RM Rudolf Müller
Vielfältige Designs: Tapeten ermöglichen eine individuelle Wohnraumgestaltung. Foto: Marburger Tapetenfabrik

Vielfältige Designs: Tapeten ermöglichen eine individuelle Wohnraumgestaltung. Foto: Marburger Tapetenfabrik

 
Boden und Wand
22. August 2017 | Artikel teilen Artikel teilen

Kleine Tapetenkunde

In deutschen Wohnungen sind Tapeten das beliebteste Material zur Bekleidung der Innenwände. Sie sind weitaus verbreiteter als Alternativen wie Holzvertäfelungen, Fliesen oder Putz. Doch Tapete ist nicht gleich Tapete. Es gibt ganz unterschiedliche Arten. Eine kleine Tapetenkunde.

Historische Vorläufer für unsere heutigen Tapeten waren Wandteppiche und Wandbekleidungen aus Leder. Sie fanden zuerst im Orient Verbreitung und kamen von dort nach Europa. Dabei handelte es sich allerdings um teure Produkte für die wohlhabenden Schichten der Gesellschaft. Im 14. Jahrhundert begann dann die Herstellung bedruckter Wandpapiere. Nun konnten es sich zumindest die besser gestellten bürgerlichen Haushalte ebenfalls leisten, ihre Innenräume per Wandbekleidung individuell zu gestalten. Für große Teile der Bevölkerung blieben solche Produkte aber noch lange Zeit Luxus. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich die Tapete als Massenprodukt für deutsche Wohnstuben  durchgesetzt.

Überstreichbare Wandbekleidungen

Die ersten mittelalterlichen Tapeten bestanden aus bedrucktem Papier. Es handelte sich also um fertige Bekleidungen, die man nur an die Wand kleben, anschließend aber nicht mehr bearbeiten musste. Heute dagegen werden am häufigsten Tapeten verkauft, die man nach dem Tapezieren noch mit einer Wandfarbe anstreichen muss. Es handelt sich also um unfertige Erzeugnisse, die erst durch den Anstrich ihr endgültiges Finish erhalten.

Der Vorteil dieser überstreichbaren Tapeten: Man kann sie farblich mehrfach „auffrischen“, ohne neu tapezieren zu müssen. Zu den überstreichbaren Wandbekleidungen zählt natürlich die Raufaser-Tapete – die am meisten verbreitete Innenwandbekleidung überhaupt. Raufaser besteht aus mehren Lagen Papier, das während der Herstellung mit Holzfasern vermischt wird. Dadurch ergibt sich die raue, körnige Struktur.

Doch längst nicht alle überstreichbaren Wandbekleidungen haben die typische Raufaser-Struktur, und viele Produkte bestehen heute gar nicht mehr aus Papier. Mittlerweile haben sich nämlich auch andere Materialien auf dem Tapetenmarkt etabliert: zum Beispiel mit Kunststoff-, Textil- und Vliesoberflächen. Vor allem Vliestapeten sind in den letzten Jahrzehnten immer beliebter geworden und haben die gute alte Papiertapete längst als Nummer eins abgelöst. Ihr Marktanteil liegt heute bei etwa 80 %. Natürlich gibt es auch Vliestapeten in Raufaser-Optik.

Papier- und Vliestapeten

Unvergänglicher Klassiker: Weiße Raufaser eignet sich als neutraler Hintergrund für Wandschmuck aller Art. Foto: Grimm

Unvergänglicher Klassiker: Weiße Raufaser eignet sich als neutraler Hintergrund für Wandschmuck aller Art. Foto: Grimm

Wie gesagt: Überstreichbare Wandbekleidungen sind heute in vielen Materialvarianten erhältlich. Dasselbe gilt für fertige Wandbekleidungen, die nach dem Tapezieren keine zusätzliche Endbeschichtung mehr benötigen. Die europäische Norm DIN EN 235 unterteilt die Hauptgruppe der fertigen Tapeten in acht Untergruppen: Papier, Vlies, Kunststoff (mit Papierträger), Kunststoff (ohne Papierträger), Textil, Metall-Effekt, Naturwerkstoff und Velours.

Papierwandbekleidungen sind Tapeten aus bedrucktem, geprägtem oder geknittertem Papier. Häufig wird Recyclingpapier verwendet. Vliestapeten bestehen dagegen hauptsächlich aus pflanzlichem Zellstoff und Polyesterfasern, die durch ein Bindemittel zusammengehalten werden. Vlies-Wandbekleidungen sind einseitig imprägniert, widerstandsfähig, in Nassbereichen einsetzbar und meist schwer entflammbar (Baustoffklasse B1).

Zum großen Erfolg der Vliestapeten hat nicht zuletzt ihre leichte Verarbeitbarkeit beigetragen. Während man Papiertapeten rückseitig mit Kleister einstreichen und anschließend eine fünf- bis zehnminütige Einweichzeit abwarten muss, braucht man beim Vlies nur die Wand einzukleistern. Anschließend lässt sich die Wandbekleidung sofort verkleben. Wahlweise kann man auch die Tapetenrückseite einkleistern – ebenfalls ohne Weichzeit. Ein weiterer Vorteil: Vliestapeten lassen sich trocken und rückstandslos wieder von der Wand abziehen, falls diese irgendwann mal neu tapeziert werden soll.

Kunststoff- und Textiltapeten

Tapeten aus Kunststoff sind bisher Nischenprodukte. Es gibt sie mit glatter Oberfläche, aber auch mit plastischen, dreidimensionalen Strukturen. Da sie absolut wasserabweisend sind, eignen sie sich insbesondere für stark beanspruchte Nassbereiche. Außerdem lassen sie sich sehr bequem reinigen. Nachteil ist allerdings, dass Kunststofftapeten wasserdampfdicht sind, sodass sich auf ihrer Oberfläche schnell Feuchtigkeit sammelt. Für Wohn- und Schlafbereiche sind sie daher nicht zu empfehlen. Es gibt Tapeten, die komplett aus Kunststoff bestehen, und solche, bei denen die Kunststoffoberfläche auf einen Papierträger kaschiert wird.

Die heutigen Textiltapeten sind gewissermaßen eine moderne Variante der alten Wandteppiche. Ihre Oberfläche besteht aus Fäden, gewonnen aus natürlichen oder künstlichen Fasern, die auf einen Papier- oder Vliesträger geklebt werden. Die Fäden können zu Geweben verarbeitet oder auch nur nebeneinander auf dem Trägermaterial angeordnet sein. Auch Textiltapeten mit zusätzlichen Druckmotiven sind erhältlich.

Metall – Naturwerkstoff – Velours

Perfekte Illusion: Moderne Fototapete im Bücherregal-Design. Foto: Rasch

Perfekte Illusion: Moderne Fototapete im Bücherregal-Design. Foto: Rasch

Als weitere fertige Wandbekleidungen führt die DIN EN 235 so genannte Metall-Effekt-Tapeten auf. Ein relativ teures Nischenprodukt sind Tapeten aus Aluminiumfolie, die auf einem Vlies- oder Papierträger aufgebracht ist. Die Folie wird mittels farbiger Lasuren beziehungsweise durch Ätzen oder Oxidieren bearbeitet. Das ermöglicht verschiedene Metalleffekte, ist aber aufwändig in der Herstellung. Eine neuere, günstigere Alternative sind Tapeten, bei denen das Trägermaterial mit Metalleffektpigmenten beschichtet wird.

Zu den Nischenprodukten gehören auch die Naturwerkstoff-Tapeten. Deren Oberfläche besteht zum Beispiel aus Blättern, Gras oder Kork. Aus Natur pur sozusagen – natürlich vorab so behandelt, dass eine dauerhafte Haltbarkeit der Tapete gesichert ist. Als Trägermaterial kommt in der Regel Papier zum Einsatz.

So genannte Velourstapeten gibt es bereits seit dem 17. Jahrhundert, außerhalb historischer Gebäude findet man sie heute aber kaum noch. Typisch für diese Wandbekleidung sind ornamentartige Formen, die erhaben vom Untergrund abstehen. Die Formen werden zusammen mit Leim auf das Trägermaterial gedruckt und anschließend mit kurzen Natur- oder Kunstfasern beflockt. Die dreidimensionalen Muster ergeben sich, weil die Fasern nur an den Stellen haften bleiben, wo der Leim aufgebracht wurde.

Wandbildtapeten

Eine eigenständige Tapetenkategorie für sich bilden die so genannten Wandbildtapeten – besser bekannt unter Namen wie Foto- oder Panoramatapete. Diese Produkte zeichnen sich durch wandfüllende Großmotive aus, die aus mehreren Tapetenbahnen zusammengesetzt werden. Derartige Großdrucke waren früher  nur mit viel Aufwand herzustellen, stellen im Zeitalter des Digitaldrucks aber keine technische Herausforderung mehr da. Deshalb feiert vor allem die fotorealistische Wandbildtapete in den letzten Jahren eine kleine Renaissance.

Mehr zu Wandbekleidungen finden Sie in der Übersicht


Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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