wendeflügelfenster

Wendeflügelfenster sieht man heutzutage nur noch selten. Foto: Wicona

Was viele nicht wissen: Drehflügelfenster gibt es nicht nur mit einwärts, sondern auch mit auswärts öffnenden Flügeln. Vor allem in Nordamerika, Großbritannien, Skandinavien und Asien dominiert traditionell diese Öffnungsvariante – und zwar nicht nur im Objekt-, sondern auch im Wohnungsbau. Das hat für die Bewohner den Vorteil, dass der Flügel bei geöffnetem Fenster keinen Platz im Innenraum beansprucht und sie vor dem Stoßöffnen nicht erst noch die Fensterbank frei räumen müssen. Der Nachteil: Die äußere Glasscheibe kann im Prinzip nur von außen gereinigt werden.
Es ist kein Zufall, dass auswärts zu öffnende Fenster insbesondere in nördlichen Regionen wie Skandinavien und Großbritannien stark verbreitet sind. Sie sind nämlich besonders winddicht, weil der Fensterflügel bei Winddruck in den Rahmen gepresst wird. Bei einwärts öffnenden Fenstern wird der Flügel dagegen vom Rahmen weggedrückt. Wegen dieses Vorteils bei hohen Windlasten findet man auswärts zu öffnende Fenster auch in Deutschland häufiger in Küstengebieten oder beispielsweise auch bei Hochhäusern mit Glasfassaden. In Kauf nehmen muss man bei dieser Bauweise allerdings, dass sich die Metallbeschläge außen am Rahmen befinden und daher nicht wettergeschützt sind.

Schwingen und wenden
So genannte Schwingflügelfenster kennt man vor allem im Dachbereich (siehe Beitrag Dachfenstertypen), es gibt sie allerdings auch als Fassadenfenster. Zum Einsatz kommt diese Variante vor allem bei sehr großen Flügeln, die für den klassischen Drehbeschlag zu schwer sind. Beim Schwingflügel dagegen verteilt sich das Gewicht auf zwei Befestigungspunkte an den beiden gegenüberliegenden senkrechten Rahmenteilen. Das Funktionsprinzip ist vom Dachfenster bekannt: Der Flügel bewegt sich beim Öffnen um seine waagerechte Mittelachse, sodass die obere Fensterhälfte in den Raum hineinragt, während die untere Hälfte ins Freie schwingt. Die Griffleiste zum Öffnen befindet sich meist unten am Fensterrahmen, manchmal aber auch oben. Man kann denn Flügel fast um 180 Grad um seine eigene Achse drehen, sodass auch die Reinigung der Außenscheibe kein Problem darstellt.

Ein weiterer Öffnungsmechanismus bei Fassadenfenstern ist der so genannte Wendeflügel. Sein Prinzip ähnelt dem des Schwingflügels, nur dass die Drehachse nicht waagerecht, sondern senkrecht verläuft. Der Flügel ist also oben und unten am Rahmen aufgehängt und lässt sich um diese senkrechte Mittelachse drehen (siehe Foto). Ein Nachteil dieser Konstruktionsart ist, dass es kaum möglich ist, Rollläden oder außen liegende Jalousien vor dem Fenster zu montieren. Dafür erlaubt der Wendeflügel, ebenso wie der Schwingflügel, ein optimales Lüften, ohne dass die Raumnutzung in Fensternähe eingeschränkt wird.

Schwing- und Wendeflügel werden heute in Deutschland – außer bei Dachfenstern – nur noch relativ selten verbaut. Offenbar sind sie einfach aus der Mode gekommen. In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hat man sie allerdings insbesondere für Bürohäuser und öffentliche Gebäude häufig eingesetzt. In vielen alten Schulgebäuden findet man sie noch heute.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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Senk-Klappfenster von Roto

Senk-Klappfenster lassen sich nach außen klappen. Foto: Roto

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