RM Rudolf Müller
Brandversuch mit Brandriegeln

Das Foto zeigt die Auswirkungen eines Zimmerbrandes auf eine WDVS-Fassade. Durch Stichflammen aus dem Fenster ist zwar ein Teil der EPS-Fassade in Brand geraten, die Feuerausbreitung konnte aber durch den Brandriegel aus Steinwolle (gelber Streifen gestoppt werden. Foto: Fachverband WDVS

 
Baurecht
21. Mai 2013 | Artikel teilen Artikel teilen

Hintergrund: Brandverhalten von Baustoffen

Leicht entflammbare Materialien dürfen beim Bau von Gebäuden in der Regel nicht eingesetzt werden. Allerdings geht der bauliche Brandschutz nicht soweit, dass er ausschließlich die Verwendung nicht brennbarer Baustoffe vorschreiben würde. Stattdessen dürfen in vielen Fällen auch Materialien zum Einsatz kommen, deren Brandverhalten etwa als „schwer entflammbar“ oder „normal entflammbar“ beschrieben wird. Doch was bedeuten eigentlich diese Klassifizierungen? Antworten darauf findet man in der deutschen Brandschutznorm DIN 4102 sowie in der europäischen DIN EN 13501.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Keine dieser Normen definiert die Brandschutzanforderungen, die für bestimmte Gebäudetypen oder für bestimmte Bauteile in Gebäuden einzuhalten sind. Das wird in Deutschland nämlich in den Landesbauordnungen festgeschrieben. Aber um die Anforderungen eindeutig beschreiben zu können, benötigt man ein entsprechendes Vokabular – also klar definierte Begriffe wie zum Beispiel „schwer entflammbar“ oder „feuerhemmend“. Und solche Klassifizierungen und ihre Bedeutung werden in den Normen geregelt.

Die europäische DIN EN 13501-1 wurde 2010 eingeführt und ist seitdem für neu zugelassene Baustoffe zwingend anzuwenden. Ansonsten können in Deutschland aber auch die Klassifizierungen nach der nationalen DIN 4102 bis auf weiteres weiter verwendet werden. Beide Normen beschreiben einerseits verschiedene Baustoffklassen zur Bestimmung des Brandverhaltens von Baustoffen und andererseits die so genannten Feuerwiderstandsklassen, die aussagen, wie lange ein Bauteil dem Feuer standhalten kann. Im Folgenden beschränken wir uns auf die Baustoffklassen, während die Feuerwiderstandsklassen in einem eigenen Fachwissen-Beitrag beschrieben werden.

In den Normen wird außerdem noch festgelegt, durch welche Prüfungen das Brandverhalten von Baustoffen beziehungsweise die Feuerwiderstandsdauer von Bauteilen nachzuweisen sind. Übrigens gelten die genannten Brandschutznormen nicht für alle Bauweisen. Der Stahlbetonbau wird ebenso in einer eigenen Norm geregelt (DIN EN 1992-1-2) wie der Stahlbau (DIN EN 1993-1-2) und der Holzbau (DIN EN 1995-1-2).

Baustoffklassen nach DIN 4102

In der DIN 4102 werden folgende fünf Klassen unterschieden:

Baustoffklasse A1: nicht brennbare Baustoffe, die auch keine brennbaren Bestandteile beinhalten. Dazu gehören zum Beispiel Zement, Gips, Kalk, Mörtel, Beton, Steine, Bauplatten aus mineralischen Bestandteilen, Mineralwolle, Ziegel und Metalle.

Baustoffklasse A2: nicht brennbare Baustoffe mit brennbaren Bestandteilen. Zu dieser Klasse gehören insbesondere Gipsfaserplatten und Gipskartonplatten mit spezieller Feuerschutzbehandlung. Die Materialien enthalten kleine Mengen an brennbaren Bestandteilen, allerdings so wenig, dass sie sich durch Feuer nicht entzünden.

Baustoffklasse B1
: schwer entflammbare Baustoffe. Die mit B1 klassifizierten Baustoffe sind grundsätzlich brennbar, sie brennen aber nicht selbstständig weiter, wenn das ursprüngliche Feuer erloschen ist. Diese Eigenschaften treffen zum Beispiel auf Holzwolle-Leichtbauplatten, Gipskartonplatten mit gelochter Oberfläche, Hartschaum-Wärmedämmplatten mit Flammschutzzusatz, Eichenparkett oder Guss- und Walzasphalt-Estrich zu.

Baustoffklasse B2
: normal entflammbare Baustoffe. B2-Baustoffe sind leichter entflammbar als B1-Materialien und können dann auch ohne weitere Wärmezufuhr von alleine weiter brennen. Beispiele dafür sind Holz, viele Holzwerkstoffe, Hartschaum-Wärmedämmplatten ohne Flammschutzzusatz, PVC-U-Rohre, Fußbodenbeläge aus PVC, Linoleum oder Textilien sowie Bitumen- und Kunststoff-Dichtungsbahnen.

Baustoffklasse B3: leicht entflammbare Baustoffe. Der Unterschied zwischen B2 und B3 liegt in der Geschwindigkeit. B3-Baustoffe sind noch schneller zu entzünden – bereits kleine Zündquellen reichen aus – und sie brennen dann auch ohne weitere Wärmezufuhr sehr schnell ab. Das gilt unter anderem für loses Papier, Stroh, Heu und Ried, aber auch für reine Holzwolle sowie dünne Holz – und Holzwerkstoffplatten mit einer Dicke bis zu 2 mm. Solche Materialien dürfen ohne zusätzliche Brandschutzbehandlungen überhaupt nicht als Baustoffe eingesetzt werden.

Baustoffklassen nach DIN EN 13501

Klassifizierung des Brandverhaltens von Baustoffen

Die Tabelle zeigt die Klassifizierung des Brandverhaltens von Baustoffen sowohl nach der DIN 4102 als auch nach DIN EN 13501 (ohne Bodenbeläge. Grafik:  Baustoffkunde für den Praktiker

Das Brandverhalten von neu zugelassenen Baustoffen ist, wie bereits erwähnt, mithilfe der Baustoffklassen der europäischen DIN EN 13501 einzuordnen. Deren Systematik ist komplizierter, bietet allerdings auch zusätzliche Informationen. Statt fünf gibt es nun sieben Baustoffklassen: A1, A2, B, C, D, E und F. In die Klassifizierung fließen außerdem nicht nur Informationen darüber ein, wie leicht ein Material zu entzünden ist und wie intensiv es brennt, sondern es werden auch zwei Eigenschaften berücksichtigt, die im Brandfall von großer Bedeutung sind: die Rauchentwicklung und das Abtropfverhalten der Baustoffe.

Durch die Aufnahme dieser Brandnebenerscheinungen ist das Klassifizierungssystem noch komplexer geworden (siehe Tabelle). Die Rauchentwicklung s (für „smoke“) wird mit drei verschiedenen Abstufungen berücksichtigt (s1, s2 und s3) – ebenso das brennende Abtropfen d (für „droplets“). Außerdem enthält die DIN EN 13501 erstmals gesonderte Baustoffklassen für Bodenbeläge.

So berechtigt diese zusätzlichen Differenzierungen zum Brandverhalten von Baustoffen aus rein inhaltlichen Gründen auch sein mögen, so muss man doch sagen, dass die größere Vollständigkeit auf Kosten der Übersichtlichkeit geht. In Fachpublikationen zum Brandschutz wird in der Regel nach wie vor mit den einfacheren Baustoffklassen der DIN 4102 argumentiert. Deren Geltungsdauer ist ja auch nach wie vor unbegrenzt, aber die meisten Autoren machen offenbar auch gerne einen Bogen um die DIN EN 13501. Auch wir haben an dieser Stelle auf ausführliche Erläuterungen verzichtet. Sie würden einfach auch den Rahmen dieser Darstellung sprengen.



Über den Autor Roland Grimm ist seit Februar 2013 freier Journalist mit Sitz in Essen und schreibt regelmäßig Fachwissen-Artikel für BaustoffWissen. Zuvor war er rund sechs Jahre Fachredakteur beim Branchenmagazin BaustoffMarkt und außerdem verantwortlicher Redakteur sowie ab 2010 Chefredakteur der Fachzeitschrift baustoffpraxis. Kontakt: rgrimm1968@aol.com

 

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